Gestatten: Claudia Marschner, Bestatterin  
  Claudia Marschner, Photo: Barbara DietlBunte Designersärge, teils mit Plüsch bezogen, Urnen mit Erdbeermotiv, mit einem leuchtenden Herz oder einer Clownsmütze - mehr wie in einem Ausstellungsraum mit bildender Pop-Art-Kunst fühlen sich KundInnen des Bestattungsinstituts von Claudia Marschner. Die Wände sind bemalt mit schwebenden, androgynen Menschen in Gelb- und Orangetönen, mit sich Küssenden in Blau und Rot. An einer Wand prangen die drei Affen, sich Ohren, Augen und den Mund zuhaltend. Darunter die Worte: hören - sehen - reden.

Die 37-jährige Berlinerin hat eine eigene Bestattungskultur entwickelt, als sie sich 1992 selbstständig machte. Seitdem verfolgt sie das Wort "schrill". Zuvor arbeitete sie zwei Jahre bei einem herkömmlichen Bestatter. Dort dominierten die Trauerfarbe Schwarz und gediegene Erdmöbel, Modell Wiesbaden oder Modell Ulm, in Hellbraun, Mittelbraun und Dunkelbraun. Zu viel Tristesse für Marschner, ein Besuch in einem Bestattungsinstitut sollte nicht für zusätzliche Depressionsschübe sorgen: "Es muss ein Ort sein, an dem Menschen aufgebaut, bestärkt oder beruhigt werden." Vorbilder gab es keine, Marschner wagte den Drahtseilakt: "Ich musste die Balance zwischen Trauer und Freude finden."

"Sei immer die Schnellere, um den eigenen Tränen und den Messern der anderen zu entkommen."

Zum ersten Mal mit dem Tod konfrontiert wurde Marschner im Alter von 14. Ihre Mutter hatte sich aufgehängt, mit einer Wäscheleine an der Hochbettleiter. "Als ich nach Hause kam, trugen gerade die Männer in Schwarz den Zinksarg aus dem Haus, plötzlich war die Wohnung leer." Die Großmutter arrangierte eine Beerdigung, die Mutter wurde mit Orgelmusik und Nelken lieblos aus der Welt geschafft, als ginge es nicht um einen Menschen, sondern um "Asche in einem Kupfertopf". Danach sprach niemand mehr ein Wort über den Tod der Mutter, das Thema blieb tabu. "Ich wusste zu diesem Zeitpunkt, dass mir im Leben nichts Schlimmeres mehr passieren kann, das baut auch auf." Marschner legte sich eine Rüstung an, um die "Härteste von allen zu werden", die Strategie: Sei immer die Schnellere, um den eigenen Tränen und den Messern der anderen zu entkommen. Das Verdrängen funktionierte, spielte sich gut in die Pubertät ein: "Kinder sind nicht so selbstmitleidig, die formen was draus."

Abitur, eine Ausbildung zur Bauzeichnerin, eine weitere als Bürokauffrau in einer Kosmetikfirma, Marschner steckte überall ihre Nase rein, wollte wissen, wie man eine Firma leitet. Mit 24 bekam sie das Angebot, bei einem Bestatter zu arbeiten. Keine leichte Entscheidung, nachdem sie das Thema Tod lange ausgeblendet hatte. In ihrem Umfeld stieß sie auf Unverständnis, musste sich die nicht tot zu kriegenden Scherze à la: "Bestatter, die ziehen doch den Leichen die Goldzähne" anhören, was sie noch anspornte: "Ich wollte in diesen geheimnisvollen, tabubeladenen Bereich eindringen. Wenn ich mit meinen Ängsten fertig werden wollte, musste ich in die Höhle des Löwen."

Photo: Barbara Dietl"Wer nicht richtig Abschied nimmt, kann nicht trauern, verdrängt nur."

