Lesbisches Urgestein -
Gertraut Müller (Teil 6)
 
 


Im Rückblick erscheint es so, dass die doch recht massiven ideologischen Unterschiede zwischen den Fraktionen: Linke, Radikallesben, Mütterbewegte, Esoterikerinnen, SM-Lesben, Sponti-Anti-AKW-Frauen usf. über mehrere Jahre produktiv bewältigt wurden eine erstaunliche Leistung, die nur durch das gemeinsame Ziel zu erklären ist. Der Konflikt, der das Ende dieser enthusiastischen Hochphase mit sich brachte, kam einfach zu früh: Das Transsexuellenproblem. Physisch als Mann daherkommende Wesen standen Ende der 70er Jahre vor der Tür des mühselig erkämpften Freiraums im Patriarchat und behaupteten, sie seien eigentlich Frauen und sogar Lesben und sie wollten jetzt mitmachen. Heute, in Zeiten von Transgender-Debatten und der Frage, ob es überhaupt Frauen gibt, keine wirkliche Herausforderung mehr, aber damals führte die sich anschließende Auseinandersetzung zur Spaltung in Befürworterinnen und Gegnerinnen, Integrationswillige und Ausschluss-Fordernde.
"Die Transsexuellendebatte traf uns breitseitig", resümierte Gertraut. Ihrer Meinung nach ging es vielen Fürsprecherinnen der Transssexuellen gar nicht um deren schwierige Situation, sondern um den Machtkampf der Flippiegruppe bzw. Spontifrauen mit ihr, dass diese nun endlich einen Hebel gefunden hatten, um zurückzuschlagen.
Über die dahinterliegenden sprengstoffgleichen Inhalte wie Geschlechter, Rollen, Veranlagung, Wahlfreiheit usf. wurde fast gar nicht gesprochen. Dagegen wurde eine auf beiden Seiten verbiesterte Redeschlacht geführt. Gertraut fühlte sich schließlich bedroht, "und das war mein letzter Abend im Zentrum".
Ihre bisherige Kraft war über diesen "Transikonflikt" an einem vorläufigen Ende angelangt, sie wollte keine weiteren Belastung mehr. Mit ihr verliessen 18 Frauenbewegte die FBA mit dem Ziel, ein Lesbenzentrum zu gründen, aber daran hatte sie kein Interesse. "Heute würde ich klar alles ganz anders machen", wusste sie im Interview 1994, aber damals zog sie sich enttäuscht zurück, verließ sogar im 42. Lebensjahr ihr geliebtes Köln, machte nichts mehr mit Frauen, dagegen legte sie den Schwerpunkt nun auf den beruflichen Werdegang. Sie begann, an der Vollzugsschule in Wuppertal zu unterrichten und legte ihr Herz in die Justizpolitik. Sie lernte In-Frauen der deutschsprachigen Esoterikszene kennen "und eine der Damen auch lieben" (abermals eine wichtige Ute in ihrem Leben), verbrachte längere Zeit mit der Schiran-Community in Cornwall, konnte sich vorstellen, dafür auch ganz auszusteigen, aber auch dieses Milieu war ihr letztlich zu unprofessionell. Klare Finanzabsprachen, Dienstleistungen anbieten und bezahlen lassen, Tagungshäuser kaufen, - das alles war den Ladies zunächst zu gewaltig. Gertraut zog nach Frankfurt, wagte erstmals, in einem Frauengefängnis zu arbeiten. Die Leiterin der Haftanstalt in Preungesheim "wusste, wer ich war und kannte die Risiken", üblich sind z.B. Situationen, in denen Unterstellungen getätigt werden, wenn Gefangene nicht kriegen was sie wollen. Acht Jahre war sie dort tätig. Besonders das Schicksal von Monika Weimar ging ihr nahe, die neuerliche Hexenjagd auf eine Frau.
Dann gab sie erschöpft ihre Berufstätigkeit auf und zog ins einheitsbrodelnde Berlin. Flexibel setzte sie neue Schwerpunkte: Für die BürgerrechtlerInnen führte sie z.B. Verhandlungen, um ihnen das Haus der Demokratie zu erhalten. Wieder einmal wies sie ihr ganzes Geschick in Verhandlungsführung auf, ging mit der ihr eigenen Intuition für das Gegenüber vor, setzte ihre bei aller argumentativen Härte spürbare Warmherzigkeit ein - und konnte das Haus für einige Zeit sichern helfen. Sie unterstützte die Olga-Benario-Galerie ebenso wie den Ostberliner schwul-lesbischen Sonntagsclub. Im Osten verwurzelte sie sich auch ideologisch neu, wurde mehr und mehr zur PDS-Anhängerin.
