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Interview: Max Färberböck
 
     
  Es ist mutig von Ihnen, als Kinodebut einen Film mit so unbequemen Thematiken wie Naziterror und zusätzlich noch eine lesbische Liebesgeschichte zu wählen. Warum haben sie es sich nicht einfacher gemacht?  
  Natürlich ist das 3. Reich immer ein Kassenkiller. Aber es gibt auch ein Bedürfnis danach, etwas aus dieser Zeit zu sehen. Wir haben eine Preview in München gemacht vor einem Publikum, das durchgehend jünger als 30 Jahre war. 84% haben gut oder sehr gut angegeben. Es gibt eine Sehnsucht, gerade auch bei jungen Leuten, nach der Emotionalität des Films. Wenn diese intensiv genug ist, dann wirkt das auch altersübergreifend. Außerdem habe ich noch nie einen Mainstream-Film gemacht.  
 

 
  Wie sind sie auf den Stoff des Films gekommen?  
  Der wurde mir angeboten. Aber ich wollte es zuerst überhaupt nicht machen. Mitte der 80er Jahre habe ich mal eine Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen geschrieben. In Paris im Hotel habe ich eine Szene beobachtet, wo zwei Frauen vor dem Spiegel gemeinsam Kleider anprobierten. Das Bild blieb bei mir hängen, und ich habe daraus einen Filmentwurf über zwei Hamburger Frauen gemacht, die beide verheiratet sind und sich auf einer 10tägigen Parisreise ihre Liebe gestehen, am Schluß sind sie ein Paar. Als Aimée und Jaguar dann kam, wollte ich gar nicht so, denn ich hatte ja meine Geschichte zu dem Thema schon verfaßt und dann noch mit dem 3. Reich - das konnte ja nichts werden. Doch dann gab es einige entscheidende Knackpunkte: Beethoven hat sehr geholfen, ich habe auf der Autofahrt nach Berliner Furtwängler gehört, und da kam mir das Bild zweier alter Frauen, die sich wiedertreffen. Auch alte Menschen haben schließlich viel Leidenschaft erlebt, das vergessen wir zu oft. Dieses Bild der zwei Frauen hat mich gar nicht mehr verlassen. Außerdem habe ich Heike Makatsch im Fernsehen gesehen. Und ich dachte mir, die Mädchen von damals, die müssen so gewesen sein, so erotisch, frech und aufregend wie die Makatsch heute. Dann habe ich in meinem Berliner Lieblingscafé, dem Café Savigny, ein Gespräch zwischen zwei Verkäuferinnen belauscht. Die saßen am Nebentisch und haben eine Stunde über ihre Kundschaft gelästert. Und ich dachte, wenn die Menschen im Film so reden wie die beiden, dann ist es machbar. Ich bin mittendrin aufgestanden, um zu telefonieren und den Film zuzusagen.  
 

