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Anke Schäfer 1998, Foto: Ulrike Anhamm

Die Bücherfrau: Anke Schäfer

Sie prägt seit über 25 Jahren die Lesbenbewegung, ist soeben zur Bücherfrau des Jahres gewählt worden und wird am 9. diesen Monats 60 Jahre alt. Anke Schäfer, als vierte von fünf Töchtern geboren, erlernte ihren Traumberuf Buchhändlerin, heiratete mit 25, bekam eine Tochter, verliebte sich mit 37 Jahren in eine Frau, ließ sich von ihrem Mann scheiden und begann ein neues Leben mit und in der Frauen-/Lesbenszene.

Aber beginnen wir von vorn: Nach ihrer Ausbildung bekam Anke Schäfer einen Job bei Bertelsmann in der Werbeabteilung, was ihr sehr viel Spaß machte. Die Werbeagentur wurde allerdings aufgelöst, die Angestellten sollten in andere Abteilungen wechseln. Nun wollte sie gern ins Lektorat, doch die Antwort kam prompt: „Das geht nicht, wir hätten aber eine schöne Stelle als Sekretärin im Lektorat für sie.“ Als sie erwiderte, daß sie weder Steno noch Schreibmaschine könne, bot man ihr einen Kurs auf Kosten des Verlags an. Aber auch das lehnte sie empört ab: „So etwas würden Sie doch so etwas keinem Mann anbieten, der als Buchhändler in den Verlag kommt!“. Sie setzten sie dann in die Reklamationsabteilung. „Ich mußte dort die Fehler heraussuchen, und ein Typ sollte die entsprechenden Briefe schreiben. Das gefiel mir natürlich auch nicht, sodaß ich bald die Briefe selbst schrieb und schon dazulegte.“ Anke Schäfer verläßt schließlich Bertelsmann, um Vertreterin zu werden. Aber auch hier hat sie keine Chance. Die Begründung ist immer die gleiche: „Das ist nichts für Frauen.“

Und so landet Sie wieder bei diversen Verlagen, zunächst als Werbeassistentin, dann als stellvertretende Werbeleiterin, schließlich 1974 als Leiterin der Werbeabteilung bei Falken.

Inzwischen ist Anke Schäfer verheiratet und hat eine Tochter. Doch ein wenig rumort es schon in ihr: „Ich stellte fest, daß erstens diese Welt auch ohne Bücher existieren kann und zweitens für Frauen immer noch nichts passiert ist und sagte mir: das geht so nicht weiter!“

Einstieg in die Frauenbewegung

In diesem Jahr demonstriert die neue Frauenbewegung auf der Buchmesse, und Anke Schäfer ist tief beeindruckt. „Wir standen da an unsrem Verlagsstand, und ich mußte einfach zu den Frauen, um Kontakt aufzunehmen. Als ich zurückkam, bemerkte der Verlagsleiter nur: Naja, Reisende soll man nicht aufhalten…“ Am nächsten Tag flattert ihr die fristlose Kündigung ins Haus. Anke Schäfer nutzt die Zeit der Arbeitslosigkeit und der damit verbundenen Zahlung von Arbeitslosengeld, um endlich in die Frauenbewegung einzusteigen. Dabei verliefen die ersten Kontakte nicht so, wie sie sich das vorgestellt hatte:

„Ich kam nach Wiesbaden und wollte dort die Frauenszene treffen. Also schaute ich im Telefonbuch nach unter „Frauen“, fand aber nichts. Schließlich gab mir jemand den Tip, doch zum ASF (Arbeitskreis szialdemokratischer Frauen) zu gehen und gab mir auch gleich eine Adresse. Ich meldete mich dann auch dort nach dem Motto: guten Tag, ich möchte gern mitmachen, worauf ich gefragt wurde: „Bist Du denn in der Partei? Wenn nicht, geht das nicht. Du kannst gerne mal kommen und Dich still dahinsetzen undzuhören.“ Aber das wollte ich ja nun gerade nicht. Schließlich suchte ich Frauen, die emanzipiert sind, sich frei und selbständig machen wollen.“ Immerhin bekam sie den Tip, sich doch einmal an den Interessenkreis Frauenemanzipation in Wiesbaden zu wenden, was sich ja schon ganz gut anhörte. „Ich ging also dorthin und dachte, die werden sich freuen, wenn ich da bin – ja, denkste! Es fragte mich niemand, wer ich bin und was ich wollte, ich bekam nur die Anweisung: setz dich dahin, und draußen in der Küche ist Kaffee. Die Frauen lasen Klara Zetkin, und so reihum durfte mal etwas gesagt werden. Das ganze fand in einem Privatzimmer statt; irgendwann um zehn Uhr kam so ein Typ rein, setzte sich in die Ecke, aß sein Müsli und hörte zu. Es war schon sehr merkwürdig.“ Nach einer Weile ist jedoch das Eis gebrochen, und Anke Schäfer trifft sich regelmäßig mit den Frauen.

