Lespress - Mai 2006  
  Berlin
Soziales Gleitmittel - Geheimnisforschung bei Frauen, Lesben und Männern
Laura Merritt, Photo: ziska unsinn
Endlich Schluss mit hängenden Mundwinkeln. Angela Merkels Imageberater sollten einen Termin bei der Linguistin und Sexologin Barbara Merziger alias Laura Méritt buchen. Die 45-jährige Berlinerin hat eine Dissertation über das Lachen der Frauen geschrieben. Titel: "Das Lachen von Frauen im Gespräch über Shopping und Sexualität". Ihre jüngste Interviewpartnerin zählte 19, ihre älteste 85 Jahre.
Barbara Merziger: "Einige der Frauen kannte ich schon früher, andere habe ich spontan beim Bäcker angesprochen, ob sie mitmachen wollten." Dass es in dem Gespräch um Sexualität gehen würde, wussten die Frauen, nicht jedoch, dass ihr Lachverhalten untersucht werden würde. Die Interviews wurden mit Tonband und Videokamera im Wohnzimmer von Barbara Merziger aufgezeichnet. Die meisten Probandinnen sprachen sehr offen über ihre Sexualität: "Häufig waren sie regelrecht dankbar, sich mit jemandem ernsthaft darüber auseinandersetzen zu können. Es gibt offensichtlich ein großes Bedürfnis unter Frauen, sich über dieses Thema auszutauschen". Die meisten Lacher erntete die Linguistin mit der Frage: "Würdest du gerne mal ein Tier beim Sex spielen und wenn ja, welches?"

Für Lespress ging's ins Detail:

Sie organisieren Fuckerware-Parties, vertreiben Sexspielzeug und jetzt haben Sie sich mit dem Lachen der Frauen mit Fragen zwischen Poppen und Shoppen befasst. Warum?

Es wird von Frauen ein freundliches, entgegenkommendes Gesicht erwartet. Ihr soziales Lachen hat nicht zu laut, nicht zu aufdringlich zu sein - es ist kooperativ. Typisch weiblich. Der Lächelboykott der Feministinnen in den 1970-Jahren trug bei zum Image der verkniffenen Emanze, der verbiesterten Lesbe. In der Arbeit fiel auf, dass alle Frauen über Sechzig, sehr bürgerlich sozialisierte, ständig lächelten.

Gilt Lachen als sexuelle Aufforderung?

In der Öffentlichkeit ist das laute Lachen oder das Lachen mit einem weit geöffneten Mund regelrecht verboten. Wenn Frauen sich so verhalten, dann wird das schnell als Einladung zum Sex aufgefasst. Meine Mutter hat mir immer gesagt: Lach nit so laut, mach's Maul zu! Den Frauen ist es endlich egal, wie und was vielleicht interpretiert werden könnte. Wir lachen!


Politik und Lachen - geht das zusammen?

In höheren Positionen lachen auch Frauen nicht. Das haben sie sich abtrainiert, um nicht an Autorität einzubüßen. Politikerinnen lachen kaum.
Dennoch ist die Art des Lachens unter Frauen eine andere: Ein integrativer Humor, wir solidarisieren uns und lachen zusammen - während die Männer einander auslachen. Sie sehen sich gegenseitig als Konkurrenten: Schadenfreude und Managerkrankheiten gehen einher! Politiker/innen haben Angst, dass ihnen die Message nicht abgekauft wird, denn Lachen wird mit Freude und Heiterkeit gekoppelt. Politik darf nicht leichtgenommen werden, Politik ist Ernst in Deutschland. In Italien sieht das ganz anders aus, die lassen es krachen im Parlament!

Wie sieht 's aus: lesbisch, erfolgreich, Politikerin?

Für Lesben ist es noch schwieriger sich zu behaupten als für Heterofrauen. Dr. Annette Schavan zeigte sich sehr frappiert auf den Vorwurf, sie könne lesbisch sein. Ein Vorwurf?! Als Frau ist es schwer genug in der Politik, und wenn man dann noch als Lesbe geoutet wird ... Sie muss sich verteidigen, mal mehr und mal weniger.
Lachen Frauen anders als Männer?

Humor ist geschlechtsspezifisch geleitet. Wenn Frauen nicht an den Stellen lachen, an denen die männliche Norm das vorgibt, ist das auffällig. Lachen sorgt für Irratationen, im Theater, im Kino - oder im Bett. Frauen lachen häufiger und benutzen das Lachen, um ein Gespräch zu strukturieren. Sie bilden Blöcke, benutzen keine Ähs wie Edmund Stoiber. Eher so: Das war ein inhaltlicher Block, haha, jetzt kommt der nächste. Haha. Früher waren die Jungs die Spaßmacher, die die Mädchen zum Lachen bringen wollten. Und die kicherten. Die Mädchen, die heute auf der Straße laut lachen und die Ellenbogen auspacken, die sind nicht mehr aus der Mittlerfraktion.