 
  Die Mischung des Films an individuellen Geschichten und dem politischen Hintergrund ist grandios gelungen, so etwas hat man seit "Cabaret" in dieser realistischen Weise und so authentisch ins Berliner Leben eingebettet nicht mehr gesehen. Wie haben sie diese Mischung hinbekommen?  
  Wenn ich eine Idee habe, dann lebe ich von der Musik, hierbei gab es zwei Elemente: Die Rumbas der 30er Jahre, die wollte ich nämlich schon immer mal in einem Film unterbringen.Und dann eben dieses Beethooven-Gefühl, besonders das deutsche Element dabei, das habe ich bewußt nicht vermieden. Es birgt ja auch eine geradezu teuflische Schönheit. Und Felice war eine sehr kultivierte Frau, die solche Musik auch genossen hat. Was das Politische angeht, so habe ich sehr viele Tagebücher aus dieser Zeit gelesen. Meine Bilder, die ich bis dahin hatte, sind dadurch weggeschnurrt wie offene Luftballons. Der politische Hintergrund ist mir sehr, sehr nahe gekommen. Das Chaos in Berlin war praktisch mein dritter Hauptdarsteller. Ich wollte bewußt nicht amerikanisch ausgewogen sein, sondern das chaotische Gefühl außenrum, diese tonnenschwere Sehnsucht sollte vermitteln. Es gab einfach keine Mitte der Gefühle mehr.
Und der Krieg kommt wie Satzzeichen dazwischen, in ganz knappen Zeichen. Historische Alibis wollte ich unbedingt vermeiden. Leute wie diesen Chefredakteur der Zeitung bei der Felice arbeitet, den gab es ja nicht wirklich. Aber es war wichtig einen hundertprozentigen Nazi zu zeigen, der zudem auch noch intellektuell war - so einen, der uns auch heute noch irgendwie beeindrucken würde. Mir war wichtig, eine komplexe Sicht auf die Menschen von damals zu legen.
Was das Lesbische angeht, das beruht auf reiner Vorstellungskraft. Ich hatte ja schon meine Ideen dazu entwickelt. Am Anfang sollten wir auch Berater für die lesbischen Szenen suchen oder entsprechende Filme anschauen Aber ich finde, es ist einfach eine Liebesgeschichte zwischen zwei Menschen - der Rest ist eben Vorstellungskraft, was man sich eben erfühlen kann. Viele Frauenfilme sind furchtbar abgeschmackt. Ich glaube erstmal an die Phantasie. Das muß sich dann natürlich beweisen; es war mir wichtig, nicht danebenzuliegen, und ich habe das Buch natürlich von einigen Frauen lesen und prüfen lassen.
 
     
  Sie haben offensichtlich einen Hang zu starken Frauen, was bereits an den —Bela Blockž-Serien von Ihnen zu erkennen war. "Aimée und Jaguar" ist glücklicherweise auch keine schnulzige Liebesstory, sondern in erster Linie ein sehr starker Frauenfilm. Fast möchte man meinen, dieser Film müsse von einer Frau gemacht sein.  
  Das ist einfach der Spaß an Frauen, auch wenn das etwas arrogant klingt. Das ging schon auf dem Schulhof los. Das ist eine Sache von Phantasie und Vorstellungskraft. Wenn Frauen im Mittelpunkt einer Geschichte stehen, dann haben sie eben ihre eigene Poesie. Ein Recht auf Richtigkeit gibt es da allerdings nicht. Man muß spüren, daß mir die Beschäftigung mit dem anderen Geschlecht Spaß macht.. Und etwas tolleres als Verliebte kann es doch gar nicht geben. Ich sehe verliebte Paare einfach gerne, egal ob es ein lesbisches, ein schwules oder ein gemischtes Paar ist.  
 

 
  Die Liebes- und Sexszenen sind wunderbar authentisch und unverkrampft. Wie haben sie das bewerkstelligt? Da war kein männlicher Voyeurismus, aber auch kein Neid über das Außenvorbleiben.  
  Liebe oder Eros macht mich neugierig und zieht mich an, da gibt es gar kein Außenvorbleiben. Als wir die Liebesszenen drehten, hat auch Beethoven geholfen; wir haben vorher Musik gehört. Dann haben wir versucht, die Aufregung und die irrsinnige Spannung zwischen den beiden Frauen so wach und ehrlich wie möglich zu zeigen. Ich wollte keine großen Schnittorgien oder cineastischen Tricks dabei haben.  
 

 
  Was hat denn Lily Wust zu dem Film gesagt?  
  Sie mochte ihn. Vor der Fertigstellung des Buches wollte ich weder mit Lily Wust noch mit Erica Fischer reden. Aber dann fand sie es gut - ich hatte natürlich Bammel davor, was —das Lebenž nun dazu sagen würde. Einzig bei den Sexszenen hatte sie Angst, daß diese zu frei gestaltet sein könnten.  
  Interview: Manuela Kay  
     
 
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