lespress 1098  

Erotik

 

 

  Es soll ja Menschen geben, auf die sich die Mischung von schwüler Hitze und achtstündigem Arbeitstag neurotisch auswirkt. Zu dieser Sorte gehöre ich. Ich saß an meinem Schreibtisch, sah den draußen am Schaufenster vorbeilaufenden Frauen nach. Zwischen meinen Brüsten spürte ich, wie mir die Schweißtröpfchen die Haut hinunterkugelten und ich drehte in meinem Kopf den Film "Erotische Geschichten am Arbeitsplatz". Dieser Sommer wollte mir außer gähnender Langeweile und einer wegen der Sommerpause fast ausnahmslos geschlossenen Lesbenkneipe nichts bieten. Statt am Strand verbrachte ich also den Sommer hinter meinem Schreibtisch im Reisebüro und schlich mich seit einer Woche, wenn meine Kolleginnen in der Mittagspause waren, in das Büro meiner Chefin und über deren PC ins Internet, obwohl ich, was Computer angeht, von Null und Nichts eine Ahnung hatte. Heimlich natürlich und mit etlichen Panikschüben zwischendurch, aus Angst mit meiner Ahnungslosigkeit das ganze System zum Absturz zu bringen oder hier im Büro erwischt zu werden. Dieses Jahr mußte ich mir meinen heißen Sommernachtstraum anders organisieren. Da war zum Beispiel Vicky. Seit vier Tagen trafen wir uns immer zur selben Zeit im gleichen Lesbenchatroom. Ich loggte mich in der Mittagspause ein und fand außer Vicky noch sechs andere Frauen vor. Fast ein Rekord um diese Uhrzeit! "Turtle hat den Kanal betreten" erschien, und ich war drin. Turtle war mein Pseudonym.  

 
  <maria> hallo turtle
<vicky> na endlich, dachte schon du kommst nicht mehr
<turtle> hallo maria. klar bin ich wieder da. vicky, war bloß noch mit diversen tagträumereien beschäftigt. mußte mich am schreibtisch festklammern um nicht den frauen auf der straße hinterher zu rennen. wer sagt, daß ich nicht komme? wäre gern gekommen, aber keine läßt mich....
<doro> au scheiße, geht das schon wieder los!
<susa> zu spät, mußt es halt zu einer anderen zeit versuchen, wenn du zu wort kommen willst. wieso sagen eigentlich toffi, ulli und maren gar nichts mehr? die sind doch noch drin...scheinst ziemlich verlassen zu sein turtle, oder was für ein problem hast du?
<vicky> turtle was tut sich so?
<turtle> so so susa, sex ist also ein problem für dich? probiers doch mal im kirchenchatroom, da gefällts dir bestimmt besser. es tut sich nicht viel, vicky, außer den kleinen schweißperlen die mir zwischen den büsten hinunterwandern und meinetwegen nicht bloß wegen dieser saumäßigen hitze dasein müßten....
<vicky> täte sie gerne mit meiner zunge einsammeln
<turtle> da kannst du aber auch gleich mehr einsammeln...
<vicky> so, was denn?
<turtle> also bauchnabel abwärts gibts noch viel zu entdecken. nicht nur mit der zunge...was trägst du denn gerade?
<vicky> jeans und slip
<turtle> sonst nichts???????? du bist zu hause?
<vicky> treffer. warte nur auf ein paar frauenhände, die den rest ausziehen....
<turtle> ooh ich komme schon, äh also ich meine meine hände...läßt du jede wildfremde frau dich ausziehen?
<vicky> nö, aber du gefällst mir
<turtle> habe ich ja glück gehabt! oh, tut mir leid, scheiße muß schon raus, es kommt jemand. ciao
<vicky> schade, hätte dich gern drin behalten. bis morgen
<toffi> tschau turtle

