Karen-Susan Fessel  
 
Karen-Susan Fessel hat geschafft, wovon viele andere träumen: sie hat sich ihren Lebenstraum verwirklicht. Monika Richrath unterhielt sich mit der in Berlin lebenden Schriftstellerin

Kannst du kurz deinen schriftstellerische Karriere umreißen?

Es ist immer mein Wunsch gewesen, seit ich ungefähr fünf war, nichts anderes zu tun, als schreiben. Das habe ich dann mehr oder minder zielstrebig verfolgt, indem ich als Kind schon ziemlich viel geschrieben habe und als Jugendliche auch, so die üblichen traurigen Geschichten. Um ein bisschen meinen Kopf zu trainieren habe ich dann studiert (Theaterwissenschaften, Germanistik und Französisch) Das war als Vorbereitung relativ gut, weil ich im Studium gelernt habe, zu strukturieren und längere Sachen zu schreiben.
Nach dem Studium habe ich bei der Post gearbeitet und nebenbei ein Jahr lang an meinen ersten Roman geschrieben, der 1992 fertig war. Den habe ich an elf Verlage geschickt. Ich hatte das große Glück, dass sich drei davon positiv äußerten. 1994 ist im Konkursbuchverlag —Und abends mit Beleuchtungž erschienen. Danach habe ich —Heuchelmundž, —Bilder von ihrž, —Sirib meine Königinž, —Was ich Moira nicht sagež, sowie zwei Sachbücher und ein Kinderbuch veröffentlicht.

Das ist eine lange Latte, aber du lebst nicht nur vom Schreiben, oder?

Doch. Es drittelt sich so mit Honoraren, Lesungen und Stipendien. Vorher habe ich auch noch journalistisch gearbeitet, aber jetzt nicht mehr. Sonst könnte ich gar nicht so viel schreiben.

Aber damit hast du schon sehr viel erreicht ...

Ich finde auch, dass ich vom Glück gesegnet bin. Als Kind habe ich immer gedacht, das Tollste, was man werden kann, ist Schriftstellerin. Als ich mein erstes Buch veröffentlicht hatte, hat meine Verlegerin Claudia Gehrke mir gesagt, dass ich nie davon werde leben können - das habe ich übrigens immer wieder gehört - aber ich habe mir gedacht, wenn ich nicht viel brauche und mich ranhalte, dann könnte es doch klappen. Und es klappt. Meine Bücher verkaufen sich ganz gut. Gerade —Bilder von ihrž, darum ist es jetzt auch noch bei Piper als Taschenbuch erschienen.

Deinen Beitrag zu Sexperimente finde ich ziemlich außergewöhnlich. Da drängt sich die Vermutung auf, dass du zu Schwulen ein besonderes Verhältnis hast?

Ich glaube nicht, dass der Beitrag etwas über mein Verhältnis zu Schwulen aussagt. Ich finde es eher eine Geschichte, die schriftstellerische Qualitäten hat, weil ich mich da komplett in einen anderen Menschen, in ein komplett anderes Sein hereinfühlen musste.

Bedeutet das, du bewegst dich gar nicht so sehr in schwulen Zusammenhängen?

Ich bewege mich hauptsächlich in gemischten Zusammenhängen, aber insgesamt gemischt, nicht nur mit Schwulen und Heteros, sondern auch bisexuellen und transsexuellen Personen. Das finde ich auch ganz wichtig (das kann man in Berlin auch gut leben). Mir ist es wichtig, schwule Männer als Freunde zu haben, auch mit ihnen zusammenzuarbeiten. Wenn ich jetzt mit Madonna reden würde, würde ich sagen: —Ich bin ein schwuler Mann im Körper einer Frauž, aber das ist es nicht ... Dieser Beitrag für Sexperimente hat mir viel Spass gemacht, das wollte ich schon immer mal machen. Früher hätte ich mir nie vorstellen können, aus einer männlichen Perspektive zu schreiben, das hat sich allerdings geändert.

Wie waren denn die persönlichen Reaktionen auf diesen Beitrag?

Ich bin dafür nur gelobt worden. Komischerweise habe ich nie etwas Negatives gehört, ich hätte schon gedacht, dass da was kommt. Nur einmal beim Literarischen Quartett, da hat sich - witzigerweise meine erste Verlegerin Claudia Gehrke - ein bisschen über diesen Beitrag geärgert, weil sie fand, dass sehr typisch war für Lesben, die über Schwule schreiben, es geht um S/M, und zweitens sind alles Prachtkerle mit riesigen Schwänzen mit knallblauen Augen. Da hat sie natürlich recht, das sind ja auch Klischees. Ich glaube, wenn ich ein schwuler Mann wäre, dann wäre ich so ein Typ und von daher kann ich mich da shcon ganz gut zurechtfinden.

