Ein langer Weg zur Akzeptanz (2)  
 

Es versteht sich nahezu von selbst, dass anti-lesbische Gewalt fast ausschliesslich von Männern (98,5 %) ausgeübt wird. (Gewalt, S. 151). Diese sind, wenn es um Pöbeleien in der Öffentlichkeit geht, in der Regel zwischen 18 und 35 Jahre alt und treten überwiegend in kleineren Gruppen von 2 bis 4 Tätern auf. Bei Anmachen im Kollegen- und Familienkreis sind die Täter dann auch älter, treten sie ihrem Opfer auch allein gegenüber. Bei verbalen Angriffen scheint die weibliche Sozialisation die Reaktion der angemachten Lesben zu prägen: fast die Hälfte versucht, die verbalen Angriffe zu ignorieren, lediglich ein Drittel versucht, mittels Mimik und Gestik Ablehnung zu zeigen (Gewalt, S. 156). Alarmierend schließlich ist die geringe Bereitschaft, auch bei schweren Beleidigungen und körperlichen Übergriffen zur Polizei zu gehen. Bloß 5,8 % der Frauen haben erlittene Bedrohungen und Körperverletzungen angezeigt (Gewalt, S. 176). Hier spielen verschiedene Motive eine Rolle: Angst vor homophober Einstellung der Beamten, die Furcht, nicht ernstgenommen zu werden mit dem Geschilderten, das Gefühl, mit einer Anzeige doch nichts ausrichten zu können, der Verdacht, selbst Schuld zu sein an der erlittenen Gewalt etc. (Dokumentation, S. 28). Von großer Bedeutung im allgemeinen und zur Verarbeitung von Aggressionserlebnissen im besonderen ist die schützende und stützende Funktion der lesbischen Subkultur: lediglich 12 % der Frauen gehen nicht in die Szene, 64% fühlen sich der Lesbenbewegung zugehörig, rund 60% haben überwiegend Kontakt zu anderen Lesben bzw. fühlen sich nur in deren Gegenwart wohl (Gewalt, S. 175).
Um dem behaupteten Einstellungswandel der Bevölkerung gegenüber Homosexualität auf die Spur zu kommen, muss man versuchen, die Situation gerade junger Lesben und Schwuler in den Blick zu bekommen. Das unternimmt eine ebenfalls 1999 veröffentlichte Studie des Berliner Senats, die den Prozess des Coming-outs und der hier zur Anwendung kommenden Problemlösungsstrategien abbildet: 62 % der befragten Lesben (N =106) haben versucht, mit Drogen und/ oder Alkohol ihre Probleme zu bearbeiten, 64 % haben Suizidgedanken gehabt, 18 % haben einen Suizidversuch hinter sich (Sie liebt sie, S. 67). Fast 2/3 der heranwachsenden Lesben erleben eine Tabuisierung homosexueller Liebe an der Schule. Über 90 % der jungen Lesben berichten ihren Eltern von ihren homosexuellen Neigungen, machen aber unterschiedliche Erfahrungen mit den Reaktionen: 1/3 der Eltern reagiert positiv, 50 % aber reagieren ablehnend bzw. ambivalent. Im Vergleich zu früheren Studien lässt sich vorsichtig formulieren: offenbar ist es für junge Lesben und Schwule heute nicht mehr so schwierig, ein subjektiv gutes Verhältnis zur (eigenen) Homosexualität zu entwickeln, an der eher ablehnenden bis ignoranten Haltung der Umwelt Familie, Schule, Arbeitsplatz hat sich bei genauerem Hinsehen in den vergangenen 15 Jahren allerdings wenig geändert.
Und welche Konsequenzen sind aus diesen Studien zu ziehen? Es ist ein wichtiger Aspekt, dass das nordrhein-westfälische Ministerium für Frauen, Jugend, Familie und Gesundheit und die Berliner Senatsverwaltung für Schule, Jugend und Sport diese Untersuchungen in Auftrag gegeben und vor allem finanziert haben. Liegen doch viel zu wenig gesicherte Daten über lesbisches Leben vor. So gesehen, ist die schiere Durchführung der Befragungen schon ein Erfolg, eine Anerkennung lesbischer Existenz. Dass sie so ernüchternd, ja niederschmetternd sind in den Ergebnissen, kann nur ein