Girl Gangs in der Candy Bar - Neue Lesbenfilme  
 


London. Direkt am windigen Ufer der Themse im Theaterviertel South Bank liegt das legendäre Festivalkino National Film Theatre. Manchmal flanieren hier Stars wie Sigourney Weaver über den roten Teppich und hier findet jährlich das größte Schwulen- und Lesbenfilmspektakel Europas statt. Vom 30. März bis zum 13. April präsentierte das 14. LONDON LESBIAN & GAY FILM FESTIVAL 40 Langfilme und über 100 Kurzfilme. 21.000 Festivalorganisatoren, Filmemacher und Filmfans aus aller Welt kamen, sahen und feierten.


Während die Kurzfilme für Lesben ein überdurchschnittlich originelles Programm boten,gab es wirkliche lesbische Highlights bei den Langfilmen nur vier. Demnächst in den deutschen Kinos (vorraussichtlicher Start: 20. Juli) zu sehen ist Jamie Babbits Spielfilmdebut BUT I´M A CHEERLEADER. Die amerikanische Teenie-Komödie dreht sich um die vorbildhafte Cheerleaderin Megan, die plötzlich ihren Freund abweist und stattdessen Vegetarierin und Melissa Etheridge-Fan wird. Auch umarmt sie verdächtig oft ihre Freundinnen. Zur Strafe muss sie in ein Umpolungs-Camp, doch blüht Megan hier erst richtig auf. Eine knallbunte und hitverdächtige Komödie darüber, dass selbst das straff organiserte amerikanische High-School-Gruppenzwangsystem echte Gefühle nicht aufhalten kann.

Unaufhaltsam bald der lesbische Publikumsliebling in deutschen Filmfestivals wird die US-Produktion CHUTNEY POPCORN sein. Nisha Ganatra, Regisseurin und Hauptdarstellerin in Personalunion, war selbst in London anwesend (Sie sieht live noch besser aus als auf der Leinwand) und ließ sich und ihr Werk feiern. Ihre Heldin Reena ist das schwarze Schaf einer indisch-amerikanischen Familie bis sie für ihre unfruchtbare Hetero-Schwester ein Kind austragen will. Nicht nur Reenas Familie, sondern auch die lesbische Community und ihre Geliebte finden ihre mütterlichen Ambitionen zuerst alamierend, dann beängstigend und schließlich doch wunderbar.

Ebenfalls originell, aber authentisch sind Carol Morleys THE ALCOHOL YEARS. Die britische Filmemacherin war einst stadtbekannte Thekenschlampe Manchesters. Durch eine Anzeige in der Zeitung rief sie alle, die sie aus ihrer wilden Zeit kennen, auf, ein Statement vor der Kamera abzugeben. Herausgekommen ist ein feucht-fröhliches Portrait mit einer ehrlichen Portion Selbstkritik.
Ein Stück Zeitgeschichte spiegelt auch die ergreifende Dokumentation LIVING WITH PRIDE wider, nur werden hier gleich 100 Jahre der schwarzen Lesbe Ruth Ellis dokumentiert. In den USA setzte die hundertjährige Zeitzeugin Ruth Ellis nicht nur in der afrikanisch-amerikanischen Community den unüberhörbaren Startschuß für die längst fällige Erforschung der Geschichte schwarzer Homosexueller. In London wurde der Film stürmisch gefeiert, nicht nur weil die Metropole um den Big Ben eine der multikulturellsten Schwulen und Lesbenszenen der Welt vorweisen kann.

Buntgemischt ging es auch auf der Lesbenparty "Gang Bang 2000" nach dem gleichnamigen Kurzfilmblock zu. Londons berühmt-berüchtige Candy Bar im Vergnügungsviertel Soho war die filmreife Kulisse für das Stelldichein internationaler Regisseurinnen und Festivalmacherinnen. Unübersehbar die Amerikanerin Katrina Del Mar, die im hautengen Lack-Look samt Anhang im Barbarella-Stil kam. Ihr Dress passte zu ihrem Kurzfilm GANG GIRLS 2000. Schräg, komisch und mit viel Spaß inszeniert Del Mar rivalisierende Frauengangs. Schlagfertige Mitglieder der Glitter Girl-Gang auf Bonanza(!)-Fahrrädern entführen ihren Erzfeindinnen, der Slut-Gang, ihr Maskottchen: einen hässlichen Mops-Köter. Natürlich muss dieser Frevel gerächt werden und in New York bricht der Girl-Gang-Krieg aus.