Über Lesben wird allerdings nicht geredet, Lesben existieren in der Frauenbewegung noch nicht. „Als ich allerdings dann mit meiner Freundin ankam und erklärte, daß wir ein Paar sind, stellte sich heraus, daß auch andere aus dem Kreis lesbisch waren, und es kamen auch Paare, die dann herumknutschten. Das war schon sehr schön und gewissermaßen die Geburtsstunde der Lesbenbewegung in Wiesbaden“

Traumprojekt Frauenbuchladen

Anke Schäfer 1998, Foto: Ulrike AnhammIhr Traumprojekt ist jetzt ein Frauenbuchladen. Weil Ihr betriebswirtschaftliche Kenntnisse fehlen, macht sie eine Umschulung zur staatlich geprüften Betriebswirtin und kauft von ihrem Arbeitslosengeld die für Frauen interessanten Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt. „Die packte ich dann in eine Kiste, ging in die Frauenzentren und bot sie den Frauen an: „Liebe Frauen, ich möchte demnächst einen Frauenbuchladen aufmachen. Hier sind die neuesten Bücher, die ich Euch mit vier prozent Rabatt verkaufe. Wenn der Laden allerdings steht, kriegt ihr den Rabatt nicht mehr. Ich sollt Euch nur dran gewöhnen, bei mir zu kaufen.“

Und das hat geklappt.“ Die Hoffnung, sich mit dem Frauenbuchladen einen gesicherten Arbeitsplatz zu schaffen, muß Anke Schäfer allerdings schon bald aufgeben. Sie fährt nebenbei Taxi, um den Laden zu halten. 1978 gründet sie mit einer Freundin den Frauenbuchversand und den Frauenliteraturvertrieb. Anke Schäfer übernimmt den Versand, zwei Jahre später aber auch den Vertrieb und übergibt Buchladen und Versand einem Kollektiv. Der Versand bringt immerhin soviel ein, daß der Buchladen erhalten werden kann, und auch der Vertrieb läuft für einige Jahre gut. Als das Kollektiv den Versand einstelllen will und der Vertrieb nicht mehr genug einbringt, bekommt Anke Schäfer von Alice Schwarzer die Empfehlung, auch anderes zu vertreiben, um das Projekt an sich am Leben zu erhalten. Sie lehnt kategorisch ab und übernimmt wieder die dreifache Belastung Buchladen-Frauenbuchversand und Frauenliteraturvertrieb, den sie dann erst 1994 einstellt.

Vom Lesbenkalender zum SAFIA-Projekt

Zuvor allerdings übernimmt sie 1984 von Petra Gall den Lesbenkalender, der seitdem von ihr herausgegeben wird. Zu Hoch-Zeiten hat dieser Kalender eine Auflage von über 6000 Stück; inzwischen ist die Auflage gesunken auf 2500 Exemplare. Für Anke Schäfer liegt der Grund auch in einem gescheiterten Modernisierungsversuch: „Auf Drängen einer jüngeren Mitarbeiterin, die meinte, der Lesbenkalender müsse zeitgemäßer aussehen und die auch gleich ihre Entwürfe vorlegte, gab ich dem Kalender ein neues, eben ihr neues Outfit. Das widerum gefiel vielen Stammleserinnen, die so sehr an das alte Layout gewöhnt waren, wohl überhaupt nicht. Ich habe jedenfalls unheimlich viele Frauen dadurch verloren. Und wenn mir jetzt irgendwelche Frauen vorschlagen, die Virginia anders zu gestalten, wehre ich mich immer dagegen.“ Die Virginia ist das nächste von Anke Schäfers Projekten und wird seit 1986, als sie mit einigen anderen Frauen den „Verein zur Förderung und Verbreitung von Frauenliteratur“ gründete, von ihr mitherausgegeben. „Rückblickend kann ich sagen: alles, was mit Büchern zu tun hatte, da bin ich drin gewesen – und das sehr glücklich.“

Den Lesbenkalender wird Anke Schäfer aber nun so langsam abgeben an zwei jüngere Frauen aus Kiel – natürlich kann und will sie sich nicht ganz davon verabschieden.

