von Stephanie Kuhnen

  BLUTEN 2000  
  Bei der Geschichte der lesbischen Menstruation muß es sich einfach um ein Mißverständnis handeln. Womit haben ausgerechnet wir das verdient? Das ist unfair, unfair, unfair. Tut weh, macht Pickel und schlechte Laune. Außerdem wird sich wohl keine Lesbe ernsthaft darüber freuen, wenn ihre Unterhose zum roten Tuch wird. Kindergebären ist nicht gerade ein sehr sapphisches Hobby. Und wenn ja, dann bedeutet Mensblut, daß es wieder nicht geklappt hat mit der lesbisch-schwulen Zusammenarbeit.
Eine Zeitlang durfte es frau ja nicht so laut sagen, die weise Wunde Menstruation abgrundtief grauenhaft zu finden, ohne gleich in den schwerwiegenden Verdacht zu geraten, ein therapierungsbedürftiges Problem mit der eigenen Weiblichkeit zu haben. Jedes Frauenprojekt machte ein vielfältiges Gedöns um Mondblutfeiern, Menstruationszyklentänze und Blutrituale auf Wald und Wiese. Die Erzählungen von Menstruationshütten oder Mensdeckchen klingen mitunter so phantastisch, daß man nur hoffen kann, daß es sich um Gerüchte handelt und sich die Damen in den Programmbeschreibungen der Frauenferienhäuser irgendwie verdruckt haben. Das glaubt einem in diesem Teil der Welt doch kein Mensch. Ich zumindest gebe einem guten Fernsehprogramm und Schokoladenbergen im Gegensatz zu Trommeln und muffigen Fellen den Vorzug. Eine Laune der Natur reicht völlig!
Ebenso wenig beliebt wie eine Protesthaltung gegen die monatlich geregelten Blutergüsse waren Schmerztabletten. Kaum eine Menstruierende konnte sich der guten Ratschläge erwehren, die sich bei diesem angeblich freudigen Anlaß über sie ergossen; Frauenmanteltee, abenteuerliche Mixturen, sich rote Blumen ins Zimmer stellen oder in den Garten bluten und dort Kräuter kultivieren. Mal ehrlich. Wieviele dieser Blutberauschten haben sich vorher noch ein paar Aspirin, Ibuprofen, Optalidon oder so eingeworfen, um an den alternativen Periodenfeiern teilzunehmen? Schließlich ist es doch sehr unweiblich, kurz vor dem Erythrozytenschwoof bei Freundin Gisela anzurufen und sich zu entschuldigen: —Ich kann leider heute Abend den Zyklus nicht tanzen. Ich habe meine Tage.ž
Menstruieren ist nur dann praktisch, wenn man blaumachen oder sich vor problemorientierten Beziehungsdiskussionen drücken kann. Unpraktisch dagegen ist, daß diese Ausrede nur einmal im Monat funktioniert. Aber wie den Interimstampon gibt es dafür auch die Ausrede für zwischen den Tagen: PMS. Das Prämenstruelle Syndrom und der dazugehörige Ausredenkatalog für schlechtes Benehmen ist ja in den vergangenen zwei Jahrzehnten ausgiebigst in Frauenmagazinen wie Brigitte, Freundin und Petra beschrieben worden. Mein Lieblingswitz dazu: "Was ist der Unterschied zwischen deiner an PMS leidenden Freundin und einem Terroristen? - Mit einem Terroristen kann man wenigstens verhandeln."
Nur noch selten werden gesundheitsfanatische Schrulligkeiten wie Naturschwämmchen gepriesen. Diese Sauerei in den öffentlichen Waschbecken ist Gott sei Dank ein bißchen aus der Mode geraten. Das ist auch gut und gerecht. Vegetarisch leben, aber sich die Skelette toter Tiere zwischen die Beine stecken! Das ist schlimmer als Thunfischpizza. Nicht zuletzt die revolutionären Entwicklungen auf dem Hygienemarkt haben dem brutalen Raubbau in der Unterwasserwelt ein Ende gemacht. Allein etwas Nostalgische möchten vielleicht noch die Umwelt entlasten und ihre Balkongeranien mit gebrauchten Tampons düngen.
Hat eine mal bemerkt, wie dünn Binden geworden sind? Meine Generation mußte den Schulunterricht auf Windeln verbringen und panisch nach jeder Stunde aufs Klo rennen, um nach dem Rechten zu sehen. Überhaupt war das schlimmste die Frage, wie entsorgen? Zwei dieser Monsterbinden in einem Mülleimer, und es war höchsten noch Platz für eine nervös gerauchte Zigarette.
Heute dagegen können Frauen sogar, die nicht wissen, wohin mit dem vollgesauten Hygieneartikel, ihn einfach zwischen ein paar Buchseiten legen, den überstehenden Rand abschneiden und das Buch zurück ins Regal stellen, ohne daß die Virginia Woolf-Erstausgabe blaue Flecken bekommt. Das ist Fortschritt! Es wäre sicherlich eine hübsche Werbeidee, wenn Frauenbuchläden demnächst ihre Logos auf diese ultraslimmen Binden drucken ließen und diese als Lesezeichen den treuen Kundinnen zu den Krimis mitgeben würden.
Nach Jahrtausenden unnütz vergossenen Blutes bleibt zu hoffen, daß genügend Gelder in die Forschung gesteckt werden, damit endlich das erfunden wird, was alle Frauen brauchen - den selbstblutenden Tampon! Dann müssen wir nicht ständig nach Feierabend mit einer Horde FreundInnen, die total gut drauf sind, zu Salsa-Parties rennen, um zu beweisen, daß wir auch mit der monatlichen Heimsuchung noch alles tun und lassen können. Und als Ausrede bleibt ja immer noch die gute alte Tante Migräne, die frau auch nicht gerne zu Besuch hat, ob sie nun aus Rothenburg kommt oder nicht.
 
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