Familienministerium NRW jetzt auch Lesbenministerium
Veranstaltungsreihe "Lesben in Sicht" in Aachen eröffnet

 
   
  Plakat Lesben in SichtAn irgendeinem Apriltag schickte das Düsseldorfer Ministerium für Frauen, Jugend und Familie zum Auftakt folgende Meldung durchs Internet, der von Mai bis September ungefähr 50 Veranstaltungen in ganz NRW folgen sollen:

"Lesbische Frauen müssen oft mit Vorurteilen und offenen oder versteckten Benachteiligungen kämpfen. Und das, obwohl die meisten Bürgerinnen und Bürger gar nicht wirklich wissen, wie lesbische Frauen in NRW leben. Anders als schwule Männer werden sie in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen."


Cornelia Prüfer-Storcks, Staatssekretärin im Ministerium sprachs am Abend ins Mikro vor den Aachener Lesben. Sie waren zahlreich erschienen und mucksmäuschenstill, als sie fast ungläubig lauschten, wie leicht lesbisches Vokabular der Staatssekretärin über die gefärbten Lippen floss. Ganz ernsthaft klang das und richtig offiziell. Im roten Kostüm und feierlichem Rahmen eröffnete sie einen Reigen von Lesbenkulturveranstaltungen unter dem Motto "Lesben in Sicht". Die Aachener Bürgermeisterin sprach nicht ganz so schön, aber immerhin. Und ein kostenfreies Foto-Text-Buch lag in Türmen herum: "Lebenswege lesbischer Frauen, 10 biografische Portraits". Herausgeber - das Ministerium. Die Autorin, Ulrike Hänsch, redete über ihre Erfahrungen mit den interviewten Lesben im Alter von 27 bis 72:

"Lesbisches Leben bedeutet vor allem auch, eine Identität anzunehmen, der Anerkennung weitgehend verweigert wird, ein viele Jahre dauernder Prozess. Das Fehlen dieser Anerkennung ist immer wieder neu zu verschmerzen und Wege der Verarbeitung zu finden ist eine nicht endende biografische Aufgabe. Lesben werden in der Öffnetlichkeit nicht selten auf stereotype Weise dargestellt, die sie diskriminieren und auf eine von der Norm abweichende Sexualität reduzieren. In solchen Bildern ist kein Platz für Lesben, die auch Mütter oder Grossmütter, Ingenieurinnen, Professorinnen oder Hausfrauen sind, Migrantinnen, oder welche, die eine heterosexuelle Zukunft haben könnten."

"Ich hatte schon Angst, es kämen nur ein paar Nasen", sagte die Initiatorin und Kommunikationszentrale von "Lesben in Sicht" erfreut: Gabriele Bischof (Landesarbeitsgemeinschaft Lesben in NRW) hat über vierzig lesbische Basisgrüppchen in NRW koordiniert, um von April bis September in 16 Städten lesbische Lesungen, Ausstellungen, Diskussionen und Konzerte auf die Beine zu stellen. Athena Pawlatos ist Sprecherin dieser Arbeitsgemeinschaft und sagte folgendes zum Thema "Lesben in Sicht":

"Um überhaupt erst sichtbar zu werden ist eine Voraussetzung, eine eigene lesbische Identität zu entwickeln. Denn im Gegensatz zur männlichen Homosexualität können Lesben nicht auf eine Tradition mit reichlich geschichtlichen Wurzeln zurückgreifen. Lesben mußten und müssen sich immer noch ihre Geschichte erst "schaffen" und ihre verschütteten Wurzeln aufdecken. Aber schon das Wort Lesbe wird gemieden. Die Angst vor Stigmatisierung und mangelnde Identifikationsmöglichkeiten sind sicher tragende Gründe dafür. Übrigens, man kann sich nur zu was bekennen, was auch verboten oder zumindest anrüchig ist. So habe ich noch nie gehört, dass jemand "bekennt" blauäugig zu sein. Sicher sind dies nur einige Gründe, die zur Folge haben, dass die etwa 10% lesbischer Frauen in NRW zumeist unsichtbar bleiben."

Es wurde also hauptsächlich geredet. Bürgermeisterin Ströbele, Staatssekretärin Müller-Storcks, LAG-Sprecherin Pawlatos, Soziologin Hänsch, Gleichstellungsstellen-Sprecherin Knorr und die Sambagruppe "LesBenitas" wurden abgerundet durch Sekt und Schnittchen. Es war aber keine Minute langweilig. Denn es ging, wie auch in den biografischen Interviews im Buch, um die unsichtbaren Ausschlüsse der heterosexuellen Welt und ihre Folgen, die alle im Publikum in irgendeiner Weise kannten. Nur die jüngeren unter ihnen haben die Chance gehabt, sich selbst mit Lesben-Bildern in den Medien zu vergleichen. Sie haben die eine oder andere prominente Lesbe erlebt, die sie toll oder blöd finden konnten: zum Beispiel Hella von Sinnen, Ulrike Folkerts, K.D. Lang, Martina Navratilova oder die Figur der Manuela im Kinoklassiker "Mädchen in Uniform". Die älteren unter ihnen kannten kein Wort für ihre lesbischen Träume, sie wussten nur diffus, dass "es" verboten und irgendwie "entartet" war. Betont wurde, wie sehr sich das verändert hat und dass die erste und die zweite deutsche Frauenbewegung ohne Lesben nicht denkbar wären. Leider zogen die meisten Rednerinnen scharfe Grenzen zwischen heterosexueller Norm und lesbischen Lebensentwürfen. Wie fliessend diese Grenzen sein können, das wurde zum Beispiel durch das Auslassen von bisexuellen Lebensphasen weggelassen. Der Hetero-Norm wurde eine abgeschlossene Bevölkerungsgruppe des lesbischen Anders-Seins gegenübergestellt, was im Buch wieder ganz anders aussieht. "Lebenswege lesbischer Frauen Zehn biografische Portraits" kann kostenlos angefordert werden beim Ministerium für Frauen, Jugend, Familie und Gesundheit des Landes Nordrhein-Westfalen, Broschürenstelle, 40190 Düsseldorf, oder im Internet:
www.mfjfg.nrw.de. Die Geschichten und Fotos sind gleichzeitig Grundlage für eine Wanderausstellung unter dem selben Titel, die ab Juni 2002 beim Ministerium ausgeliehen werden kann.
Cornelia Gürtler