Haben die Schwulen sich in dem Beitrag wiedergefunden?

Ich habe den Text ein paar schwulen Männern gegeben, ohne dass sie wussten, von wem er ist und die wären alle nicht darauf gekommen, dass dieser Text von einer Frau kommen könnte. Die fanden das auch geil, alle haben mich relativ erstaunt gefragt, wie das kommt, dass ich in der männlichen Sexualitlät so gut Bescheid wüßte, aber wie soll ich das erklären? Ich habe mich natürlich gedanklich damit beschäftigt, aber ich habe nicht - wie man vielleicht denken könnte - lauter Schwulenpornos angeguckt. Ich will nicht verhehlen, dass ich bei gewissen Gelegenheiten auch gerne in eine männliche Rolle hineinschlüpfe und daran meine Freude habe, von daher ist das nicht ganz so fern für mich. Auf diesem Gebiet würde es sich auch lohnen weiterzuarbeiten. Was ich erstaunlich finde an diesem Beispiel ist schon die Tatsache, dass es in einer Schwulengeschichte viel einfacher über S/M und Macht-Dominanz-Sachen zu schreiben ist, als wenn es zwei Lesben machen, dann würden die meisten wahrscheinlich gleich zuviel kriegen. Ein Roman, der von solchen Protagonistinnen handeln würde, wäre wohl sehr viel schwieriger zu verkaufen und würde mir wahrscheinlich Probleme bereiten. Aber vielleicht ist das ja auch nicht mehr so. Ich hatte mir ja auch gedacht, dass ich auf den Sexperimente-Beitrag komische Resonanzen bekommen würde.
Es ist aber auch nicht unbedingt mein Anliegen, den wahnsinnigen Sexroman zu schreiben. Ich habe so viel mit Sex und erotischen Geschichten gemacht, das mir das im Moment, ehrlich gesagt, zum Halse raushängt. Ich denke, ich werde da jetzt eine Pause haben. Vielleicht interessiert mich das hinterher wieder als Hauptthema. Die Zeiten ändern sich ja wirklich. Als ich —Heuchelmundž geschrieben habe (eine eher zufällige Ansammlung von erotischen Geschichten, aus der sich dann das Buch entwickelt hat), da kamen nur vereinzelt erotische Bücher für Lesben heraus, jetzt ist das ziemlich weit verbreitet. Es gibt in jedem großen Verlag mittlerweile Taschenbuchausgaben mit erotische Geschichten, und immer gibt es einen Alibi-Lesbentext. Ich habe dieses Jahr einige Anfragen gehabt, denen ich nicht allen zugesagt habe. Irgendwann wiederholt man sich auch, das bleibt einfach nicht aus, da muss man Abstand nehmen, um sich etwas Neues ausdenken zu können. Wenn Sex in Büchern eine Rolle spielt, wird das automatisch so hochgejubelt. In —Bilder von ihrž habe ich das sehr bewusst rausgelassen, es gibt nur eine Sexszene, das war mir wichtig.

Das ist mir überhaupt nicht aufgefallen ...

Ich glaube, das fällt auch nicht auf. Ich denke, es braucht auch nicht Sex, um erotische Spannung zu zeigen. Ich glaube trotzdem, dass die LeserInnen das Gefühl haben, dass zwischen den beiden Hauptpersonen eine starke sexuelle Lust herrscht, ohne dass diese beschrieben wird.

Wäre Suzannah eine Wunschpartnerin für dich?

Ja, das hatte ich schon in meinem Kopf. 95/96 habe ich das Buch geschrieben, drei Jahre haben die Vorarbeiten gedauert, aber die Idee zu diesem Thema hatte ich seit 10 Jahren im Kopf. Ich brauchte sehr lange Zeit, um die Personen auszufeilen und habe das auch unheimlich genossen, mir immer wieder diese Suzannah und die Situationen vorzustellen und auszumalen über Jahre hinweg. Von meinem Gefühl her ist sie tatsächlich eine Art Traumfrau, das war dann auch richtig traurig, das Buch zu Ende zu schreiben zu müssen und sie dadurch als Person- Phantasie-Traumfrau zu verlieren.