Ansporn sein, zu lernen, sich zu wehren. Was jede Lesbe in ihrem persönlichen Leben und ihrem Umfeld kennt, nämlich Herabwürdigung, Ignoranz und auch Gewalt, wird auf einer solchen Datenbasis mitteilbar und tauglich für Vergleiche. Lesbisches Leben heute unterliegt einem seltsamen Dilemma: einerseits wird in Zeitschriften und im Fernsehen zunehmend wohlwollend über Lesben berichtet, andererseits dokumentieren Studien wie die hier vorgestellten subtile wie offene Formen von Missachtung und Hass. Und das in einem Land, das sich soviel auf seine Liberalität und Toleranz im Umgang mit Minderheiten zugute hält. Zwei Paralleluniversen scheinen zu existieren: die medial vermittelte, von gutgemeinten Projektionen getragene Darstellung lesbischen Lebens als Modetrend steht merkwürdig verbindungslos neben dem lesbischen Alltag auch in den Großstädten, der weiterhin von individuellen Diskriminierungs-, Ablehnungs- und Gewalterfahrungen geprägt ist.
Die Entwicklungen innerhalb der Lesbenszene der letzten 15 Jahre haben zu einer spürbaren Abnahme separatistischer Tendenzen geführt, das Verhältnis zu Schwulen, Bi- und Transsexuellen wird deutlich entspannter Ausnahmen bestätigen die Regel. Dazu ist im öffentlichen Diskurs ein Abnehmen unverhohlener homophober Tendenzen zu erkennen. Studien wie die hier vorgestellte erinnern allerdings an die Notwendigkeit, auch in vorgeblich queeren Zeiten Aufklärungsarbeit zu leisten in der Schule, am Arbeitsplatz, in politischen Gremien, an homosexuellen Feiertagen. Die thematische Stagnation der Lesbenbewegung kann so elegant und offensiv zugleich aufgehoben werden. Spätestens im Konfliktfall (Stichwort: Jens Riewa) zeigt sich nämlich, wie fragil die Emanzipation von Lesben und Schwulen in Deutschland weiterhin ist. Daran wird auch die kommende eingetragene Partnerschaft wenig ändern, solange lesbische wie schwule Prominente einen kläglichen Eiertanz aufführen um ihre Homosexualität. Es liegt an den Lesben (und Schwulen) selbst, inwieweit sie sich mit den über sie in Umlauf befindlichen Klischees zufrieden geben oder nicht. Wenn zur Entwicklung eines lustvollen und stolzen Lebensgefühls als Lesbe die alltägliche Sichtbarkeit gehört, muss das Bild so differenziert wie möglich sein. Dazu gehört das Überwinden der platten Vorstellung, Lesben hätten längst alles erreicht, was sie wollen. Denn eines gilt gewiss: es gibt keinen Rundumschutz vor anti-lesbischer Gewalt, jede kann es treffen (Gewalt, S. 170), wehren müssen sich alle!
Andrea Bronstering

- Dokumentation der Fragebogenauswertung "Gewalt gegen Lesben in Berlin 1996/97". Herausgegeben von der Lesbenberatung, EWA Frauenzentrum, Frieda Frauenzentrum und Sonntagsclub, Berlin 1998 (zitiert als "Dokumentation")
- Sie liebt sie. Er liebt ihn. Eine Studie zur psychosozialen Situation junger Lesben, Schwuler und Bisexueller in Berlin. Herausgegeben von der Senatsverwaltung für Schule, Jugend und Sport, Fachbereich für gleichgeschlechtliche Lebensweisen, in Kooperation mit der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Berlin 1999 (zitiert als "Sie liebt sie")
u Gewalt gegen lesbische Frauen. Studie über Diskriminierungs- und Gewalterfahrungen. Herausgegeben vom Ministerium für Frauen, Jugend, Familie und Gesundheit des Landes Nordrhein-Westfalen, in Kooperation mit der Universität Bielefeld, Interdisziplinäres Frauenforschungs-Zentrum, Düsseldorf 1999 (zitiert als "Gewalt")
Die Studien sind auf Anfrage kostenlos
bei den jeweiligen Behörden erhältlich.

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