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Buchtipp: Samuel M. Steward: Der Caravaggio-Schal

Fast vierzig Jahre waren die Schriftstellerin und Kunstsammlerin Gertrude Stein sowie die Autorin Alice B. Toklas ein Paar. Beide stammten aus den USA, lernten sich in Paris kennen und organisierten dort einen wöchentlichen Salon mit damals noch unbekannten Künstlern wie Picasso, Henri Matisse, Georges Braque oder Ernest Hemingway. Gertrude Stein bezeichnet sich selbstironisch aufgrund ihrer experimentellen Schreibweise als die Großmutter der modernen Literatur. Ihre eher zurückhaltende Partnerin und Sekretärin nennt sie zärtlich „Muschi“: Sie kommt erst zu einigem Ruhm, als Gertrude eine Autobiographie aus ihrer Sicht veröffentlicht und sich selbst erst am Ende des Textes als Urheberin outet.

In dieses Setting hinein legt Samuel M. Steward den 1937 spielenden Krimi rund um ein in Italien entdecktes Caravaggio-Gemälde, das Italien dem Louvre zur Verfügung stellt und im Gegenzug auf französische Parfum-Essenzen spekuliert. Das Frauenpaar ist zu einer exklusiven Vorbesichtigung gemeinsam mit Größen der Zeit wie Charles de Gaulle oder Coco Chanel eingeladen und – lesbisch hin oder her – angetan vom muskulösen Orpheus mit Waschbrettbauch, kräftigem Brustkorb und hinter einem Schleier gut erkennbaren Genitalien. Gertrude verliebt sich dann aber doch eher in die Rottöne des Bildes und so kehrt Alice nach der Öffnung des Louvre für das allgemeine Publikum am nächsten Tag noch einmal zurück, um mit einigen Stoffproben die Farben abzugleichen, aus denen sie Gertrude einen Schal stricken möchte. Dabei gewinnt sie den Eindruck, dass die Genitalen auf einmal größer und hinter dem angedeuteten Schleier deutlicher sichtbar sind, und zweifelt kurz an ihrer Wahrnehmung, bis sie beim Abgleich der Farbproben realisiert, dass die Farbe auf dem Bild noch feucht ist. Der kleine Aufruhr, der durch das Anhaften einer Stoffprobe am vermeintlich 350 Jahre alten Gemälde entsteht, wird jedoch schnell überlagert durch den Fund einer Leiche im Bürotrakt, in den Alice nach ihrer Entdeckung geführt wird. Der Tote stellt sich als der Ehemann des Dienstmädchens der beiden Damen heraus – er war im Louvre als Wächter tätig. 

Der Skandal für das Museum von Weltrang ist da und liefert genug Gründe, dass die beiden Damen sich mit Hilfe eines US-amerikanischen Freundes an die Lösung des Falles machen, der als Einstand zu seinem Paris-Besuch erst einmal Sex mit einem Polizisten am Obelisken hatte – dieser Flic wird im weiteren eine nicht unwichtige Rolle spielen. Das Gemälde, so viel sei verraten, ist in der Tat eine gut gemachte Fälschung, auf die die Pariser Kultur-Journaille hereingefallen ist. Die These, dass der Papst Söldner der Schweizer Garde geschickt hat, da das Bild zu anstößig ist, wird allerdings gleich als abwegig verworfen. 

Nette Nebeneffekte und -handlungen des Krimis sind der schlagfertige, liebe- und humorvolle Umgang der beiden Frauen miteinander, schöne Spaziergänge durch das Paris der 30er Jahre, ein Sittenbild mann-männlicher Sexualität, ohne die der Fall nicht aufzuklären wäre, phantasievolle und mutige Ermittlungsmethoden des bekannten Paares sowie der Auftritt oder die Erwähnung der einen oder anderen Berühmtheit der Pariser Bohème jener Zeit – ein Buch für sie und ihn, das sich im doppelten Sinne zum Lesen in einem Zug bestens eignet.

Ansgar Drücker

Samuel M. Steward: Der Caravaggio-Schal
Männerschwarm Verlag

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