Jetzt träumst du nicht mehr von ihr?

Nein, das hat sich verändert.Es ist nicht nur so, dass ich mir Suzannah als Traumfrau vorstellte, sondern sie ist gleichzeitig ein Spiegel meines eigenen Ichs in einer ferneren Zukunft. Es sind Splitter, die sich zu dieser Figur zusammengefügt haben.Der Roman hatte mit Sicherheit auch mit Träumen von mir selbst, was mir selbst später passieren könnte, zu tun. Ich habe im Grunde das beschrieben, wovor ich mich am allermeisten fürchten würde, dass man sich jemandem wirklich zuwendet und dann diesen Menschen verliert. Was ich mich immer gefragt habe, während ich an diesem Buch schrieb, war, wie es Menschen geht, wenn eine wirkich funktionierende Beziehung nach langer Zeit auf so eine Art und Weise zerbricht. Ich finde es immer wieder unglaublich, dass Menschen dann weiterleben können und wie sie das tun.

Was sagen deine Eltern zu deinen Büchern?

Ich denke, dass sie sich auch gefreut hätten, wenn ich was anderes mache, aber weil sie einfach wussten, dass ich das von Anfang an machen wollte, war es für meine Eltern toll, dass ich es tatsächlich geschafft habe. Was ganz süß dabei ist, ist, dass meine Mutter meinem Vater zum Einschlafen immer aus —Heuchelmundž vorgelesen hat, was ja nun erotische Texte sind.Mein Vater hat da immer herzhaft drüber gelacht, er fand immer, dass ich viel Phantasie habe. Es ist schon ein bisschen peinlich, wenn die Eltern die eigenen erotischen Texte als Einschlaflektüre lesen! Meine letzten Bücher konnte mein Vater nicht mehr lesen, weil er sehr krank war. Meine Mutter hat früher in der Kleinstadt, wo ich herkomme, in einer Buchhandlung gearbeitet, da durften meine Bücher aber nicht verkauft werden, weil die zu anstössig waren. Es ist mir bis jetzt auch noch nicht gelungen, eine Lesung in meiner Heimatstadt zu halten. Nun habe ich aber ein Kinderbuch im Oettinger Verlag veröffentlicht, ein sehr renommierter Verlag, da wird es dann wohl auch mal mit der Lesung klappen.

Das wäre dann ein Erfolg für dich?

Ja, auch, weil in diesem Buch eine schwule Figur eine sehr wichtige Rolle spielt. Es gibt ein Mädchen, was vom Tod seiner Mutter erzählt, die an Krebs gestorben ist. Es gibt einen schwulen Ziehonkel, der das Mädchen durch diese harte Zeit begleitet. Auf diese Weise werde ich dann doch das Thema —Homosexualitätž meiner Heimatstadt nahebringen! Ich finde, meine Mutter hat das in der Kleinstadt doch erstaunlich gut hingekriegt. Mittlerweile wissen sehr viele Leute, dass ich Schriftstellerin bin und es wissen auch viele Leute, worüber ich schreibe. Meine Mutter hat da viel Aufklärungsarbeit geleistet. Aber die Leute sind ohnehin toleranter als man so denkt, Frauen jedenfalls oft. Ich habe mal eine Lesung gehabt vor einem evangelischen Landfrauenverein, ca. 50 Frauen, die meisten davon zwischen 65 und 75, die waren sehr interessiert und haben sehr viel nachgefragt. Das war eine meiner schönsten Lesungen. Da sieht man, dass es sich doch viel besser transportieren lässt als man denkt. Es muss nur einfach ein Weg gefunden werden, das nahezubringen. Und Lesungen sind natürlich ein toller Rahmen.

Ist in so einem Rahmen schon mal eine auf dich zugekommen, weil sie deine Texte für bare Münze genommen hat?

