interview  
k. d. lang  
 
? 3 Jahre sind seit dem letzten Album "Drag" vergangen. Warum hast du so lange gewartet mit dem neuen Album?

k.d.: Ich habe mich aus dem Showbusiness schon vor vier Jahren allmählich rausgezogen. "Drag" zähle ich gar nicht richtig. Das war ein kurzes Intermezzo zum Thema Rauchen. Ich habe dafür aber keine Stücke geschrieben und ging danach auch nicht auf Tour. 15 Jahre habe ich nonstop gesungen und getourt, da brauchte ich einfach mal eine Pause. Dann habe ich mich verliebt und eine Beziehung aufgebaut (Anm. d. Red.: k.d. ist mit Leisha Hailey von der Band "The Murmurs" liiert), meine Hündin Sailor angeschafft, habe auf meine bisherige Karriere zurückgeblickt und meine Batterien wieder aufgeladen. Und ich habe dadurch neue Inspirationen bekommen, was für mich als Künstlerin total notwendig war.

? "Drag" war ein wunderschönes Album, aber ein kommerzieller Flop. Nervt Dich eigentlich, daß jedes neue Album mit Deinem größten Erfolg "Ingénue" verglichen wird?

k.d.: Stimmlich gesehen ist "Drag" eine meiner besten Platten. Einen kommerziellen Erfolg hatte ich gar nicht erwartet. Ich sah es mehr als eine Übung für mich an, andere Stücke zu interpretieren und ein Konzeptalbum zu machen. Es ist wichtig, wie ich zu den Alben stehe. Bei einem Maler wie Picasso ist auch jede Skizze, jedes Gemälde von gleicher Bedeutung. Und so ist es auch bei mir. Jedes neue Album ist mir als Sängerin und Songwriterin genauso wichtig wie die anderen. Manche sind erfolgreich, manche nicht. Ich hätte nicht gedacht, daß "Ingénue" so erfolgreich wird. Es war doch eine sehr dunkle und merkwürdige Platte für 1992.

? Keine Lieblingsplatte?

k.d.: Doch, den "Cowgirls"-Soundtrack mag ich am liebsten. Es hat diesen ekklektischen Mix aus Countrymusik, Easy Listening und diesem komischen Zeug. Da kommt mein wahres Ich am besten raus. Die Leute meinen immer, dass ich so eine düstere und ernste Person bin. Das ist aber nur eine von meinen Seiten. Das neue Album hat auch diese unterschiedlichen Seiten.

? Würdest du noch mal eine reine Countryplatte aufnehmen oder auch ein Duett mit Garth Brooks singen?

k.d.: Kein Duett mit Garth Brooks, obwohl er ja sehr gay-supportive ist. (Anm.: seine Schwester ist lesbisch) Seine Musik ist nicht ganz meine. Doch ich fühle, dass da noch ein Countryalbum in mir schlummert. Auch wenn ich weiterhin, wie in den letzten 5 Jahren, keinen kommerziellen Erfolg haben werde. Mir ist das eigentlich egal, ich werde singen, bis ich 91 bin.

? Was hat Dich zu "Invincible Summer" inspiriert?

k.d.: Die Liebe. Kalifornien, der Sommer ... Ich habe mich wieder so jugendlich gefühlt und bin auf eine Art wieder ein Kind geworden. Die Liebe kann sowas mit dir veranstalten. Ich bin einfach dankbar für mein Leben und bin sehr positiv drauf. Audio


? Ist es schwer für Dich als Künstlerin und auch als Promilesbe eine Beziehung zu leben?

k.d.: Wir sind ja zusammengekommen, nachdem ich "All you can eat" beendet hatte. Danach war ich fast nur zu Hause und wir haben eine gute Beziehungsgrundlage geschaffen. Ich glaube wir werden die stressige Zeit, die jetzt auf mich zukommt, überleben. Sie ist ja auch Musikerin und weiß, wo ich stehe und hat sehr viel Vertrauen in mich. Audio


? Beim ersten Reinhören in "Invincible Summer" stößt man auf viele verschiedene musikalische Einflüsse.

k.d.: Ja, es fing alles mit dem Elektropop von Air an, danach hörte ich viel brasilianische Popmusik und die Mamas & Papas. Große Vocals und tolle Surfgitarren. Richtig fröhliche Musik hat mich beeinflusst. Und ich habe kein schlechtes Gewissen, dass mein Album fröhlich ist. (lacht) Audio


? Deine Stimme klingt sehr natürlich, sehr klar und leicht.

k.d.: Ich habe mich darauf konzentriert, das Gehirn beim Singen auszuschalten. Habe die analytische, intellektuelle Produzentin in meinem Kopf ausgeschaltet. Ich war einfach nur Sängerin, habe die Musik auf mich wirken lassen und es floss ganz natürlich.

? Damian LeGassick hat das Album produziert. Wie bist du auf ihn gekommen?

k.d.: Madonna hat mich auf einer Party mit ihm bekannt gemacht. Sie war so von seinem Talent begeistert. Wir haben angefangen zusammen zu arbeiten und er war einfach großartig. Er hat sich um Arrangements und Programming gekümmert und so einen ganz neuen Sound beigesteuert. Für mich war es eine interessante Erfahrung loszulassen und die Kontrolle abzugeben.

