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Im Dienst der Sichtbarkeit

25 Jahre Lesbenarchiv

von Andrea Bronstering

  Warum es gerade der 17. Juni 1973 war, läßt sich heute nicht mehr feststellen. An diesem Tag, bis zur Wiedervereinigung der Bundesrepublik und der DDR im Jahre 1990 der "Tag der Deutschen Einheit", beschloß die Frauengruppe der Homosexuellen Aktion Westberlin (HAW), Plenumsprotokolle, Flugblätter und Zeitungsartikel zu lesbischen Themen zu sammeln. Das Datum, so will es die Legende, gilt als Gründungstag des ältesten Lesbenarchivs in Deutschland, mittlerweile bestens bekannt unter dem Namen "Spinnboden Archiv zur Entdeckung und Bewahrung von Frauenliebe e. V.". Exakt 25 Jahre danach, am 17. Juni 1998, gab der Spinnboden sich die Ehre und lud zum Empfang aus Anlaß des Jubiläums. Zum Gedenken und Gratulieren bei Häppchen und Sekt kamen alte Mitstreiterinnen und langjährige Förderfrauen ebenso wie die Jungs vom Schwulen Museum, die Verlegerinnen von Orlanda und Querverlag und zahlreiche weitere dem Archiv verbundene Frauen, von der jungen femme bis zur in Würde ergrauten Bewegungsfrau frühererTage.  
  "Was archiviert Ihr eigentlich?" Diese Frage wird den Mitarbeiterinnen des Spinnboden immer wieder gestellt. Was vor einem Vierteljahrhundert mit einem Stapel Zeitungen begann, ist zu einer imposanten Sammlung von Zeugnissen und Dokumenten lesbischen Lebens angewachsen. Die geneigte Besucherin findet circa 9 000 Bücher (darunter Originalausgaben lesbischer Klassiker wie "Der Skorpion" von Anna E. Weirauch, "Häutungen" von Verena Stefan und "The Well of Loneliness" von Radclyffe Hall), rund 150 Diplomarbeiten und Dissertationen, etwa 350 Videobänder (von "Mädchen in Uniform" und "Infam" über "Und wir nehmen uns unser Recht" bis zu "Bound" und "Set it off") und mehr als 600 Zeitschriftentitel zur wohlfeilen Benutzung und teilweisen Ausleihe vor der größte Teil davon ist mit wissenschaftlichem Instrumentarium verschlagwortet und daher bestens geeignet für gezielte Recherchen, ob nun zu privaten oder akademischen Zwecken. Eine unschätzbare Quelle für engagierte und geduldige Historikerinnen stellt die umfangreiche Sammlung alter HAW-und LAZ-Akten aus den siebziger Jahren dar. Das Studium dieser Dokumente bietet ausreichend Material für wissenschaftliche Arbeiten, die geeignet sein werden, Beiträge zur Rekonstruktion der Geschichte der neuen deutschen Frauen- und Lesbenbewegung zu liefern.Des weiteren exisitieren zahllose graue Materialien wie Plakate, Flugblätter, Briefe, Protokolle und private Nachlässe, die der strukturierten Erfassung harren. Hinzu kommt ein umfangreiches Fotoarchiv, zahlreiche Audio-CDs sowie ein frauenöffentlicher Computer mit Offline-Zugang zu den Frauenmailboxen "Woman" und "FemNet".  
  Die Frauen der ersten Stunde, die im Jahre 1974 die HAW verließen und das Lesbische Aktionszentrum (LAZ) gründeten, hätten sich kaum träumen lassen, daß aus circa 20 Aktenordnern, die durch zahlreiche private Wohnungen wanderten, einmal eine gut erschlossene Dokumentation werden sollte, die republikweit ihresgleichen sucht. In der Geschichte des Archives spiegelt sich auch die Geschichte der neuen Lesbenbewegung. In den 70er Jahren, noch vor der Gründung der Berliner Frauenbuchläden "Labrys" und "Lilith", ging es darum, Spuren lesbischer Geschichte und Gegenwart zu sammeln und sichtbar zu machen unter großem persönlichen Einsatz der Mitarbeiterinnen. Die 80er Jahre waren gekennzeichnet durch eine zunehmende Professionalisierung der Arbeit bei rasch wachsendem Bestand. Im Oktober 1982 öffnete sich das Archiv, noch in der Wohnung einer Mitarbeiterin angesiedelt, mit circa 800 Büchern, 42 Ordnern, zahlreichen Zeitschriften, Dias und Plakaten allen interessierten Frauen. Im Jahr darauf wurde der Verein "Spinnboden Archiv zur Entdeckung und Bewahrung von Frauenliebe e. V." gegründet, als gemeinnützig anerkannt und durch den Berliner Senat finanziell gefördert. Folgende Projekte bestanden unter seinem Dach: eine Kontakt- und Beratungsstelle (20 h/Woche), das Archiv und die Präsenzbibliothek, die Forschungsstelle und schließlich die Publikationsstelle (Herausgabe der Spinnboden-Texte, zwischenzeitlich eingestellt, zum Jubiläum in neuer Aufmachung erschienen). Zuwendungen des Frauennetzwerks Goldrausch, Lottomittel und private Spenden erlaubten dringend benötigte Anschaffungen wie Kopierer, Schreibmaschinen und Anrufbeantworter. 1988 erfolgte der Umzug des Archivs mit inzwischen mehr als 2 000 Büchern in eigene teilgewerbliche Räume in der Burgsdorffstraße im Berliner Bezirk Wedding.  
