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25 Jahre Michigan Womyn´s Music Festival

1974 veröffentlichte Alix Dobkin mit „Lavender Jane loves women“ das erste lesbenidentifizierte Musik-Album der Geschichte. Aufbruchstimmung in der Frauen- und der Lesbenbewegung. Die ersten Frauenmusikfestivals fanden statt. Doch von Michigan ist es ganz schön weit zum nächsten Festival, fanden die Schwestern Lisa und Kristy Vogel mit weiteren Freundinnen. Also warum nicht selbst ein Festival in Michigan organisieren? Gesagt, getan: Das We-Want-The-Music-Collective wurde gegründet und 1976 fand das erste Womyn´s Music Festival in Michigan statt. Die Organisatorinnen waren damals achtzehn und neunzehn Jahre alt… Seit damals ist das Festival in den USA und teilweise sogar weltweit in Frauen- und besonders in Lesbenkreisen ein feststehender Begriff. Ein besonderes Merkmal dieses Festivals ist es, Frauen ganz verschiedenen Alters zu begeistern – vom Neugeborenen bis zur Neunzigjährigen ist schon alles dagewesen.

Im August 2000 fand das Michigan Womyn´s Music Festival zum 25. Mal statt.

6000 bis 10.000 Frauen, nicht nur aus den USA, reisen jedes Jahr Anfang August an eine verschlafene Abzweigung an einer Landstraße in Michigan, dann noch fünf km Sandweg und da ist es endlich: The Land. Das ist ein Begriff, der von den Frauen mit beinahe verklärter Stimme ausgesprochen wird. „Das Land“ ist ein Stück Natur, bestehend aus viel Wald und ein paar Wiesen, teilweise leicht hügelig, insgesamt etwas mehr als 2,6 Quadratkilometer (=2.630.420 m2). Seitdem das Stück von dem Kollektiv erworben wurde, wird es jedes Jahr nur für dieses Festival genutzt. Vier Wochen vor der Eröffnung reisen die „Worker“ an: Frauen aus aller Welt, die die ganze Infrastruktur aufbauen. Mit der Ausrüstung und der Erfahrung von 25 Jahren Festival-Organisation stellen sie die riesengroßen Bühnen auf, verlegen Wasser- und Stromleitungen, bauen die Duschen auf, legen neue Wege an, verlegen Teppiche, damit Rollifrauen überallhin gelangen können und errichten Verkaufsstände. Die Feuerstellen für die Kochtöpfe werden ausgehoben, Unmengen Holz aufgestapelt und große Zelte als Küchen- und Essenszelte aufgebaut. Nach einer Woche Festival wird alles komplett wieder abgebaut. Den Rest des Jahres verirrt sich vielleicht mal ein einsamer Wanderer auf das nicht eingezäunte Land, ansonsten haben die Tiere und die Natur ihre völlige Ruhe.

Doch Anfang August ist das unvorstellbar. Tausende von Zelten stehen im Wald, riesige Bühnen auf Wiesen, lange Reihen transportabler Klos am Wegesrand, eine Schlange von Frauen wartet vor dem Essenszelt – geschäftiges Treiben herrscht überall. Musik ist fast immer von irgendwoher zu hören. Keine Minute vergeht, in der es nicht irgendwo johlt und lacht – wieder haben sich Frauen getroffen, die sich das ganze Jahr nicht sehen, aber regelmäßig in Michigan zusammenkommen. Nebenbei: die meisten Frauen hier sind offen und neugierig und immer an Gesprächen und neuen Kontakten interessiert. Das macht es auch einer Frau, die das erste Mal oder allein in Michigan ist, leicht und angenehm. Die amerikanische Floskel: „Hi, how are you?“ hat hier noch den Charakter einer Frage und darf ernsthaft beantwortet werden.

Der Ablauf

Montag um Punkt dreizehn Uhr wird das Haupttor zum Festival geöffnet. Unter lautem Jubel aller wartenden Frauen fahren die strahlenden Ersten aufs Festivalgelände. Für diesen Augenblick haben sie vier Tage auf staubiger Straße ohne Dusche verbracht. Die Autoschlange ist inzwischen über fünf Kilometer lang und reicht bis weit auf die öffentliche Landstraße hinaus.

