Angelina Maccarone und die subversive Kraft des Humors

 
   
  Angelina Maccarone, Photo: Manju SawhneyAufgabe: Zählen Sie die wichtigsten und besten deutschen Lesbenfilme der letzten Jahre im Fernsehen auf. Unter den drei meistgenannten Titeln sind mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zwei Filme von Angelina Maccarone vertreten: "Kommt Mausi raus?!" und "Alles wird gut".
"Mausi" wurde erstmals 1996 in der "Wilde Herzen"-Reihe der ARD gezeigt - zur besten Sendezeit versteht sich. Kati, genannt Mausi, schüchtern und zwanzig, zieht vom Dorf in die Großstadt. Sie sucht und findet ihre erste große Liebe - und alles wäre prima, wenn da nicht die Familie wäre. Also fährt Mausi zurück aufís Land, im Handgepäck den Ratgeber "Coming Out leicht gemacht".
Auch "Alles wird gut", der weltweit zahlreiche Festivalpreise gewann, lief erstmals 1998 in dieser ARD-Reihe. Nabou und Kim sind die Heldinnen des Films: Die eine eine arbeitslose Lebenskünstlerin mit dem verzweifelten Wunsch, ihre Exfreundin Katja zurückzugewinnen, die andere coole Karrierefrau auf dem Weg nach oben. Eigentlich haben die beiden nichts gemeinsam, außer der Tatsache, dass sie als Afrodeutsche dem täglichen Rassismus ausgesetzt sind. Das Schicksal führt die beiden dennoch zusammen.
So unterschiedlich diese beiden Filme auch sind, sie haben vieles gemeinsam: Beide haben trotz der "ernsten" Themen viel Humor und vergessen auch die leisen Zwischentöne des Alltags nicht.
Nach diesen Filmen zeigte das Fernsehen noch Maccarones Film über eine ungewöhnliche Frauenfreundschaft, "Ein Engel schlägt zurück". Seit mehreren Jahren allerdings gab es keine neuen Filme der 1965 geborenen Regisseurin mehr zu sehen. Untätig ist Angelina Maccarone, die auch als Dozentin und Songtext-Autorin arbeitet und in Berlin lebt, aber nicht gewesen. Ihr aktuelles Projekt "In Orbit" dreht sich um eine Flüchtlingsfrau: Die Bezeichnung "In Orbit" wird von den Vereinten Nationen offiziell für Asylsuchende verwendet, die sich in einer Umlaufbahn um die Erde befinden, weil sie legal nirgendwo sein dürfen.

Lespress: Wir haben leider länger nichts von Ihnen gesehen. Was haben Sie in der Zwischenzeit gemacht?
Angelina Maccarone: Zuerst war ich mit "Alles wird gut" und "Ein Engel schlägt zurück" ein Jahr lang auf diversen Festivals unterwegs. Nach den sehr kurz aufeinander folgenden Dreharbeiten fand ich es toll, mit den Filmen nach New York, Mailand, London, Südafrika usw. eingeladen zu sein. Danach habe ich verschiedene Drehbücher geschrieben, die in unterschiedlichen Arbeitsstadien sind. "Weihnachtszombies", ein Roadmovie, das an Heiligabend spielt, sollte im vergangenen Februar gedreht werden. Die Finanzierung ist uns aber kurzfristig geplatzt. Wann "Weihnachtszombies" doch noch realisiert wird, steht in den Sternen. es gibt noch keinen konkreten Termin.


Q: Worum geht es in Ihrem neuen Film "In Orbit"?
A: "In Orbit" ist ein Spielfilm, für den Judith Kaufmann (die Kamerafrau, mit der ich bei meinen letzten beiden Filmen gearbeitet habe) und ich soeben Drehbuchförderung von der Filmförderungsanstalt erhalten haben. Wir schreiben nun am Buch, anvisierter Drehtermin ist Sommer 2003. Es geht um eine Frau, die aufgrund ihres Lesbischseins im Iran zum Tode verurteilt ist und flieht. In der BRD wird ihr Fluchtgrund nicht anerkannt und das Asyl verwehrt. Deswegen muss sie in einer falschen Identität als Mann leben, was einige Komplikationen nach sich zieht und zudem lebensgefährlich ist, da ihr bei Enttarnung die Abschiebung droht.

Q: Sie haben zwei herausragende Lesbenfilme fürs deutsche Fernsehen gemacht. War es ein steiniger Weg, um dahin zu kommen? Sehen Sie sich als eine Art Wegbereiterin?
A: Der Weg war Mitte der 90er, als "Mausi" lief, ein noch wenig beschrittener, aber als steinig würde ich ihn nicht bezeichnen. Damals wurde das Thema "Wenn Frauen Frauen lieben" durch alle Talkshows geschickt. Madonna kokettierte mit lesbischen Affären und selbst Inge Meysel bekannte sich. Es gab eine Neugier, die auch negativ als "hype" bezeichnet werden könnte.
Inzwischen wird in jeder Vorabendserie eine lesbischer Liebesstrang erzählt. Ob diese Quantität das Lesbenbild im Mainstream vielschichtiger macht oder nicht, vermag ich nicht zu beurteilen. Meine Beobachtung ist jedoch, dass es leider immer noch leichter ist, Filme mit heterosexuellen HeldInnen finanziert zu bekommen. Auch den Wunsch nach, "so einer Geschichte wie "Alles wird gut", nur eben... anders" sprich: hetero, habe ich des öfteren von Produzenten gehört.
Die Situation, in der Drehbücher nicht aufgrund der sexuellen Orientierung der Hauptfigur unterschiedlich bewertet werden, ist also noch nicht erreicht. Bei diesem Ziel möchte ich gern Wegbereiterin sein.