Erst hier stieg sie wieder in Frauenzusammenhänge ein, wagte sie es wieder, politische Erwartungen zu entwickeln. Besonders die Arbeit im Frauenkrisentelefon bereitete ihr - neben allen thematischen Belastungen - Befriedigung. Bald aber vermeinte sie wieder den gleichen Strukturen zu begegnen, die ihr Engagement immer wieder überschatteten: Selbstgestricktes Vor-sich-Hinwurschteln, Geld- und Zeitverschwendung. Gertraut ertrug es nicht. Auch als Aufsichtsratsvorsitzende der Weiberwirtschaft - eines stolzen Projektes, um Frauen wirtschaftlich autonom zu machen- trat sie nach einiger Zeit zurück, weil die Organisationsform zu wenig durchschaubar wirkte und Freundinnenwirtschaft ein besserer Name gewesen wäre. Im Frauenlokal Golden Girls begrub sie ihre letzte Hoffnung, mit ihrem - auch finanziellen - Engagement Frauenkultur fördern zu können und Arbeitsplätze für Frauen zu schaffen. Der Frauenort, an dem sie sich auch selbst wohl fühlen wollte, existierte nur recht kurz, danach war ihr Geld in den Sand gesetzt, ihre politische Geduld am Ende. Immerhin: Die Weltgesundheitsorganisation hatte Homosexualität zum 1.1.1993 aus der Liste der Krankheiten gestrichen. (vgl. Die Welt, Ausgabe Bonn, 18.12.1991)
Nun zog sie sich ins Private zurück: Beim geplanten Lesben-Hausprojekt agierte sie nur noch zu zweit, mit ihrer neuen Freundin Uta, und freute sich, Lesben/Frauen relativ günstigen Wohnraum zur Verfügung stellen zu können. In den 1990ern lernte sie, stärker an sich zu denken. Gertraut war nie eine Märtyrerin gewesen, alle ihre Frauenprojekte beinhalteten den Wunsch, Frauenkulturorte zu schaffen, an denen sie auch selbst verkehren wollte. Aber nun unternahm sie mit ihrer Freundin Reisen, richtete sich ihre Wohnung schön ein. Gertraut leistete ansonsten immer noch "Einzelfallhilfe", gab jedem Bettler Geld, kaufte jedem Obdachlosen eine Zeitung ab, unterstützte auch frühere Widersacherinnen, wenn es ihr möglich war. Verdammt viel Zeit verbrachte sie damit, sich den Kopf zu zermürben, wie sie jemand helfen könne. Wenn die Idee nicht angenommen wurde, litt sie.
Noch einmal wollte sie sich einen Traum erfüllen: Köln - die Heimatstadt mit ihrer spezifischen Festkultur während der 5. Jahreszeit (Karneval)- hatte sie nie wirklich losgelassen. Nun war es denkbar, die zwei wichtigsten Komponenten ihres Lebens in Einklang zu bringen: Das Kölsche und das Lesbentum. Einmal in die Bütt! [das faßrunde Rednerpult], wünschte sie nun. Endlich etwas für sich tun. Leider konnte sie ihre Vision nicht so verwirklichen, wie geplant. Das einzige Ergebnis war ein kurzer Auftritt im Piccolo-Theater der früheren 218-Aktivistin Mewes. Die folgende Frustration war tiefer als alle vorhergehenden. Auch den Kosovo-Krieg hat sie emotional nicht verkraftet. In Berlin und Köln suchte sie Demonstrationen und Veranstaltungen auf - letztlich ein hilfloser Versuch des Agierens.
Ihr politisches Feuer war verschossen, persönliche Utopien hatte sie keine mehr. Sie empfand, dass ihr Leben nun auch enden könne, sie wurde krank. In ihren letzten Wochen und Tagen wurde Gertraut intensiv und liebevoll von ihren Freundinnen betreut: Sie war trotz ihrer Beschwerden erstaunlicherweise überwiegend positiv gestimmt, die Begleiterinnen spürten ihren Zuwachs an Toleranz und Gelassenheit. Irene Franken