Im Tausch für dein Ticket, sofern du es schon hast – sonst cash oder card – gibt es ein Bändchen ans Handgelenk. Bist du zum ersten Mal hier? Das verrätst du auch nur einmal, denn auf deine Antwort hin wird von allen Umstehenden gejohlt und gepfiffen – eine „Festie Virgin“! Damit bist du aber nicht allein, etwa ein Drittel der Frauen sind jährlich als „Festival-Jungfrau“ hier.

Im Orientation-Zelt kannst du ein Video über das Festival anschauen zur Vorbereitung auf das, was dich erwartet. Zwei Helferinnenschichten eintragen, Programmheft abholen und bitte das Fahrrad nur schieben, auf dem Gelände nicht fahren! Die Autofahrerinnen parken ihre Stinkkäfer auf einer großen Wiese am Tor. Weiter geht´s zu Fuß oder mit den Shuttles, die überall Haltestellen haben.

Schilder überall: hier gehts zum ruhigen Campingplatz, hier bist du mittendrin im Geschehen und hier ist der Platz für die über Fünfzigjährigen. Rechts und links von den Wegen im Wald entsteht innerhalb von wenigen Stunden ein Camp von gigantischen Ausmaßen. Die Küche ist nicht weit, und schon am Montagabend gibt es zumindest Sandwiches. Unseren kleinen mitgebrachten Essensvorrat ziehen wir mit einer Wäscheleine am nächsten Baum hoch, damit die Waschbären (= Raccoons) ihn nicht kriegen. Diese und viele weitere nützliche Informationen haben wir im Internet über die Festival-Seite www.michfest.com auf dem „Bulletin Board“ gefunden: Hier steht das aktuelle Festival-Wetter (ein wichtiger Punkt beim Packen). Die Frauen suchen und bieten Mitfahrgelegenheiten und geben Tips für „First-Timers“. Ausführlich wird das Thema Transsexualität diskutiert. Eine eindeutige Mehrheit sprach sich für den Erhalt von Michigan als Frauenort aus. Auch in der Worker-Community wurde heiß diskutiert. Das beschlossene Endergebnis ist auf dem Papier „Festival affirms womyn-born-womyn space“ zu lesen: Das Michigan Womyn´s Music Festival ist und bleibt ein Ort nur für Frauen, die als Frauen geboren sind und ihre ganze Lebenserfahrung als Frauen ge- und erlebt haben. Das hieße nun nicht, daß die Frauen sich nicht mit Transgender-People in deren Kampf verbünden würden, aber von ihnen wird Respekt für den Wunsch nach Frauenräumen verlangt.

Viel zu viele Angebote…

Aus dem großen Workshop-Angebot, zum Teil als Intensiv-Workshops über einen ganzen oder mehrere Tage, fällt die Auswahl schwer. Einen Schwerpunkt bilden Musik-Workshops aller Art, vor allem Singen, Trommeln und Tanz, die teilweise von bekannten Künstlerinnen wie Rhiannon oder Kay Gardener geleitet werden. Ubaka Hill baut mit 125 Teilnehmerinnen ein Drumsong Orchestra, Aleah Long einen Chor auf, die am Abschlußsonntag auftreten werden.

Politische Themen kommen auch nicht zu kurz. Ein Antirassismus-Workshop läuft über drei Tage, lateinamerikanische Lesben treffen sich ebenso wie „mixed race“-Frauen. Feminismus und Gender-Themen werden ausführlich diskutiert. Immer wieder geht es um Austausch und Vernetzung. Auch für Themen wie Körper, Gesundheit und Sex sowie für Spirituelles und Handwerkliches ist Platz. Welche gerade nicht so kommunikativ ist, läßt sich im Filmzelt nieder oder geht auf dem berühmten Crafts Bazar (=Kunsthandwerkerinnenmarkt) bummeln.

Allein mit diesen Angeboten wäre die Woche mehr als ausgefüllt.