Ja, es gibt überall Personen, die was missverstehen. Bei Lesungen sehe ich relativ oft ins Publikum, was fatal sein kann, es ist mir schon mal passiert, dass jemand dachte, er hat jetzt quasi mit mir eine Beziehung, das kann einem aber immer passieren. Es ist eher erstaunlich, wie wenig Anträge man bekommt. Ich hatte im Juni eine Podiumsdiskussion zum CSD, da hatte ich im Publikum Leute gesehen, die ich von früher kannte, hinterher habe ich mich noch kurz mit den anderen Diskussionsteilnehmern unterhalten und als ich mich umdrehte, waren alle weg. Das fand ich merkwürdig, dass meine ehemaligen Bekannten wahrscheinlich dachten, sie können mich jetzt nicht mehr ansprechen, weil ich so bekannt geworden bin. Es gibt so ein paar, die sich massiv aufdrängen, das ist komisch, aber wenn einen keiner mehr anspricht, ist es auch seltsam. Es ist wahrscheinlich schwierig ein Mittelmaß zu finden. Ich habe auf —Bilder von ihrž bestimmt an die 70 Briefe bekommen, worüber ich mich unheimlich. Aber es gibt auch da Frauen, wo ich den Eindruck habe, die sitzen in Deutschland irgendwo in einer Stadt, fürchterlich vereinsamt und haben das Gefühl, dass sie mich jetz in- und auswendig kennen, weil sie komplett verwechseln, was ich geschrieben habe und wie ich selber bin. Ich denke, dass die meisten sich denken, dass ich Thea bin und sie wollen Suzannah sein. Es gibt da sehr hartnäckige Fälle, die immer wieder darauf beharren, dass ich ja doch Thea sei. Die können das nicht trennen. Also, wenn man mit einer Schriftstellerin befreundet ist, dann brauch man immer ein hohes Abstraktionsvermögen, das ist schon schwierig, weil natürlich immer etwas darin verwoben ist, von dem was ich denke und tue.

Ist es unter diesen Umständen denn schwierig, Freundinnen zu finden?

Ich weiß schon, dass viele mich erkennen. Es ist mir tatsächlich schon einige Male passiert, dass ich angestarrt werde, da habe ich mich dran gewöhnt. Ich versuche immer mir einzubilden, dass das daran liegt, dass ich so toll aussehe. Aber ich habe noch nie das Gefühl gehabt, dass ich Frauen kennenlerne, die dann in mir die Schriftstellerin sehen. Ich habe da keine Probleme mit, das gehört ja auch untrennbar zu mir. Ich möchte natürlich auch gut gefunden werden aufgrund dessen, was ich tue. Das prägt mein ganzes Leben. Das bedeutet einfach, dass ich unglaublich viel Freiraum für mich brauche, unheimlich viel Zeit, dass ich sehr streng und diszipliniert bin für mich und dass ich anderen Menschen eigentlich sehr wenig Platz einräume. Das ist für die Menschen, die mit mir zu tun haben oder auch für Geliebte ziemlich anstrengend, die müssen unheimlich viel zurückstecken.

Hast du feste Schreibzeiten?

Nein, ich bin eher wechselhaft. Ich arbeite in Phasen ganz viel und pausiere zwischendurch. Es hat sich so entwickelt, das ich mittlerweile auch drauf angewiesen bin, Stipendien außerhalb zu haben, weil ich in Berlin schlechter arbeiten kann, weil mich da doch sehr viel ablenkt. Ich brauche, wenn ich schreibe, richtig Ruhe für mehrere Tage, alleine das ist schon schwierig für andere Menschen. Ich kann nicht so ein geregeltes Leben leben, ich habe keinen Alltag in dem Sinne und habe nie das Gefühl, dass ich jetzt zur Ruhe komme. Deshalb habe ich ganz oft auch leider das Gefühl, dass andere Menschen mir Platz wegnehmen, Zeit stehlen, das entwickelt sich gelegentlich zu einer Manie, dann werde ich giftig. Das ist schwierig. Und leider habe ich das Gefühl, dass sich das verstärkt. Manchmal muss ich einfach weg, da bin ich dann ein paar Monate auf dem Lande , wenn ich dann wieder komme, habe ich schon Ruhe. Allerdings richtig Ruhe habe ich nie, weil ich auch nie Pause mache. Das finde ich schwierig beim Schreiben für mich, dass ich das Gefühl habe, dass ich nicht abschalten kann, dass ich das immer mit mir herumtrage. Wenn ich an etwas arbeite, dann bin ich ganz unleidlich, weil ich immer so einen immensen Druck verspüre, der erst nachlässt, wenn ich wirklich fertig bin. Dann naht aber schon das Nächste... Jetzt habe ich gerade mein erstes Buch für Jugendliche fertig, das muss aber noch überarbeitet werden und fange im November einen neuen Roman an, also habe ich quasi jetzt ein bisschen Luft, aber nicht wirklich. In dieser Zeit habe ich natürlich auch viele Lesungen und