Q: Beide Filme sind (auch) sehr komisch. Was bedeutet Ihnen der Humor?
A: Humor kann ein gutes Mittel sein, "schwierige" Themen einem Publikum nahezubringen, das normalerweise davor flieht. "Rassismus" ist so ein Thema. Ich finde es wichtig, sich in Deutschland endlich bewusst damit zu beschäftigen. Wenn Leute über die Absurdität des Konstruktes "Rasse" lachen, kann es ein Einstieg zu einem Nachdenken über den eigenen verinnerlichten Rassismus sein.
Außerdem mag ich persönlich gern Komödien und glaube an die subversive Kraft von Humor.

Q: Ihr Interesse geht aber über "reine" Lesbenfilme hinaus - warum?
A: Was sind "reine" Lesbenfilme? Entscheidend finde ich beim Filmemachen den Standpunkt. Egal über welches Thema ich schreibe, mein Standpunkt bleibt ein "lesbischer". Mich fasziniert die Absurdität der Norm in allen Schattierungen, auch über die sexuelle Orientierung hinaus. Und selbst da gibt es ja weitaus mehr als nur homo oder hetero. Innerhalb der Szene gibt es neue Grenzen zwischen S/M und "Vanilla" oder Queercore und Tanztee. In zwei von drei Drehbüchern, an denen ich im Moment arbeite, sind die Protagonistinnen allerdings Lesben, weil mir das näher ist.

Q: Sie haben ja in der Vergangenheit überwiegend Fernsehen gemacht - warum? Sehen wir auch mal einen Kinofilm von Ihnen?
A: Die Idee zu "Kommt Mausi raus" hat das Interesse der NDR-Redakteurin Doris Heinze geweckt, und sie hat sich sehr dafür eingesetzt, dass der Film zur besten Sendezeit lief. Das war ein Glücksfall, der sich mit "Alles wird gut" wiederholt hat. Die Finanzierung eines Fernsehfilms geht wesentlich schneller als der lange Weg durch die Förderinstanzen, bei der jede Gremiumsentscheidung zur Zitterpartie wird. Denn selbst wenn eine Förderung steht, kann die nächste negative Entscheidung oftmals alles wieder kippen. Natürlich reizt es mich sehr, einen Kinofilm zu machen, und die Projekte, an denen ich zur Zeit arbeite, sind fürs Kino konzipiert.

Q: Was ist Ihnen als Filmemacherin wichtig, was wollen Sie zeigen/dem Publikum mit auf den Weg geben?
A: Schön ist, es zu schaffen, dass Leute sich repräsentiert fühlen, die im Mainstream vielleicht sonst nicht so vorkommen. Oder wenn das "breite" Publikum sich unterhalten fühlt und dabei gleichzeitig den Blickwinkel einer Hauptfigur einnimmt, die sonst immer fünf Zentimeter neben dem Rampenlicht steht, und Leute, die sonst nichts mit sogenannten "Randgruppen" zu tun haben, plötzlich über ihre Haltung zu Sexualität oder Rassismus nachdenken und ihre Sicht erweitern.

Q: Woher nehmen Sie die Ideen für Ihre Filme? Gibt es autobiographische Elemente?
A: Die Ideen für die Filme sind einfach da. Natürlich sind die Geschichten nicht eins zu eins autobiographisch, das wäre wenig interessant. Aber es muss schon ein Thema sein, das mich beschäftigt und berührt, in der Zeit, in der das Drehbuch entsteht. Während des Schreibens kann ich es dann für mich ausloten. Bei "Alles wird gut" wollten Fatima El-Tayeb und ich einfach einen Film machen über ganz normale Leute wie uns selbst und über die Absurdität von Rassismus. Da wir beide das Genre der Screwball-Comedy mochten, haben wir uns daran versucht. Nur dass statt Cary Grant und Katherine Hepburn diese Form der romantischen Komödie zwischen zwei afrodeutschen Frauen stattfindet. Dabei hatten wir jede Menge Spaß.

Q: Was ist für Sie persönlich Ihr bisher wichtigster Film?
A: Der wichtigste Film ist für mich immer der, an dem ich gerade arbeite. Das hat mit meiner Arbeitsweise zu tun, dass ich mich Themen widme, die mich umtreiben.

Q: Sie haben ja auch Songtexte geschrieben und sind als Dozentin tätig. Welche Arbeit bedeutet Ihnen am meisten?
A: Ich mag Songtexte, in ihrer Ausschnitthaftigkeit und Präzision: es geht um ein Gefühl, einen Aspekt, der in einer relativ strengen Form sprachlich bebildert wird. Aber Film ist für mich die Königin unter den Ausdrucksformen, weil hier alles zusammenfließen kann: eine Geschichte, Bilder, Musik, Schauspiel, Orte, Menschen, politische und psychologische Aspekte, das ganze Spektrum menschlicher Gefühle und Abgründe. Diesen Reichtum versuche ich meinen StudentInnen zu vermitteln. Das Unterrichten macht mir Spaß, weil meine eigene Suche nie aufhört, und es für mich auch stark darum geht, meine Grenzen zu erweitern und mich für die Fülle dessen, was an Inhalt und Form möglich ist, zu öffnen.

Filmografie (Auswahl): Kommt Mausi raus?! (1994), Alles wird gut (1997) , Ein Engel schlägt zurück (1998)

Text: Claudia Frickel
Foto: Manju Sawhney
 
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