Ein langer Weg zur Akzeptanz  
 

Anti-lesbische Gewalt im Datenspiegel
Wie leben Lesben in Deutschland um die Jahrtausendwende? Auf diese Frage gibt jede Frau ihre eigene Antwort, abhängig von eigenen Erfahrungen. Die eigene Perspektive hängt von vielen Dingen ab: vom Alter, vom Wohnort, von der beruflichen Situation etc. Es ist banal, aber dennoch richtig: eine Lesbe in Freiburg lebt in einer anderen Welt als eine Lesbe in Berlin, eine 17jährige in den Turbulenzen des Coming-out lebt anders als eine 40jährige Aktivistin mit ihrer 15 Jahre dauernden Beziehung. An lesbischen Feiertagen wie dem CSD oder dem Lesbenfrühlingstreffen kommen sie alle zusammen und merken, dass sie sich ernsthaft streiten können. Und wenn sie versuchen, gemeinsame Ziele zu formulieren, stellen sie fest, dass sie sich keineswegs einfach einigen können. Von außen ergibt sich ein merkwürdig glattes, attraktives Bild der Szene: Lesben sind jung, aktiv und sexy. Sie arbeiten als Designerin oder Rechtsanwältin, wollen Kinder bekommen und denken ganz unromantisch an ihre Altersvorsorge. Lesbische Charaktere in diversen Fernsehserien lassen den Eindruck aufkommen, das Paradies für Lesben (und Schwule) sei erreicht. Zumal die rot-grüne Regierung ernst machen möchte mit der Koalitionsvereinbarung und an einem Entwurf einer eingetragenen Partnerschaft bastelt. Alles lesbisch, oder was?


Der "öffentlichen Akzeptanz lesbischer Existenz steht eine Alltagspraxis von Lesben gegenüber, die auch weiterhin durch Diskriminierung und Gewalterfahrung gekennzeichnet ist." (Gewalt, S. 3). Zu diesem Fazit kommt ein Forscherinnenteam der Universität Bielefeld, das im Auftrag des Ministeriums für Frauen, Jugend, Familie und Gesundheit des Landes Nordrhein-Westfalen versucht hat, die Lebenswelten lesbischer Frauen in der Bundesrepublik Deutschland zu dokumentieren. Die zu diesem Zweck durchgeführte Studie ist die bislang umfangreichste ihrer Art. Mittels eines detaillierten Fragebogens sowie einigen Tiefeninterviews wurde untersucht, welche Reaktionen lesbische Frauen erfahren auf ihre Homosexualität und wie sie damit umgehen. Die Forscherinnen unterstellten dabei, dass als weit verbreitete Reaktion die Herabwürdigung lesbischer Liebe zu vermuten sei leider völlig zu recht.
Der Fragebogen in einer Auflage von 2000 Exemplaren wurde vertrieben über szenetypische Einrichtungen: Beratungsstellen, Kneipen, Lesbenreferate, Frauenferienhäuser sowie über persönliche Kontakte (Gewalt, S. 28). Die Rücklaufquote von 37,85 % (das sind 757 ausgefüllte Bögen) war enorm. Auch wenn man wegen des Vertriebswegs davon ausgehen muss, fast ausschließlich offen lebende Lesben erreicht zu haben, ist die Datenbasis hinsichtlich des Forschungsinteresses exzellent zu nennen. Schließlich ging es darum, diskriminierende und gewalttätige Erfahrungen aufgrund des Lesbischseins der jeweiligen Frauen zu untersuchen (Gewalt S. 21). Dazu ist es nötig, anti-lesbische Gewalt zu trennen von einer Gewaltform, die sich gegen Frauen an sich richtet. Und davon sind, spekulativ gesehen, Lesben, die ihre Homosexualität mit aller Macht verbergen, weniger betroffen. Auch wenn die geographische Verteilung der antwortenden Frauen eindeutig NRW-lastig ist (42,5 % im Vergleich zu etwa Hessen mit 9,9 %, Bayern mit 6,1 %, Hamburg mit 2,5 %, Berlin mit 2,4 %, Sachsen mit 0,9 % oder Thüringen mit 0,5 % (Gewalt, S. 177)), sind die geschilderten Erlebnisse durchaus repräsentativ. Sie decken sich in wesentlichen Teilen mit einer Berliner Studie aus den Jahren 1996/1997 (Dokumentation, S. 9-11), die mit 84 ausgewerteten Fragebögen allerdings eine deutlich schmalere Datenbasis aufweist.
Der der NRW-Studie zugrunde liegende Gewaltbegriff ist bewusst weit gefasst (Gewalt S. 19-22) und wird unterteilt in strukturelle, psychische und physische Gewalt. Unter struktureller Gewalt verstehen die Forscherinnen das massive Propagieren von Heterosexualität im Alltag durch Medien und Erziehung, das Ignorieren von Homosexualität in Schule und Beruf sowie die rechtliche und wirtschaftliche Benachteiligung homosexueller Menschen. Unter das Stichwort psychische Gewalt fallen etwa Mobbing, blöde Witze, Beschimpfungen, Beleidigungen, Telefonterror etc. Die physische Gewalt schließlich umfasst Bedrohungen, Körperverletzung, Vergewaltigung und im Extremfall Tötung. Nicht immer ist klar zu trennen zwischen sexistischer Gewalt gegen Frauen und solcher speziell gegen Lesben. Die sexistische Gewalt gegen Frauen, lesbische wie heterosexuelle, "erscheint als nahezu selbstverständlicher Bestandteil von Geschlechter- und Generationenbeziehungen und strukturiert die Verhaltensweisen und Lebensbedingungen von Frauen, offen und direkt, aber auch unterhalb der tatsächlichen Wahrnehmungsschwelle." (Gewalt, S. 21)
Kaum eine Lesbe, die sich nicht schon die Frage stellte, ob sie mit ihrer Liebsten Hand in Hand durch die Straßen gehen kann. Diese gedankliche Vorwegnahme, als Lesbe Opfer tätlicher Angriffe werden zu können, führt zu einem Vermeidungsverhalten mit der paradoxen Folge, alltägliche Diskriminierungen gar nicht mehr als skandalös wahrzunehmen: "Bestimmte Sprüche und Bemerkungen, so zeigt die Auswertung, gehören schon fast zum Standarderleben lesbischer Frauen." (Gewalt, S. 126). Über 90 % der befragten Frauen haben erlebt, mit ihrem lesbischen Empfinden nicht ernst genommen zu werden. Sie müssen sich Sprüche anhören von "Wenn erst mal der Richtige kommt" bis zu "Du kriegst doch keinen ab, deswegen stehst Du auf Frauen". (Gewalt, S. 125f.) Lesbische Frauen signalisieren aktiv, ohne Männer glücklich zu sein. Das muss bei vielen Männern offenbar eine gravierende narzißtische Kränkung verursachen, die so stark sein kann, dass sie lesbische Frauen "bekehren" wollen, koste es, was es wolle. Jede 3. Frau berichtet, von Fremden, die sie als Lesbe wahrgenommen haben, in der Öffentlichkeit (Straße, Kneipe, Kaufhaus etc.) sexuell belästigt worden zu sein. Hier wird rücksichtslos Macht demon-striert, hier geht es um die Abwertung der weiblichen bzw. lesbischen Selbstbestimmung.

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