Doch es gibt auch noch die Bühnen: Am Dienstag wird die Acoustic Stage eröffnet, mit einer lesbischen Performance und einer Solo-Comedy. Am Mittwoch dann, sehnlichst erwartet und von Tausenden Frauen bejubelt, die schon Stunden vorher in einer Schlange für gute Plätze anstanden: die Eröffnung der Night Stage mit einer großartigen Feier, bei der Frauen aus aller Welt in ihren Sprachen die Anwesenden begrüßen. Mit Tänzen, Performances und Liedern, verbunden mit einer Parade von Jung und Alt, wird die Vielfalt der Frauen gefeiert.

Am Donnerstagmittag wird die Day Stage eröffnet, so daß die musikbegeisterte Besucherin jeden Tag fast zwölf Stunden lang Musik hören und sehen kann.

Wenn dann dein Terminplan zu voll ist oder deine Ex mit ihrer Neuen herummacht oder die vielen tausend Frauen dich einfach total überwältigen, gibt es zum Glück die Möglichkeit, bei „Oasis“ emotionale Unterstützung zu bekommen. Für Gesundheit des Körpers ist auch gesorgt: beim „Womb“ gibt es nicht nur Kräutertee und Pflaster, sondern auch erfahrene medizinische Hilfe in Notfällen.

Nicht nur musikalische Highlights

Trotz glühender Mittagssonne lockt die energiegeladene Melissa Ferrick am Donnerstag eine ansehnliche Fan-Gemeinde zur Day Stage. Lesben mit Gitarre sind ja nicht eben selten, doch die coole Sängerin/Songwriterin im Unterhemd ist mit ihren sehr persönlichen Songs nicht nur hörens- sondern auch sehenswert. Die Frauen toben. Eine spezifisch amerikanische Marotte scheint die Autogramm-Sammelei zu sein – beinahe alle Musikerinnen finden sich an dem Stand des Goldenrod-Frauenmusikvertriebes ein, steigern hier ihren CD-Verkauf enorm, signieren diese und gelegentlich auch blanke Brüste und lassen sich einzeln mit den glücklichen, brav und geduldig in einer langen Schlange wartenden Fans ablichten.

Hier taucht direkt nach ihrem Auftritt auch Catie Curtis auf, die auf der Bühne nicht nur beachtliche Talente ebenfalls als Sängerin/Songwriterin an den Tag legt, sondern auch als Schlagzeugerin.

Auf der Night Stage wird an diesem Donnerstagabend ein Beispiel für die Vielfalt des Festivals präsentiert – entgegen bösen Gerüchten ist die Frauenmusikszene nämlich durchaus nicht auf Folkmusik und Lesben mit Gitarre beschränkt. Auf die fünfköpfige Jazzband Straight Ahead aus Detroit folgen Ulali, drei indigene Frauen, die sich der Bewahrung traditioneller Gesänge und Instrumente der „First Nation People“ verschrieben haben. (Der Begriff „Native American“ wird von vielen abgelehnt, da sie bzw. ihre Vorfahren schon hier waren, als an Amerika nicht zu denken war.) Als letztes entern die drei Dykes der Gruppe The Butchies die Bühne. Zu ihrer Rockmusik der Marke „lesbisch, laut und lustig“ hopsen alle Frauen fröhlich auf und ab.

Am Freitag ist die Acoustic Stage ein Forum für Geschichten: zwischen zwei Tanz-Ensembles singt Rhiannon nicht nur, sondern erzählt auch – aus ihrem Leben und darüber, wie die Songs entstanden und was sie bedeuten. Auf der Night Stage geht dann die Post ab: erst mit heißen Salsa-Klängen der Latin American All Stars, danach mit der charismatischen Evelyn Harris, die nach vielen Jahren mit ihrer Band Sweet Honey In The Rock nun mit neuer Begleitgruppe unter ihrem eigenen Namen auftritt. Wie viele der anwesenden Künstlerinnen hat auch Evelyn Harris sich immer für Befreiung und soziale Gerechtigkeit eingesetzt. Einige ihrer Songs sind African-American-Traditionals und -freiheitslieder.