? War es schwer, nicht mehr den alten Partner Ben Mink um sich zu haben?

k.d.: Einen Song "Love´s great ocean" habe ich noch mit ihm zusammen geschrieben. Aber unser Leben hat sich auf natürliche Weise auseinanderentwickelt. Er hat Kinder, lebt mit seiner Familie in Vancouver und ich lebe mit meiner Familie in L.A. Aber hier und da werden wir mal wieder etwas zusammen schreiben. Mit Ben habe ich großartige Songs schrieben."


? Du hast in Washington Ende April auf dem "Equality Rocks" Konzert mitgespielt. Ist es wichtig für Dich ein "Gay Activist" zu sein?

k.d.: Das war eine tolles großes Ding, ungefähr 40.000 Leute im Publikum und verschiedene Leute auf der Bühne. Das war schön, ein Teil davon gewesen zu sein. Es ist wichtig für mich als Person, offen zu sein für Leute, die Informationen über den lesbischen Lifestyle haben wollen. Ich bin ja seit 8 Jahren out..." Audio


? Bist du enttäuscht, dass sich nicht noch mehr KünstlerInnen outen, wie jetzt ja Sinead O´Connor?

k.d.: Bei Sinead bin ich nicht 100 % überzeugt, dass das stimmt. Das hat eher einen Schockwert. Ich finde das outen nicht so wichtig jetzt, wichtiger ist, dass man sich selbst wohlfühlt. Ich finde das Outen wurde zu sehr zu einer Publicitysache gemacht. Es war die letzten Jahre sehr trendy. Wenn wir es jetzt ein bisschen ruhiger angehen, kommt es von ganz allein. Audio


? Schwule und Lesben kämpfen für das Recht zu heiraten. Ist das ein Thema für Dich?

k.d.: Es ist ein bisschen schwierig für mich. Ich habe bisher das Alternative und etwas Kryptische am lesbischen und schwulen Lebenstil sehr genossen. Und ich selbst habe keine Ambitionen zu heiraten oder Kinder zu kriegen. Ich möchte kein Teil des Mainstreams sein. Aber wenn ich die steuerlichen und gesetzlichen Aspekte betrachte, wie z.B.: Erbschaft, Unterhalt etc., ist es notwendig gleichgeschlechtliche Partnerschaften abzusichern. Aber ob dafür nun alte christliche Terminologie herhalten sollte, das finde ich fragwürdig. Wir müssen eine neue Sprache entwickeln, dann haben andere auch keine Angst mehr, dass wir ihnen was wegnehmen. Ich möchte nicht von der Kirche unter christlichen Wertmaßstäben mit meiner Partnerschaft wahrgenommen werden. Wir müssen da selbst in unseren Köpfen eine neue Sprache finden und unsere eigene Kultur entwickeln, statt uns in eine vorhandene reinzuquetschen."

? Deine Videosammlung "Harvest of Seven Years" erscheint jetzt auf DVD. Schaust Du Dir die alten, zum Teil kuriosen, Aufnahmen an. Was empfindest Du dabei?

k.d.: Ich liebe es. Je weiter es entfernt ist, umso schöner finde ich es. Sonst bin ich doch manchmal peinlich berührt. Grad wenn es noch nicht so lange zurückliegt. Es muß schon ein bißchen mehr Zeit vergangen sein, damit ich mich richtig wohl damit fühle. Aber ich liebe es zurückzublicken. Ich bin sehr sentimental, wenn es um mein Leben und meine Karriere geht. Und ich liebe es älter zu werden. Alter ist so was Wunderbares. Jeder Moment des Lebens, ob tragisch oder glücklich, ist schön. Ich liebe das Alter und als Sängerin älter zu werden. Meine Beziehung zu mir und meiner Musik war nie besser als jetzt. Audio


? Was für ein Bild hast Du von Dir im Alter?

k.d.: Wenn meine Stimme nicht mehr so mitmacht, werde ich einen anderen Weg finden. Wie das Wasser wird meine Kreativität einen Weg finden weiterzufließen. Dann schreibe ich Gedichte oder male. Aber die Kreativität bleibt im Fluß. Audio


? "Salmonberries" war Dein Filmdebüt. Verfolgst Du noch weitere Filmprojekte?

k.d.: Grad ist ein Film raus mit Ashley Judd und Ewan McGregor "Eye of the beholder". Da spiele ich eine ganz kleine Rolle. Aber Schauspielern ist nicht ganz mein Ding. Ich bin keine Schauspielerin.

? Am 25. Juli startet Deine Tour in den Staaten. Wie wirst Du die neuen Stücke auf der Bühne rüberbringen?

k.d.: Ich nehme die Musiker mit, die auch auf dem Album spielen. Und ich freu mich schon auf die neuen Songs. Über meine Bühnenshow will ich noch nichts sagen. Das bleibt noch ein Geheimnis. Und bis wir nach Deutschland kommen, müssen wir erstmal eine Menge Platten verkaufen.



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Bring doch die Band Deiner Freundin, die Murmurs, mit als Opening Act.

k.d.: Man soll Privates und Job nicht zu viel mischen. Außerdem ist dieses ewige Touren von einer Stadt in die nächste nicht so schön für die Beziehung. Bei einigen Auftritten wird sie dabei sein.




Interview: Angela Gobelin
Photos: Just Loomis/wea
 
   
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