  Der Spinnboden ist längst zum wichtigen Knoten im Berliner Frauen- und Lesbennetz avanciert. Regelmäßige Veranstaltungen wie Lesungen, Diskussionen und Vorträge tragen zur Ausdehnung und zur Verbreitung des Archivierten bei. Die Anerkennung der Aufklärungs- und Emanzipationsarbeit läßt nicht auf sich warten: zwischen 1989 und 1995 wird der Spinnboden zusätzlich gefördert durch die Senatsverwaltung für Jugend und Familie (3/4-Stelle und 1/2 Miete). Die ersten Computer halten Einzug in die Räume. Mitte der 90er Jahre, nach dem erneuten Umzug in gewerbliche Räume in der WeiberWirtschaft in Berlin-Mitte, gerät das Archiv in existentielle Nöte. Die finanzielle Krise der öffentlichen Hand und der Dauerzwang zum Sparen machen auch vor dem Spinnboden nicht Halt. 1996 wird die Zuwendung auf eine halbe Stelle gekürzt, das Archiv steht vor dem Aus, da der Senat die komplette Aussetzung der Förderung für 1997 ankündigt. Zusammen mit anderen in der Existenz bedrohten Projekten geht der Spinnboden in die Offensive. Der zähe Kampf ums Geld, unter anderem mit einem eigenen Wagen beim Berliner CSD und einer großen Party, hat schließlich Erfolg: Der Senat genehmigt die Mittel für das Jahr 1997 sowie die Einrichtung einer weiteren halben Stelle. Neben zwei hauptamtlich beschäftigten Frauen sind aktuell etwa 15 Frauen ehrenamtlich aktiv und gewährleisten die Fortsetzung der Arbeit auf dem erreichten hohen Niveau. Spenden, natürlich auch in Form von Büchern, Zeitschriftenabonnements und Büromaterial, sind jederzeit willkommen.  
  Der Spinnboden ist in all den Jahren seines Bestehens immer mehr gewesen als ein Raum, in dem bedrucktes Papier aufbewahrt wird. Das Selbstverständnis als Ort der Begegnung und des Austausches zeigt sich in der Einrichtung der Informations- und Kontaktstelle. Indra Salooja, hauptamtliche Mitarbeiterin, erzählt: "Nicht alle Frauen, die bei uns anrufen oder hierherkommen, wollen in Zeitschriften recherchieren oder in alten Büchern schmökern. Für manche Frau ist es schlicht der erste Kontakt mit einer lesbischen Einrichtung. Gerade Lesben, die ihr coming-out noch vor sich haben, schätzen die diskrete Atmosphäre, ihre Schwellenangst ist geringer als bei einer Disco oder einem Café." Auch am Ende der 90er Jahre in der Metropole Berlin ist ein offenes lesbisches Leben nicht durchgehend selbstverständlich. Die Absicht der LAZ-Frauen aus den 70er Jahren, lesbisches Leben aus lesbischer Sicht darzustellen, hat ihre Gültigkeit nicht verloren. Damals wie heute geschieht das z. B. durch regelmäßige Lesungen: der Spinnboden hat in der jüngeren Zeit Lesungen organisiert mit Klaudia Brunst und Leslie Feinberg, Sabine Hark und Minnie Bruce Pratt, Erica Fischer, Pit Umber und Madelaine Marti.  
  Ein Blick auf die Veranstaltungen des vergangenen Jahres zeigt, daß der Spinnboden auch ein Forum ist, auf dem sich die Entwicklungen in der Lesbenszene ablesen lassen: so gab es einen Vortrag zum Thema "Vernichtung intersexueller Menschen in Deutschland", eine Diskussion mit lesbischen Polizistinnen und eine Veranstaltung zur Frage "Lesbisch sein, türkisch sein ein Widerspruch?" Ganz offensichtlich trifft der Spinnboden mit seinem Angebot den Nerv der Szene: die meisten Angebote werden gut angenommen, die Resonanz der Frauen ist sehr gut.
Hauptaufgabe des Spinnboden bleibt natürlich die Dokumentation und Verschlagwortung von Zeugnissen lesbischen Lebens in Form von Büchern, Zeitschriften, Artikeln, Fotos, Filmen, Fernsehsendungen etc. Zahlreiche Rechercheanfragen vom SVD aus Köln über die Theologiestudentin aus Erlangen bis zum autonomen Frauenprojekt aus Neuseeland geben Auskunft über den exzellenten Ruf, den sich das Archiv mitsamt seiner Schätze in geduldiger Detailarbeit erworben hat. Der Spinnboden als lesbisches Gedächtnis ist aus der Berliner Szene nicht mehr wegzudenken, auch deshalb nicht, weil er eines der wenigen ausdrücklich lesbischen Projekte ist und nicht wie so manch andere Einrichtung unter dem Signum "Frauenprojekt" firmiert. In diesem Sommer feierte die Berliner Homoszene ihren 20. CSD mit mehr als 100 000 Teilnehmenden. Kurz vor der Bundestagswahl im September 1998 waren Parolen zu hören wie "Eingetragene Partnerschaft sofort", "Lesbischsein als Asylgrund" oder "Geschlechtliche Selbstbestimmung für Trans- und Intersexuelle".
 