<ulli> bye bye turtle
   
 
  Eine meiner Kolleginnen kam viel zu früh aus ihrer Mittagspause zurück, und ich schaffte es gerade noch, rechtzeitig den PC und das Büro zu verlassen. Den Rest der Arbeitszeit malte ich mir in Gedanken aus, wie diese Vicky wohl sein mochte. Wenn das stimmte, was sie schrieb, kam sie aus Frankfurt, also gar nicht so weit weg von diesem Kaff hier, und war vermutlich der burschikose, frivole Typ Frau, ganz nach meinem Geschmack. Die Aussichten auf einen vielleicht doch nicht so ganz unspektakulären Sommer schienen von Tag zu Tag erfolgversprechender zu werden. Die Mittagspause tags drauf blieb ich zur Verwunderung meiner Kolleginnen wieder in der Filiale und loggte mich ein, als sie weg waren.
Bis auf eine neue mit dem Namen Marlies waren alle anderen von gestern auch wieder da. Vicky und ich hatten uns den Bildschirm bald erobert.
 
 
  <vicky> hast mich gestern ja ganz schön hängen lassen...
<turtle> an welcher stelle denn?
<vicky> na, war schon ein bissel zu weit
<turtle> sorry, was hast du dann gemacht?
<vicky> laß deine phantasie spielen....
<turtle> mit dir? aber gerne. wo darf ich denn anfangen? vielleicht da wo du gestern nichts anhattest? wild oder lieber sanft...
<vicky> och, heute mal sanft, mir ist nach langsamem genießen. schön feucht habe ich es am liebsten, direkt an der spitze
<turtle> ich spiele drumrum, nur kurz, gehe dann tiefer, will wissen was sich unter den jeansknöpfen versteckt....wie das wohl schmeckt?
<vicky> verrate ich nicht, mußt du selber rausfinden
<turtle> lasse meine zunge an deinem bauch runterwandern
<vicky> in der schublade rechts neben mir liegt ein dildo. jetzt habe ich nichts mehr an...
<turtle> du magst es zu sitzen, hm?
<vicky> klar, da läßt sich alles so schön beobachten, will sehen was du tust, mag meine beine auf deine schultern legen...
<turtle> aha, weiß was du willst, hoffentlich hat der stuhl armlehnen, halte dich lieber daran fest bevor du mir schreiend die hände in den hals krallst...
<vicky> dann eben in deine haare. du meinst ich werde schreien? schöööööön!
<turtle> was dagegen wenn ich dir die hände an den stuhl binde?
<vicky> mit vergnügen
<turtle> kriege so aber nichts von deinem rücken ab. ich mag die stelle zwischen schultern und besonders mich auf deinen nackten rücken zu legen und deinen Po unter meinen haaren zu spüren....
<vicky> will dich lieber zwischen meinen beinen...
<turtle> du bist ganz schön schnell
<vicky> ich warte auch schon den halben tag drauf
<turtle> nur im internet oder auch wirklich?
<vicky> traust du dich?
<turtle> klar, ein versuch wärs doch wert.
<vicky> heute abend schon?
<turtle> bin dabei. kommst du? habe leider kein auto, neu- isenburg, die frauenkneipe am alten markt. 22 uhr an der bar, wie erkenne ich dich?
<vicky> habe eine weiße baseballmütze auf. ich warte auf dich an der bar. hast du ein schwarzes jackett?
<turtle> ja
<vicky> ziehe es an, dann weiß ich wer du bist
<turtle> klasse, ich finde dich, bis später
<vicky> ciao, ich mach dann mal weiter
<turtle> womit?
<vicky> womit wohl.......
   