http://www.lesben-nrw.de/
http://www.akzeptanzkampagne-nrw.de/
 
     
  Lesben in Sicht
Zehn Frauen zeigen ihr Gesicht

Cover: Lebenswege lesbischer FrauenDer Fotoband "Lebenswege lesbischer Frauen " Zehn biographische Portraits" ist neu heraus gekommen. Das Ministerium für Frauen, Jugend, Familie und Gesundheit des Landes NRW hat den Fotoband im Rahmen der landesweiten Veranstaltungsreihe -Lesben in Sicht" auf der Auftaktveranstaltung in Aachen veröffentlicht.
Darin zeigen zehn Frauen in Interviews mit der Autorin Ulrike Hänsch und den eindrucksvollen Fotografien von Hanne Horn ihren ganz persönlichen Weg, sich als Lesbe in dieser Gesellschaft zu verwirklichen.
Die Frauen sind zwischen 71 und 27 Jahre alt. Sie bringen uns über eine Zeitraum von 50 Jahren ein Stück Zeitgeschichte näher. Heute kennen wir das Wort "Lesbe" und z.B. lesbische Gruppen, Netzwerke, Zeitschriften und Internetadressen. Das alles musste natürlich erst geschaffen werden. Wo haben sich denn Lesben früher getroffen und wie haben sie sich kennen gelernt? Und wie haben sie gewusst, dass sie lesbisch sind, ohne das Wort "lesbisch" zu kennen? Bei der Auftaktveranstaltung in Aachen bereichert Athena Pawlatos, Sprecherin der LAG-Lesben in NRW, unser Vokabular, dass eine Lesbe auch mit KV, Tribadin, Homosexuelle, andersliebende Frau, vom anderen Ufer, mit einer anderen Sexualität oder mit gleichgeschlechtliche Lebensform umschrieben wird.
Hanna Horn sagt zu Ihrem Band: "Die Portraits sind insofern nicht nur Ausdruck eines Zugewinns an Freiheitsräumen für lesbisches Leben, sie sind auch Ausdruck einer beharrlich verbleibenden Macht heterosexueller Normen."

Sichtbarkeit von Lesben ist das Thema. Aufhänger der Veranstaltungsreihe und des Fotobandes ist die Feststellung, dass lesbische Frauen immer wieder registrieren, dass sie in der Öffentlichkeit weniger wahrgenommen werden. Lesben sind anders als Schwule kaum sichtbar. So werden dem Auftakt in Aachen weitere 41 Veranstaltungen in16 Kommunen in NRW bis September 2002 folgen. Organisiert werden sie von den örtlichen Lesbengruppen und- initiativen in Zusammenarbeit mit ihren jeweiligen kommunalen Frauenbüros und Gleichstellungsstellen und der LAG- Lesben in NRW.

In Aachen findet Staatssekretärin Cornelia Prüfer-Storcks deutliche Worte: "Lesbische Frauen müssen oft mit Vorurteilen und offenen oder versteckten Benachteiligungen kämpfen. Und das, obwohl die meisten Bürgerinnen und Bürger gar nicht wirklich wissen, wie lesbische Frauen in NRW leben....Der diskriminierende Umgang von Frauen und Lesben ist für Männer nicht nachvollziehbar, es sei denn, sie sind schwul." Lesbische Frauen sollen in unserer Gesellschaft sichtbar werden, damit aus Vorurteilen Akzeptanz werden kann.

Eine kleine Begebenheit konnte am Rande der Veranstaltung beobachtet werden. Aus "Lesben in Sicht" wurde "Leben in Sicht". Leicht konnte man sich verlesen und so machte Astrid Ströbele, Bürgermeisterin der Stadt Aachen, in ihrer Abschlussbemerkung aus "Lesben in Sicht" - "Leben in Sicht". Hier war wohl der Wunsch die Mutter des Gedankens. Bei den vorbeigehenden und interessierten AachenerInnen, die in die Aula kamen, weil die LesBenitas trommelten, wurde das Plakat erst später wahrgenommen. "Schau mal: Leben in Sicht." -Nein, nicht Leben, Lesben in Sicht." "Oh." Und leisen Fußes gingen sie wieder hinaus.

Inge Heuschen
 
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