  Diese Forderungen sowie die schiere Zahl derer, die sie erheben, unterstreichen zum einen ein deutlich gestiegenes Selbstbewußtsein unter Schwulen und Lesben, zum anderen eine schrittweise Abkehr von separatistischen Positionen sowie einen Blick über den eigenen Tellerrand hinaus. So erfreulich diese Entwicklungen an sich sind, so wichtig ist die Erinnerung an eine Epoche, in der sich Frauen das Recht erkämpften, sich stolz "Lesbe" zu nennen. An der weitgehenden Ausblendung lesbischer Anteile an der offiziellen Geschichte hat sich trotz Frauen- und Lesbenbewegung nicht viel geändert, der Allgegenwart lesbischer Charaktere in Talkshows und Seifenopern zum Trotz. Das Bestehen des Spinnboden ist ein Garant dafür, daß das Ignorieren und Nicht-Ernst-Nehmen von Frauenliebe heute ungleich schwerer fällt, als noch vor 25 Jahren. In diesem Sinne lädt das Archiv alle interessierten Frauen ein zu einem rauschenden Fest am 17. Oktober 1998 - den Ort und das Programm bitte der lokalen Presse entnehmen!  
  Spinnboden Archiv zur Entdeckung und Bewahrung von Frauenliebe e. V.

Anklamer Straße 38 10115 Berlin Fon & Fax 030 / 448 58 48

Öffnungszeiten: Mittwochs und Freitags von 14.00 bis 19.00 Uhr u. n. V.
Öffentliches Plenum: Donnerstag ab 19.00 Uhr

Postbank Berlin Kto 474 338 105 BLZ 100 100 10
 
  spinnboden@spinnboden.Im-netz.de  
 

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