Virtuell Love  
 

- Liebe in den Zeiten des Cyberspace
Von Annelu Küsters

Meine erste Kontaktanzeige im Internet sah so aus:

Hi, ich bin Maxi und komme straight from Egalia. Mich beschreiben? Na, ja, Typ Schlüssel-am-Karabiner-an-der-Gürtelschlaufe und Geldbörse-in-der hinteren-Hosentasche einer echten Knöpfe-am-Schlitz-Jeans, androgyn, immer noch im Scham- und Achselbereich behaart und bei 64 Kilo leicht untergroß. Und gelegentlich noch von der Idee beseelt, Frauen seien gleich jedenfalls unter einander. Ohne zu klagen, denke ich, die Frauenbewegung (Hosianna!), die lesbische Community (Yeah!), die GIRRRLS (Uuuuups!), irgendwie haben sie mich achtlos am Wegrand vergessen, während sie sich stöckelbeschuht lippenbestiftet aufgemacht haben ins neue Jahrtausend. Millenia, wo bist Du, die Frau aus der young gay generation. Beweise mir das Gegenteil.

Ich bekam NULL Emails!

Single geworden aus Leid, bin ich mittlerweile Single aus Leidenschaft, aber, ye know, man kann ja immer mal wieder testen, was der Markt bietet. Und Kontaktanzeigen bieten mir the big chance, doch unter many, many beautiful girls die nächste Lebensabschnittsgefährtin zu finden.
Nie war Communication so einfach wie heute. In Zeiten des Cyberspace und Hypersex reicht ein Klick, ein paar Zeilen voll emotionaler Tiefe wie:

hi, wie gehts denn so.
Habe Deine Anzeige gelesen.
Wär nett, wenn Du dich mal meldest
(Tel. 66666666). Bis dann, tschaui!


Und schon hast du die Stimme am anderen Ende. "Hallooooo!", total schnarchmäßig, tief depressiv - und dann hörst du dir eine halbe Stunde das an, was du über eine fremde Person schon immer nicht wissen wolltest.
"O.k., ich meld mich mal wieder oder so!"
Muss nich´sein!

Next trial!
Ich klicke das gemütliche Home von her2her an (http://www.her2her.ch/). Eine Schöne am oberen Bildrand (blond, watt sonst!) empfängt mich und macht mich totally nachdenklich: wo enden eigentlich deren Brüste? Ich brauche gaaaanz dringend einen größeren Monitor (oder doch eine Brille?)
Ich bin die 388361ste Besucherin. Den Finger am Drücker der Maus, will ich nationalbewußt gleich die deutsche Fahne anklicken, obwohl es mir ja letztendlich egal sein kann, ob die Auserwählte aus München, Hamburg oder Zürich kommt (Hauptsache, sie sieht geil aus!) Aber halt! Erstmal die Pin-ups anschaun.
Wow, gleich werde ich fündig: Wallendes Blondhaar, wie bei Miss Germany, Spaghettiträger, deren einer tooootal lasziv von der solargebräunten Schulter gestreift wurde. Ein Bardamensparschlitz wie ich ihn selbst mit Superpushpushup nicht hinbekäme. Really! Great!

Ich bin 26 jahre, 168 cm, schlank
wie ihr seht, bin unbehaart, fermin,
trag sehr gern frivole kleidung.


Na ja, lassen wir bei "unbehaart" mal die paar Kopfhaare beiseite (die sicher bei weiterer Blondierung bald von selbst verschwinden) und rechnen wir das Trägershirt großzügig zu frivol. But what the hell meint fermin? Ferment, Fermate, Fertilierung... Habe ich wieder den neuesten Trend der Scene overheard. "Hallo, Du süße Nacktschnecke, ich bin ganz fermin auf dich!" Or so?

Möglicherweise soll es ja feminin heissen. Diese unbehaarten sexy girls sind ja alle totally feminin, was sich vor allem darin äußert, dass sie selbst im eigenen Auto nach mehreren Treffen unaufgefordert auf den Beifahrersitz rutschen, die Karte verkehrt herum halten und im heimatlichen Stadtteil zwar nicht das Bewusstsein, dafür aber jegliche Orientierung verlieren ("Wow, die Straße wo ich wohne, ist tatsächlich eine Einbahnstraße"). Aber leider, leider, so richtig feminin mit putzen, waschen, kochen, quasi das weibliche Hausfrauen-Triathlon Goldenen Fifties, beherrschen diese Fems dann doch wieder nicht.

Na egal. Klicken wir weiter:
Vielleicht wäre die hier was. Schöne natürliche Pose, Kopf in einer 45-Grad-mit leichtem Neigungswinkel. So wie die Übung beim Orthopäden letzte Woche. (Süßer Typ. Hat gleich gemerkt, dass der dritte Halswirbel von oben raus war und ganz zärtlich knacks wieder eingerenkt. Resthaar fast blond, zugegeben, ein bisschen androgyn, aber na ja. Bin ich vielleicht eine schwule Frau und liebe Männer?)
Also weiter jetzt!
Da, da, da! Totally sweet, schwarzhaarig und mit rotem Band um den Hals. So einen Pitbull wollte ich immer schon haben. Ja,ja, die Frau auf demselben Foto (diesmal Wallehaar in hundefarbe) ist auch nicht übel. Aber fuck! - auch die sucht die feminine Traumfrau.
Der Hund ist übrigens, erfahre ich in der Anzeige, schon ein Jahr älter als auf dem Foto. Wie mag er heute aussehen? Und vielleicht ist die Frau dann auch schon ein Jahr älter? Schwer zu sagen.

Hallo, ich komme aus der Nähe von Köln.
Ich bin wie Ihr sehen könnt, mollig
und 21 Jahre alt. Suche eine nette schlanke Sie
(ab 25 J. aufwärts).


Weshalb?
Also, dass sie 21 ist, hätte ich jetzt nicht so genau gesehen. Und dass sie eine schlanke Sie sucht, is´ klar, nä. Wer will schon eine mollige. Uuuuuups! Sorry, liebe 21jährige. Du hättest echt meine TRAUMFRAU werden können. Schließlich muss ich Prioritäten setzen und wo Du schon so umme Ecke wohnst, wär das doch die Schanze gewesen.
Übrigens noch ein Tipp: Plateausohlen strecken zwar, im Stil von Schaumgummi-Asiletten turnen sie aber in der Regel mächtig ab. Allerdings vielleicht lassen sich ja Putzlappen darunter befestigen. Schnell formuliere ich eine total persönliche mail:

hi, ich bin Maxi,
und habe Deine Anzeige gelesen.
Wär nett, wenn Du dich mal meldest.
Bis dann, Maxi.


Klasse, diese Kopierfunktion.
Aber jetzt erst mal die 30 Briefchen abarbeiten, die gestern eingetrudelt sind. Sicher mega emotionale statements dabei.

Halöchen,
Du hast mir auf meine Anzeige geschrieben.
Wär nett, wenn Du dich mal meldest.
Tschaui, Vanessa

 
   
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