Jennifer Arnold aus den USA wurde umringt wegen ihres Kurzfilms CHICKS WITH GUNS. Ihre Hommage an die bewaffenten Heldinnen des B-Films im Stil eines James Bond- Vorspanns erfreute nicht nur Fans von "Drei Engel für Charlie" oder "Jackie Brown". Eine gutgelaunte Carol Morley zeigte Geschmack, nicht nur weil sie an ihrem Whiskey nippte, sondern modebewusst eine Pelzmütze im Trapper-Stil zur Schau trug. Sollte dies der Vorgeschmack für Teil 2 der "ALCOHOL YEARS" sein?

Hope Thompson aus Kanada gesellte sich erst spät zu der illustren Runde im Candy, schließlich ist ihr Spezialgebiet die lesbische Aneignung des Film Noir. Wie schon ihr Kurzfilm "It HAPPENED IN THE STACKS" spielt ihr neuer Film "SWITCH" in der Welt der 40er. Handwerklich und atmosphärisch perfekt erzählt Thompson die Geschichte einer Telephonistin, die für ihr abendliches Rendevouz mit ihrer liebreizenden Kollegin ihren Gangster-Freund versetzt. Doch der Humphrey Bogart-Verschnitt ahnt sowieso, dass seine Puppe "switch", also anders geschaltet ist.

Leider ging der Lichtschalter im Candy Club schon um 23.30 an, Englands Sperrstundenzeit. Dies wäre die richtige Uhrzeit für die kleine Komödie NO URGE LATELY gewesen. Hier bringt Filmemacherin Amanda Roberts eine Sexfotografin aus der Fassung. Ihre beiden lesbischen Models begeben sich nur schwerfällig in Position. Schlaff streift die Lederpeitsche über die Kollegin, dabei unterhält frau sich gelangweilt über Alltagsprobleme.

Ein weiterer wesentlich ernsterer Seitenhieb auf die lesbische Sexindustrie im Entwicklungsstadium ist WORK? von Sean Byrne. Die Geschichte, die offen läßt, ob sie erfunden oder wahr ist, handelt von einer jungen Frau, die zum erstenmal für einen lesbischen Hostessenservice arbeitet. Als sie ihrer Kundin gegenüber steht, läuft sie verwirrt davon. Die sympathischen Gefühle zur Freierin standen der Arbeit im Wege.

Neue Richtungen schlägt KORE CARA MIA ein, einer der seltenen Filme zum Thema Lesben und HIV. Regisseurin Pendra gelingt es, die Gefühle zu ihrer HIV-positiven Geliebten als eine Welt tiefster Extreme zu vermitteln, in der teils furchtbarer Schmerz, aber niemals Mitleid oder Schicksal existent ist.

Spielerisch dagegen widmet sich RANDOM NIGHTS Lebensläufen. Auf der Leinwand spielen drei Figuren, eine Frau (Samatha Hoyle, die noch (!) unentdeckte Hilary Swank) und zwei Männer, um ihr Leben. Sie sind die Player in einem Videospiel bis das "Terminated" aufblinkt. Nur einer schafft das Level One, den Discobesuch mit tödlichem Ausgang. Ein 3-Minuten-Kick, nachdem der Zuschauer noch lange Atem holen muß. Tinge Krishnans Werk war eine der vielen professionellen Produktionen des Festivals. Ein Beweis für das pulsierende NEW LESBIAN CINEMA.

Doch niemand muß nach London fahren, um gute lesbische Filme zu sehen. In Köln findet zum Beispiel vom 12. bis 17. Oktober das Internationale FilmFestival FEMINALE statt, das nicht nur das Best Of des Londoner Filmfestival, sondern auch weitere brandneue Produktionen aus der ganzen Welt präsentieren wird.
 
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