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Alexander Perry, Deborah Cheetham, Maxine Kohler; Foto: Michael Lenz
Alexander Perry, Deborah Cheetham, Maxine Kohler; Foto: Michael Lenz

Die gestohlene Sopranistin: Deborah Cheetham

Foto: Michael Lenz
Foto: Michael Lenz

Der 10. Oktober 2003 wird wohl für immer in der Erinnerung von Deborah Cheetham einen unauslöschlichen Platz haben. Nicht nur führte die Sopranistin und Rugbyliebhaberin bei der Eröffnung des Rugby World Cup (RWC) das australische Team „Wallabies“ unter dem Jubel von 83 000 weiteren Fans in Sydneys Olympiastadion. Sondern vor dem Anpfiff des Eröffnungsspiels Australien gegen Argentinien sang sie vor weltweit mehr als einer Milliarde Fernsehzuschauern die australische Nationalhymne „Australia Fair“.

Mit der Wahl von Deborah Cheetham hat der Gastgeberver­band, die Australian Rugby Union, Mut bewiesen. Nicht nur ist die Künstlerin eine offen lesbisch lebende Frau, sondern auch eine Aborigine. Die Eröffnung des RWC war erst das zweite internationale Großereignis in Australiens Geschichte, bei dem eine Ureinwohnerin von Down Under offiziell die Hymne sang. Cheet­ham kann aber auch das historische „Erste Mal“ für sich in Anspruch nehmen: vor etwas über einem Jahr nämlich sang sie „Advance Au­stra­lia Fair“ zur Eröffnung der Gay Games in Sydney.

Cheethams Lebensgeschichte ist typisch und untypisch zugleich für die unterdrückten Ureinwohner des Fünften Kon­ti­nents. Untypisch, weil sie eine Ausbildung genießen und eine internationale Karriere machen konnte. Typisch, weil sie zur „Stolen Gene­ra­tion“ gehört. Die heute 38-jährige wurde nämlich gleich nach ihrer Ge­burt ihrer Mutter weggenommen und zur Adoption durch eine weiße Mit­telstandsfamilie aus Sydney freigegeben. Die Adoptiveltern, die Cheethams, wussten nichts von dem Drama. „Die haben wirklich ge­glaubt, meine leibliche Mutter hätte mich verlassen.“

Deborah Cheetham ist kein Einzelschicksal. Von Anfang des 20. Jahrhunderts an wurden Aboriginalkinder systema­tisch und mit juristischer Rückendeckung ihren Eltern weggenommen, um in Missionsschulen zu weißen und christlichen Werten erzogen zu werden. Diese offizielle Politik war gängige Praxis bis etwa 1970. Erst Mitte der neunziger Jahre brachte die Regierung des sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Paul Keating die schreckliche Praxis der „Stolen Generation“ ans Licht der Öffentlichkeit. Pater Joe Kelly von Syd­neys katholischer Aboriginalgemeinde vergleicht die Missionen mit dem heutigen Hochsichergheitslagern für Asylbewerber in Austra­lien. „Anders als die Flüchtlingslager waren die Missionen zwar nicht von Zäunen und Mauern umgeben, aber Flüchtlinge wurden ebnso von der Polizei verfolgt und zurückgebracht.“ Ihre Lebensgeschichte und das Schicksal der „Stolen Generation“ erzählt Deborah in ihrem Einpersonenstück „The White Bap­tist Abba Fan“. „Das ist mein Beitrag zur Versöhnung zwischen Ureinwohnern und den zugewanderten Au­stra­liern“, sagt sie.

Die Aborigines verlangen von der Regierung eine offizielle Entschuldigung für den „kulturellen Völkermord“, wie sie die Wegnahme der Kindern nennen. Keatings Nachfolger, der konservative John Howard, jedoch weigert sich unter Berufung auf die „Gnade der späten Geburt“, gegenüber den Ureinwohnern „Sorry“ zu sagen für Unrecht, Unterdrückung und Ausbeutung. „Durch die Verweigerung des S-Wortes sendet Howard das Signal, dass die Diskriminierung von Aborigines in Ordnung ist“, kritisiert Deborah. Die Menschenrechte der Ureinwohner würden mit Füssen getreten, wofür Australien bereits mehrfach von der UNO gerügt worden sei. Wie schwer es die Urein­woh­ner in der australischen Gesellschaft noch immer haben, macht sie mit einem Satz deutlich: „Für mich war es einfacher, mich als Lesbe zu outen.“ Gleichwohl ist Cheetham stolz darauf, Australierin zu sein. Und stolz darauf, Australien immer wieder bei großen Anlässen repräsentieren zu dürfen, wie im Jahr 2000 zur Expo in Hannover oder auch ein Jahr später im Rahmen des 100. Jubiläums der Gründung des Staa­tes „Australische Föderation“. Dafür wurde sie mit einem hohen Orden ausgezeichnet, den sie aus den Händen des so arg kritisierten John Ho­ward entgegennahm. Cheetham grinst: „Ich kann unterscheiden zwi­schen dem Amt und der Person.“

Deborahs leibliche Mutter Monika hatte nach langen Jahren der Suche ihre Tochter, damals ein Teenager, gefunden. „Sie wurde mir als Tante vorgestellt“, erinnert sich Cheetham. Erst im Alter von 20 Jahren habe sie die ganze Wahrheit erfahren. „Ich war ge­schockt“, gesteht sie. Heute ist das Verhältnis zu ihrer Monika schwierig. „Ich tue mich mit ihr schwer“, erzählt Deborah bei der Anprobe des Kleides und der Juwelen von Bulgari für die Eröffnungszeremonie im Studio des Modedesigners Alex Perry in Sydney. Vor zwei Jahren seien ihre Adoptiveltern gestorben. „Das waren für mich Vater und Mutter und ich kann jetzt nicht einfach Monika als meine Mutter akzeptieren“, sagt sie traurig und fügt hinzu. „Ich weiß, das klingt hart und Monika kann dafür nichts. Es ist einfach das, was ich fühle.“

Mit ihrer sexuellen Orientierung jedoch hatten ihre beiden Familien, die Cheethams und ihre leibliche Mutter Monika, ihr Problem. „Ich wurde toleriert, aber nicht akzeptiert.“ Auch in der Gay Community Australiens werden Aborigines allerhöchstens toleriert. „Es gab Zeiten, da war es für liberale Australier politisch korrekt, einen Aborigine zum Freund zu haben. Wenn man wie ich lesbisch und schwarz ist, war es für diese Leute umso schicker, mich einzuladen“. Heute sucht sich die überaus talentierte und kluge Sängerin ihre Freun­de sehr sorgfältig aus. „Ich kann keine Leute leiden, die unehrlich zu sich selbst sind. Dazu hat meine persönliche Reise zu lange gedauert.“

Cheetham hat inzwischen ihre eigene Familie. Zu­sam­men mit ihrer Lebenspartnerin Maxine Kohler und deren drei Kindern lebt sie in einem Vorort von Sydney. Ende Oktober waren die beiden Frauen auf einer ganz privaten Deutschlandreise. „Unser ältester Sohn Terence studiert an der Mannheimer Tanzakademie und hatte seinen ersten großen Auftritt“, strahlt sich Deborah. „Da wollten wir natürlich dabei sein.“

Michael Lenz (Text und Photos)

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