Alucarda
21. Juli 2010 | Von admin | Kategorie: TV/RadioTipps07.08.2010, 00.35 Uhr, arte
Alucarda

Von Satan besessen: Alucarda hat ihre unschuldige Freundin Justine auf den Teufel gebracht. (Bild: Arte)
(Alucarda, la hija de las tinieblas)
Spielfilm, Mexiko 1975, Originalfassung mit Untertiteln
Im Hochsommer gibt’s von Arte eine fette Portion Trash pur. Unter anderem dieses Werk…
Mexiko 1850: In einer mit furchtsamen Figuren verzierten Krypta wird ein Kind geboren und der vor Schmerzen und Angst schreienden Mutter gestohlen.
15 Jahre später findet jugendliche Justine, deren Eltern kurz zuvor verstorben sind, ein neues Zuhause im Nonnenkloster. Dort wird das schüchterne Waisenmädchen von den Schwestern herzlich in Empfang genommen. Gleich darauf lernt Justine ihre gleichaltrige Zimmernachbarin Alucarda kennen, ebenfalls eine Waise, die ihre Eltern allerdings nie kennengelernt hat.
Schnell fühlen sich die beiden Mädchen zueinander hingezogen, trotz ihrer völlig unterschiedlichen Wesen: Alucarda ist stets auf der Suche nach Geheimnissen, zeigt sich fasziniert von mysteriösen Kreaturen, wilder Natur, düsteren Grabstätten und scheut selbst den Tod nicht. Justine hingegen fürchtet sich vor geheimnisvollen Dingen, Wäldern und Friedhöfen sowie vor dem Sterben. Alucarda nimmt sich ihrer an und führt die neue Freundin hinaus in die Natur, wo sich die beiden vergnügt austoben.
Im Wald treffen sie auf einen buckligen, vielsprachigen Zigeuner. Die Mädchen lassen sich von der merkwürdigen Gestalt zu einer Karawane locken. Eine dort ansässige Wahrsagerin prophezeit Justine eine düstere Zukunft während der Zigeuner die dunkle Seite in Alucarda erkennt. Er überreicht ihr ein Messer und weckt damit die Untiefen in ihr. Die beiden verstörten Freundinnen flüchten in eine unheimliche Totengruft, wo Alucarda von mysteriösen Visionen und Stimmen aus der Vergangenheit heimgesucht wird. Sie erklärt Justine ihre Liebe und verlangt ihr das Versprechen ab, sich gegenseitig bis zum gemeinsamen Tode zu lieben.
Zurück im Kloster lauschen die Mädchen den angsteinflößenden Worten des Priesters Lázaro, welcher eindringlich gegen den Teufel und dessen Besitzergreifung wettert und die Kinder zum Beten anhält. Daraufhin wird Justine bewusstlos und von den Schwestern ins Bett gebracht. Alucarda soll sich um ihre Freundin kümmern. Doch beide Mädchen sind längst vom Dämon besessen, besiegeln ihre Liebe mit einem blutigen Teufelspakt und stürzen sich in blutige Abenteuer sowie sexuelle Orgien.
Nachdem Doktor Oszek die schwache Justine vergeblich untersucht und erfolglos behandelt hat, wird im Kloster beratschlagt, wie mit den Mädchen zu verfahren ist. Diese beschwören in den Bibelstunden mittlerweile explizit Satan anrufen, statt zu Gott zu beten. Pater Lázaro und die Nonnen wollen die satanistischen Freundinnen exorzieren. Im Zuge der Teufelsaustreibung wird Justine an ein Kreuz befestigt, jedoch nicht von ihren Dämonen befreit. Als Doktor Oszek, Vertreter der weltlichen Vernunft, das heilige Ritual voller Empörung unterbricht, kann er nur noch den Tod von Justine feststellen, Alucarda hingegen lebend retten. Er nimmt sie bei sich auf und stellt sie seiner Tochter Daniela vor, die sich wie Justine zunächst fürchtet, aber dann ebenfalls Alucarda zu verfallen scheint.
Inzwischen haben die Klosterschwestern Doktor Oszek gerufen: Die Leiche von Justine ist verschwunden. Stattdessen wird der blutig-verbrannte Körper einer sich teuflisch gebärenden Nonne gefunden. Nun greifen auch die naturwissenschaftlichen Ansätze des Arztes nicht mehr, sieht er sich doch mit Übernatürlichem konfrontiert – Satan persönlich.
Kurz nach Veröffentlichung Ende der 70er Jahre in Mexiko erreichte “Alucarda” keine große Aufmerksamkeit seitens der Filmkritiker und des Publikums. Erst über die Jahre hinweg avancierte der provokante Horrorstreifen innerhalb der Undergroundszene zum B-Movie-Kultklassiker. Mittlerweile wird “Alucarda” von der Kritik als überaus starker, visuell einfallsreicher Hexenfilm gefeiert, qualitativ wie thematisch verglichen mit Ken Russells “Die Teufel” (1971) und William Friedkins Horrorklassiker “Der Exorzist” (1973).
“Alucarda” ist berühmt für seine extreme Handlung und deren übertrieben anschaulicher Darstellungsweise: Satanismus, Mord, teuflische Besitzergreifung, Exorzismus, masochistische Praktiken und lesbische Sexorgien finden Eingang in das Setting eines christlichen Nonnenklosters und werden pikanterweise verknüpft mit Religiosität und Katholizismus. Die extremen Gewalt- und Sexszenen sowie die Skizzierung eines mit Perversität assoziierten religiösen Bildes lassen den Film des mexikanischen Regisseurs Juan Lopez Moctezuma provokant und kontrovers erscheinen, insbesondere im Hinblick auf seine Entstehungszeit. Dennoch darf der künstlerische Aspekt innerhalb der Darstellung nicht vernachlässigt werden: So erinnern viele Szenen und Einstellungen an berühmte Gemälde von Kunstmeistern wie Ingres, Rembrandt oder Goya.
Obwohl häufig kolportiert wurde, dass Moctezuma sich bei seinem Werk von Sheridan Le Fanus Novelle “Carmilla” inspirieren ließ, räumte der Regisseur selbst ein, die Idee für seinen Film – eine zwei Heldinnen verbindende teuflisch perverse Freundschaft – Jules Michelets “La Socière” (1862) entnommen zu haben. Die schrill bunte Inszenierung des Mexikaners verleiht “Alucarda” den Status eines trashigen Autorenfilms – kultisch, kultig, skurril.