Dieser Biografie liegen mehrere Quellen zugrunde:

u Eine Frau aus dem Rheinland"
(Ein anonymer Text): Lesben gemeinsam sind stark, in: "Frauenjahrbuch 75, Frankfurt 1975 (laut Gertraut von ihr verfasst)
u Julia Bähr: Klatschmohn. Eine Geschichte aus
der Frauenbewegung, Köln Kiepenheuer & Witsch, Köln 1984 (Schlüsselroman über die Kölner Frauenszene der 70er Jahre von Gertrauts Freundin Claudia; Thema ist auch Gertraut Müller selbst ("Ulrike")
u Interview mit Gertraut Müller durch Irene
Franken im Jahr 1994 / aufbewahrt im Kölner Frauengeschichtsverein, Nachlassteil Gertraut Müller (drei MC-Kassetten)
u Zehn Uhr pünktlich Gürzenich. Hundert Jahre
bewegte Frauen in Köln zur Geschichte der Organisationen und Vereine, hrsg. vom Kölner Frauengeschichtsverein, Münster 1995- darin:
- Heike Rentrop: A Room of Their own. Das Kölner Frauenzentrum in der Eifelstraße, S. 332- 339
-Verena Krieger: Vom Kampf gegen
den § 218 zur Frauenbefreiungsaktion,
S. 319-330
- Andrea Pracht "Uns über den Mut zur Konfrontation überall frei bewegen",
S. 354-362 (über die Lesbenbewegung in Köln)
- Claudia Pinl: Der Charme der frühen Jahre. Rückblick einer Betroffenen,
S. 316-318
- Carolina Brauckmann: Ein Haus für uns

allein. Ma Braungart, die Frauenfrage und die fünfziger Jahre, S. 312-314
(Restexemplare über Kölner Frauengeschichtsverein, Marienplatz 4, 50676 Köln)
u Lesben und Schwule in Köln.
Das andere Stadtbuch. hrsg. von Marianne Rogler und Michael Meiger, Köln 1996, darin:
- Gertraut Müller: Cafe Wüsten
eine Erinnerung, S. 34-35
- Wera Reusch: Schappo Klack.
Das Interview, S. 36-39
- Claudia Pinl: "Feminismus ist die Theorie, Lesbianismus die Praxis",
S. 42-45
u Informationen von der Internetseite
http://schwulfunk.regenbogen.ac-net.dehlmass.htm zu Lesben und Schwule in der jüngsten (Medien-)Geschichte o.D.
u Mündliche Erinnerungen von Uta Herz, Birgit
Schiran, Dorle Schiran und Claudia Pinl, Berlin, Ende September 1999

Weitere Hinweise,
Fotos und Reaktionen gerne an:

Kölner Frauengeschichtsverein
Irene Franken
Marienplatz 4
50676 Köln,
Tel. 0221/248265
Fax 0221/2403587
email kfgv@netcologne.de

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