Unterscheidet sich also die Gesprächskultur von Männern und Frauen?

Lachen ist soziales Gleitmittel. Frauen benutzen das Lachen auflockernd, sie signalisieren, ich bin offen zum Gespräch. Der Informationsfluss läuft anders als zwischen Männern. Bei ihnen geht es mehr ums Präsentieren und Profilieren. Da kommen keine privaten oder emotionalen Informationen - und das sind doch die interessanten Sachen!


Was ist das Spezielle am feministischen Humor?

Feministinnen wurde das Image der vertrockneten humorlosen Prinzipienreiterin auferlegt. Doch die schlimmen Emanzen lassen sich den Humor nicht absprechen - denn Humor heißt Distanz aufbauen. Feministinnen lachen sehr viel, weil sie die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit sehen. Wer sagt, was humorvoll ist und was nicht? Das wird gemacht, das Klischee der vertrockneten Pflaume.

Was ist lesbischer Humor?

Lesben lachen mehr unter sich. Sie verweigern oft den codierten Humor. Insbesondere das glättende Mitlachen, wenn Männer einen Witz reißen. Heterofrauen machen das heute allerdings auch weniger. Mitlachen auf den eigenen Kosten, das machen Lesben sicherlich nicht!

Ein Beispiel für lesbischen Humor?

Wenn Hella von Sinnen sagt: Ich bremse auch für Männer! Schade für die Männer, die nicht über sich selbst lachen können.

Wie reagieren Heterofrauen auf lesbischen Humor?

Da hat sich was geändert, alles ist offener. In Frauenmagazinen gibt's Aufforderungen, Mach mal ein lesbisches Spielchen, das tut dir gut, erweitert den Horizont. Damit dann wieder mehr Pfeffer in der langweiligen Heterobeziehung ist. Aber vielleicht bleibt es ja bei vielen nicht beim Ausprobieren ... (Lacht herzlich)

Hast du dein Lesbischsein lachend präsentiert?

Ich hatte damals schon mehrere Coming Outs hinter mir, insofern war das für meine Umgebung nicht so neu. Wenn ich in meine Heimat fahre und treffe die Landfrauen, dann muss es der Humor sein, der miteinbezieht. Vielleicht sind Sexparties, auf denen Lesben lustig im Darkroom verschwinden, viel zu weit weg.

Lachen ist gesund?

Unterdrückte Gruppen lachen besonders, denn das Lachen hat therapeutischen Wert. Der ganze Körper gerät in Bewegung, wird durchgeschüttelt. Ich kann jede Emotion damit ausdrücken, nicht nur die Freude. Ich kann es für jedes Ziel einsetzen. Wenn ich an einer Stelle lache, die der anderen Person besonders wichtig ist - dann fühlt die sich vielleicht provoziert. Ich kann aber genausogut lachen, um mich zu solidarisieren. Ich kann lachen, um Zeit zu gewinnen. Ich kann lachen, um etwas zu verstecken. Je nach Kontext.


Warum wird in Deutschland das Jammern gepflegt? Und nicht gelacht?

Die Nazizeit hat sehr viel an Kultur zerstört. Und das Lachen und der Humor waren ein wichtiger Teil dieser Kultur. Nach Auschwitz eine Lachkultur wiederaufzubauen ist nicht einfach. Die Autoritätsgläubigkeit herrscht vor. Zwar haben die Linken das in den Siebzigern auseinander genommen - aber auch nicht gerade auf eine lustige Art. Vielleicht kann erst die nächste Generation anfangen zu lachen!



Was halten Sie von sexistischem Humor?

Sexistische Tendenzen gehen oft dahin, wo es wehtut, dahin, wo es eigentlich nicht erlaubt ist. Ich wettere auch gegen Zicken und alle möglichen Mösen, das ist befreiend. Wenn die Grundhaltung nicht negativ ist ... wir hetzen alle mal ab, das ist ein Ventil.


Lachen und Sex geht nicht zusammen - oder wird im Porno mal gelacht?

Alles, was zu ernst genommen wird, verbietet das Lachen. Je verbissener ich an eine Sache herangehe, desto weniger wird gelacht. Sobald Distanz da ist, kommt auch das Lachen wieder. Die männliche Sexualnorm nimmt sich viel zu ernst und viele Frauen gehorchen. Wenn "sie" oder "er" in dem heiligen Moment der Penetration etwa lachen würde, wäre der ganze Zauber hin, also wird sich in diesen Momenten das Lachen abgewöhnt. Aber Sex ist einfach auch nur Sex!
Silke Kettelhake

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Laura Méritt schneidet gerade an ihrem Porno mit über fünfzig Darsteller/innen.

Silke Kettelhake betreut die Filmredaktion bei fluter.de und schreibt für Zeitungen und Magazine.

Photo: ziska unsinn


 

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