Ein Bestatterin ist letztlich nur eine Kauffrau, Bestattungen werden bald Routine. Nach zwei Jahren war Marschner der strengen Kleidung und uniformierten Düsternis überdrüssig und gründete ein eigenes Geschäft, M+K Bestattungen im Berliner Bezirk Kreuzberg. Der Abschied sollte im Vordergrund stehen, der dem Charakter des Toten nahe kommt, nicht die Abwicklung der Formalitäten, schon gar nicht die Entsorgung von Leichen. Wer nicht richtig Abschied nimmt, kann nicht trauern, verdrängt nur, das wusste sie durch den Tod ihrer Mutter, der nach zehn Jahren wieder hochkam. "Ich hatte damals versucht, meine traurigen Gefühle auszumerzen und stellte jetzt fest, dass ich damit auch meine fröhlichen Gefühle ausgelöscht hatte." Als 1997 die Großmutter starb, gestaltete Marschner gemeinsam mit ihrer Schwester eine Zeremonie, die auch der Mutter galt, jenen Abschied, der ihr damals vorenthalten war. "Seit jenem Tag habe ich begonnen, meine Rüstung Stück für Stück abzulegen. Ich kann jetzt die Erinnerung an Mama zulassen, auch wenn es schmerzt."

Photo: Barbara Dietl"Ich musste mit meinem eigenen bunten Konzept die Leute aufrütteln."

Claudia Marschner legt keinen Wert auf die Bezeichnung "Deutschlands schrillste Bestatterin". Ihr geht es um würdevolle Totenfeiern. Die Hinterbliebenden können die Zeremonie selbst gestalten, Särge oder Urnen bemalen, mit Stoff oder Plüsch bespannen und individuell dekorieren. Das Ambiente ihrer Räume ist hell und freundlich, das einzig Schwarze ist Hund Dicki Hoppenstedt, der häufiger schon Trauerhelfer spielte: "Er ist ein Naturtalent im Trösten." Marschner baut allein durch ihr lockeres Äußeres - Jeans, Pullover und Sneakers, Igelfrisur mit gefärbten Spitzen - Berührungsängste mit dem Thema Tod ab. Ihr Credo: "Ich musste mit meinem eigenen bunten Konzept die Leute aufrütteln. Wir predigen Individualismus und Freiheit, am Schluss sterben alle allein. Durch den Gedanken an den Tod lernt man, die Prioritäten im Leben richtig zu setzen."

Ernst und reflektiert spricht die Bestatterin über den Tod, zieht einen in Bann mit ihrem Charisma. Im nächsten Augenblick agiert sie einer Rampensau gleich, lässt ihre komische Seite aufblitzen, als sie mit strahlenden Augen erzählt, dass ihr der erste Jil-Sander-Hosenanzug erst gekauft wird, nachdem sie tot ist. Den nämlich hat sie zum letzten Hemd erkoren. Halb stört es Marschner, halb kokettiert sie damit, durch ihren Beruf ein Label zu haben, wenn manche Bekannte über sie reden: "Du musst Claudia kennen lernen, die ist Bestatterin! Und auch noch lesbisch! Und ich kenne die!"

Weil Marschner täglich mit dem Thema Tod umgeht, kann sie andere Probleme zuweilen nicht ernst nehmen: "Da muss ich dran arbeiten. Ich kann doch nicht sagen: ,Komm eine Woche in mein Bestattungsinstitut, dann weißt du, was Schmerzen sind!" Sie bezeichnet sich als Plastikkind, sozial engagiert und gleichzeitig egoistisch. Und glaubt an die "Karma-Kasse. Was du reingibst, kriegst du zurück." Gar nicht leiden kann sie Menschen, die mit dem Tod spielen, um andere zu erpressen: "Ich würde sagen: 'Spring, ich warte unten!'"

"Seit ich in diesem Beruf arbeite, geht es mir persönlich richtig gut", bilanziert Marschner. Bis ans Lebensende allerdings möchte sie nicht in dem Gewerbe bleiben: "Ich brauche mal etwas Banaleres. Ich möchte keine 80-jährige Bestatterin sein, die ihre beste Kundin sein könnte."

Sonja Beckmann


Photo: Barbara DietlNachdenklich, hintergründig und amüsant schildert Claudia Marschner die Geschichte ihres Bestattungsinstituts:
Bunte Särge. Eine Event-Bestatterin erzählt. Ullstein TB, 222 Seiten, 7,95 Euro.
Hörtipp:
In der Reihe "Starke Frauen" im Rahmen von "Neugier genügt" des WDR5-Hörfunkprogramms wird Claudia Marschner am 31. Juli 2003 (zwischen 11.30 und 11.50 Uhr) vorgestellt. Genauere Informationen: www.wdr5.de
 
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