 
  Daß das so einfach sein würde, hatte ich mir nicht ausgemalt. Dafür daß ich diese Woche zum ersten Mal im Internet surfen war, fand ich mich schon ganz gut. Eine so heiße Verabredung und das ganz ohne peinliche Auftritte meinerseits. Ich wurde immer besser, fand ich, und niemand wußte davon. An diesem Nachmittag zählte ich die Stunden, bis wir für das Wochenende dichtmachten. In meiner Wohnung herrschte noch das Chaos vom Umzug, den ich vor zwei Wochen hinter mich gebracht hatte, und eigentlich wollte ich an diesem Abend noch die restlichen Kartons aus der Wohnung meiner ehemaligen Traumfrau holen, die zu ihrem Vibrator derzeit ein sexuell besseres Verhältnis hat als zu mir. Statt dessen schnappte ich mir meine Fünf-Kilo-Hanteln und trainierte meine Oberarmmuskeln ausgiebig. Kurz bevor mir die Sehnen durchknallten, ließ ich die Hanteln fallen und warf mich erschöpft auf den Boden. Mein Blick fiel auf Friedhelm. Au shit. Friedhelm war meine Schildkröte. Friedhelm, weil er eben immer so friedlich war und starke Ähnlichkeiten mit einem Fahrradhelm hatte. Diese Namenskombination fand ich passend. Jedenfalls lag Friedhelm neben mir mit einer Hantel auf dem Panzer. Ich nahm sie ihm vorsichtig runter und betrachtete besorgt den Riß, den er nun im Panzer hatte. Außer seinem geplatzten Deckel war nichts von ihm zu sehen. Abwarten. Ich prüfte vor dem Spiegel stolz meine geschwollenen Oberarme, war zufrieden und schichtete das Durcheinander um mich herum etwas um, damit ich die Zeit totschlagen konnte. Nur das Schlafzimmer räumte ich richtig auf. Dann schmiß mich eine halbe Stunde lang unter die Dusche. Anschließend schlüpfte ich in eine schwarze Jeans und ein schwarzes Sportbustier, darüber ein weißes Männerunterhemd. Perfekt.  
     
  Ich schnappte mir das schwarze Jackett, drückte Friedhelm einen Kuß auf den Sprung in seiner Schüssel und machte mich auf den Weg. Ich wußte nur in etwa, wie sie aussah: blond, mittelgroß, bißchen KV. Aber ob sie wirklich so drauf war wie beim chatten? Ob wir gleich im Bett landeten oder uns die Nacht lang in der Kneipe totquatschten, um uns dann nochmal zu verabreden? Daß wir uns unsympathisch waren, konnte ich mir nicht vorstellen, am PC funktionierte das ja wie geschmiert. Ich wußte gar nicht, wie alt sie war. Unwichtig. War sie Single oder war sie vernachlässigt? Auch egal. So wies aussah, endete der Abend bei mir zu Hause, und das war mir gerade einfach das wichtigste. Der Rest würde sich dann ergeben. Ich war höllisch aufgeregt, durch meinen Kopf schossen die verschiedensten Bilder, wie ich diese Nacht wohl mit ihr verbringen würde. Als ich dort ankam, beschleunigte sich mein Puls mit Warp-Geschwindigkeit. Unter meiner Jeans kribbelte es eifrig vor sich hin, und ich freute mich auf das kommende. Gleichzeitig mit mir betrat eine andere Frau, die ungeschickterweise auch ein schwarzes Jackett trug, die Bar. Warum sie mich so seltsam ansah, verstand ich nicht. Ich schob meine feuchten Hände in die Taschen des Jacketts und blickte mich nach Vicky um. Heute mittag dachte ich noch, daß dies ein vielversprechender Tag werden würde. Jetzt sah er allerdings etwas zuviel versprechend aus. An der Bar saßen fünf Frauen, die alle eine weiße Baseballmütze trugen! Die fünf Baseballfrauen drehten sich zu mir und der anderen um, und der Spaß, den sie dabei hatten, war nicht zu übersehen. Peinlich berührt blickte ich von den Frauen an der Bar zu der Jacketträgerin, die mich dreist angrinste und fragte.: "Na Turtle, nimmst du die links und ich die rechts?"  
  Juli Montag  
 

zurück