Schließlich hat sie mittlerweile auch andere Interessen: Beim Lesben-Pfingst-Treffen 1983 sucht sie erstmals Kontakt zu Lesben über 40, um ein lesbisches Altersheim zu gründen. „Ich wußte damals schon, daß ich im Alter nicht allein sein wollte; an die ideale Zweierbeziehung glaubte ich aber auch nicht mehr – so viel Lebenserfahrung hatte ich ja nun schon. Die Frauen damals waren ganz begeistert, und das war die Geburtsstunde von SAFIA. Wir trafen uns zunächst vierteljährlich in verschiednen Frauenferienhäusern, um verschiede Modelle zu diskutieren. Ich war wie die Mehrheit der Frauen gegen die Gründung eines Vereins, aber dann kam eine Frau, die meinte: „Ich brauche einen gemeinnützigen Verein, denn ich habe zwei Söhne, und die sollen mein Haus nicht erben. Ich möchte das Haus diesem Verein schenken.“ Naja, das haben wir eingesehen und dann auch beschlossen. Ich entwickelte die Satzung und auch den Namen, der Die Abkürzung von „Selbsthilfe alleinlebender Frauen im Alter“ ist.“ Daß dieser Verein eigentlich ein für Lesben konzipierter Verein ist, mochten die Frauen aus taktischen Gründen nicht so direkt in den Titel miteinbeziehen. Inzwischen heißt es allerdings im Untertitel „Lesben organisieren ihr Alter“, damit es keine Mißverständnisse gibt. Mittlerweile sind fast vierhundert Frauen in diesem Verein, und es gibt eine dem Verein verbundene Stiftung „Sappho“, worüber sie besonders glücklich ist.

Anke Schäfer hat im ersten Haus zeitweilig gewohnt, der Weg nach Wiesbaden war allerdings zu lang, und ausgerechnet ihre Hoffnung, mit mehreren alleinlebenden Lesben schöne Abende zu verbringen, erfüllte sich nicht. „Über mir wohnten zwei Paare, die sich wohl selbst genug waren, und ich saß unten allein. Dieser eine Winter war schon furchtbar, und ich war froh, meinen Anteil einer anderen Frau verkaufen zu können, um mich sozusagen einzukaufen in Charlottenburg. Diesen Anteil habe ich schon der Stiftung geschenkt, damit im Falle eines finanziellen Desasters zumindest da niemand herankann.“

Über ihre finanzielle Situation ist sich Anke Schäfer schon im klaren: „Ich werde arbeiten müssen bis an mein Lebensende. All mein Geld, also auch meine Lebensversicherung steckt in meinen Projekten, und ich habe meiner Tochter schon geraten, im Falle meines Todes das Erbe abzulehnen. Da gibt es nur einen Haufen von Schulden.“ Diesen Haufen von Schulden abzubauen angesichts des Frauenbuchladen-Sterbens und der Tatsache, daß es mittlerweile viele von Frauen geleitete Versandbuchhandlungen gibt, die mit ihrem reinen Frauenbuchversand konkurrieren, ist nicht gerade aussichtsreich. Aber Anke Schäfer will durchhalten: „Wenn es den Frauen bewußt wäre, daß sie mit ihrer Bestellung bei Frauenbuchläden oder bei Frauenbuchversandhandlungen direkt andere Frauen unterstützen, würden sie das auch tun. Sie sehen das aber nicht, und das ist schade. Ich sehe allerdings nicht ein, den Frauenbuchladen aufzugeben, nur weil ich persönlich keine Lust mehr habe. Dazu ist er mir zu wichtig.“

„Zeitweilig hatte ich das Gefühl, ich bin die letzte feministische Lesbe, die irgendwann im Musem steht“

Den Kompromiß, auf die neue Queer-Bewegung zu setzen und ein gemischtes Programm anzubieten, lehnt sie nach wie vor ab: „Mit Männern, also auch Schwulen habe ich nichts gemeinsam. Wenn Frauen meinen, sie müssen das machen, sollen sie das auch machen, aber ich will mein Konzept nicht dauernd umschmeißen. Zeitweilig hatte ich das Gefühl, ich bin die letzte feministische Lesbe, die irgendwann im Musem steht. Aber inzwischen kommen eben auch Frauen „zurück“, die schlechte Erfahrungen in diesen Zusammenhängen gemacht haben, weil sie untergebuttert werden.“

Auf die Frage, was ihr denn als nächstes Projekt so vorschwebt, oder ob sie sich nun doch ein wenig zurückziehen will, antwortet sie: „Mal sehen, was so kommt. Nein, ich weiß es eigentlich schon: Ich hätte gern einen lesbischen Friedhof! Es gibt auch schon eine Gruppe bei SAFIA, die sich mit dem Thema beschäftigt. Friedhöfe sollen ja unheimliche Kraftorte sein, haben sie uns erzählt – naja, ob das so stimmt, weiß ich nicht, aber es ist doch eine schöne Idee! Oder wenigstens ein lesbisches Beerdigungsinstitut; das wäre auch ganz toll, damit wir auch mal irgendwo Arbeitsplätze schaffen: Schreinerinnen, Töpferinnen, Gärtnerinnen, Schneiderinnen, usw. Ich weiß nicht, ob ich das alles noch so machen und schaffen kann. Wir werden sehen.“

In der Tat.  Aber erst einmal sollte Anke Schäfer am 9. August ausgiebig feiern.

Und dann sehen wir weiter.

 

 

Über Ulrike Anhamm

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