Eine andere Form von Befreiung vertreten Tribe 8. Die seit ihrem ersten Festival-Auftritt 1994 unverändert heiß umstrittene Lesben-Band hat nicht nur Fans im Publikum. Einige, besonders viele der Älteren, haben besseres vor, als Punkmusik zu hören und eine Sado-Maso-Persiflage anzuschauen, die in eine gröhlend bejubelte aber etwas zusammenhanglose Dildo-Abschneideszene mündet. Als die Sängerin Lynn Breedlove sich noch das T-Shirt vom Körper reißt, rast das Publikum vor Begeisterung.

Am Samstag siegt dann wieder die musikalische Qualität über die Lautstärke: Mehrere Singer/Songwriter, die eine lange Geschichte mit dem Michigan-Festival verbindet, sind über den Tag verteilt zu hören. Holly Near, deren „Fight Back“ eine Hymne der Frauen geworden ist, nimmt das Publikum an ihrem selbstgewählten Auftrittsort, der malerisch unten in einem halbrunden Kessel gelegenen Acoustic Stage, mit ihrer Ausnahme-Stimme gefangen. Holly Near ist aus der amerikanischen wie der internationalen Frauen- und vor allem der Lesbenbewegung nicht wegzudenken. Bei ihrem Auftritt warten einige Überraschungen: sie singt ein Duett mit Rhiannon; und sie hat eine Tanzgruppe eingeladen, die sich nur für diesen Auftritt in der Originalbesetzung von vor 25 Jahren zusammengefunden hat. Wie ein eleganter Tanz und eine eigene sehenswerte Vorstellung wirkt auch manch eine der engagierten Übersetzungen der bei allen Auftritten präsenten Gebärdendolmetscherinnen.

Auch die kanadische Sängerin Ferron ist unverzichtbarer Bestandteil der Frauen-Lesben-Bewegung und -geschichte. Ihre bewußt schlichte Performance mit zwei Gitarren und einem Cello fesselt die Frauen, die Ferron seit nunmehr 23 Jahren kennen und lieben. Den krönenden Abschluß der Night Stage bildet neben einem 25-Jahre-Jubiläums-Feuerwerk die Sängerin Toshi Reagon, die mit ihrer Band eine kraftvolle Fusion von Blues und Rock spielt und damit alle Frauen von ihren Sitzplätzen reißt.

Die Küche

Kichererbsen & Feta-Salat (Rezept für 7000 Frauen)

Mi14_Kueche880 Pfund Kichererbsen
115 Pfund Rote Zwiebeln
550 Pfund Tomaten
345 Pfund Broccoli
190 Pfund Feta

Marinade:

19 Liter Essig
19 Liter Canola-Öl
44 Liter Zitronensaft
16.5 Pfund Knoblauch
35 Pfund Petersilie
4.5 Dosen Salz
2.25 Dosen Pfeffer

Das Allerletzte

Scheinheilige Moralapostel schleichen durchs Internet. Die Rechtsaußen-Christen und erklärten Homosexualitäts-Gegner „Americans for truth“ steckten ihre Nasen in das festivaleigene Bulletin-Board und fanden: eine Diskussion über Safer Sex mit genauer Anleitung, „groteskes Verhalten“ wie Lesben mit Dildos, einen Ejakulations-Wettbewerb nach Zeit (2 sec.) und Weite (68,5 cm) : „Dear god, what are they teaching our children?“… Aus all dem versuchen sie nun, eine Gefahr für Kinder zu konstruieren und Staatsanwaltschaft und die bürgerliche Presse aufzuhetzen. Die Konsequenz der Festival-Organisatorinnen: das Bulletin-Board ist wurde vorübergehend geschlossen. Inzwischen ist es aber wieder erreichbar – nicht nur für die, die in der langen Zeit bis zum nächsten Festival Erinnerungen austauschen und diskutieren wollen, sondern auch für Interessierte, die dann vielleicht 2001 die Festie-Virgins sind.

www.michfest.com

Irene Hummel

(Dieser Artikel liegt auch im Lespressmuseum)

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