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  Carolina Brauckmann erhält am 8. Mai den Rosa Courage Preis für ihr langjähriges lesbenpolitisches Engagement: singend, schreibend und komponierend.

So viel steht fest: Ein neues Lied wird Carolina Brauckmann für die Preisverleihung nicht komponieren. "Ich werde erst einmal die Würdigung entgegen nehmen, nicht schon wieder arbeiten," erklärt die Chansonière und lässt sich überraschen, was der 8. Mai im Festsaal des historischen Osnabrücker Rathauses sich ihr zu Ehren hat einfallen lassen. Zum zwölften Mal vergibt das Osnabrücker lesbisch-schwule Festival "Gay in May" in diesem Jahr den Rosa Courage Preis. Vor Carolina Brauckmann sind beispielsweise Claudia Roth (Grüne) und Christina Schenk (PDS) damit ausgezeichnet worden. Beide haben sich auf parteipolitischer Ebene für lesbisch-schwule Belange eingesetzt.

Carolina Brauckmann, Photo: Melanie GrandeBrauckmann spielt ihre Politik auf dem Klavier. Die Lieder schreibt ihr eigener feministisch-lesbischer Alltag, gespickt mit einer ordentlichen Portion Humor, und das schon seit über zwanzig Jahren. Dementsprechend hieß ihre erste LP " 'Satirische Lesbengesänge'. Damals, Anfang der Achtziger Jahre, gab es wenig Humor in der Szene. Ich habe überhaupt erstmal gewagt, bestimmte Themen aufzugreifen und habe die Frauen damit aus ihren Winkeln hervorgeholt. Das war bestimmt ein politischer Beitrag." Brauckmann kommentiert seitdem alle szenerelevanten Trends. Von der Doppelaxt über die Geschlechterforschung bis zu den Drag Kings alles besingt sie, mit ihrer dunklen, mitunter leicht gepressten Stimme. Angefangen hat die heute 48-jährige unmittelbar nach ihrem Coming Out mit Anfang Zwanzig, und zwar ganz klassisch, als Gitarre spielende Liedermacherin. "Ich konnte meine Erfahrungen nicht für mich behalten. Das, was mich bewegte, habe ich in Lieder gebracht." Damals im Freiburger Frauenzentrum, "ganz unspektakulär, unplugged und alles. Einfach so, Frauen, hört mir mal zu".

Das tun sie immer noch, gern und in Scharen, mittlerweile in ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz. Ihre Meldien gehen durchs Ohr direkt ins Gefühl, erinnern an die poetischen, gesellschaftskritischen Balladen von Holländer und Kreisler. Der Unterschied: Brauckmanns Texte treffen das Lesbenmark. Wer sonst könnte schon etwas mit einem Verweis auf "Stoner" etwas anfangen. Brauckmann macht mit dem altbewährten Mittel des Chansons lesbische Kultur sichtbar, das ist ihr Verdienst. Wohl tuend für alle, die in dieser Kultur leben.

Brauckmann hält auch in ihrer kürzlich erschienenen CD "weil ich die Frauen liebe" dem Alltagsdrama der nunmehr postfeministischen Lesbe einen liebevoll ironischen Spiegel vor und scheut sich nicht, unbequeme Standpunkte zu beziehen. Beispielsweise zum Sex - Ratgeber "schöner kommen" aus dem Querverlag. Brauckmanns gleichnamiges Lied nimmt den ihres Erachtens darin beschworenen Sex-Leistungsdruck aufs Korn. Sie entwirft ein Szenario, in dem Sexualität zum puren Aktionismus degeneriert: "Liebling steht auf hohen Hacken, greift mir tollkühn in den Nacken. Atemlos und etwas hektisch drängt sie mich an unsern Ecktisch", die Wohnungseinrichtung leidet, die Tassen zerbersten. Zu guter Letzt landet das Paar ganz gemütlich im gemeinsamen Bett, vor der Glotze, denn es gibt Tatort. Auch das ein Thema, seitdem Ulrike Folkerts sonntäglich auf Verbrecherjagd geht. "Ufo", Brauckmanns Betrachtung des Ulrike-Folkerts-Fanclubs ist beides: Eine Hommage an die Schauspielerin als Vorbild für viele, nicht nur junge Lesben einerseits, andereseits aber auch ein Seitenhieb auf allzu devotes Fanverhalten. Brauckmanns eigene Fangemeinde ist mit ihr zusammen älter geworden. Deshalb setzt die Musikerin sich auf ihrer neuen CD auch mit dem Tod auseinander, kramt in alten Fotos, betrauert eine verstorbene Freundin, wehrt sich trotzig gegen die Tatsache, dass "du mit deinem Aufräumtick" nun nicht mehr über Wollmäuse meckert. Alter und Tod, auch davor schreckt die Songrwriterin nicht zurück, und zwar speziell zugeschnitten auf lesbische Gemeinschaften. Sie spricht damit die Gefühle vieler an. Regungen, die ansonsten vielleicht im stillen Kämmerlein ausgelebt werden. Das offene Wort, eine starke, tröstende Melodie, das kann Kraft geben, zumindest aber den Eindruck, nicht allein auf der Welt zu sein. Eine wichtige Alternative zum heterageprägten Liedgut.

Für die auschließlich lesbische Persepektive in ihren Liedern hat Brauckmann einen Preis bezahlt: Sie ist nie auf wirklich großen Bühnen aufgetreten, obwohl sie künstlerisch das Zeug dazu hat. Sie sieht das ganz realistisch: "Meine Vermarktung hat Grenzen. Aber, ich muss bei mir bleiben, muss authentisch sein. Ich gucke jetzt zum Beispiel, dass ich vermarktet werde durch den Rosa Courage Preis, aber es ist ein Nischendasein. Ich weiß sehr wohl, dass es nicht geht, da einen Beruf draus zu machen." Schreiben, Komponieren und Singen sind gleichwohl ihre Leidenschaft, und so macht Brauckmann mittlerweile regelmäßig viele Nischen in Deutschland, Österreich und der Schweiz unsicher. "Der lesbische Chanson", so Brauckmann, "bietet noch eine ganze Menge Chancen. "Es gibt immer wieder neue, wichtige Frauenprojekte. Wenn ich jetzt an das finanzielle Streichkonzert des Hmburger Senats denke, dann fange ich wieder an, mich aufzuregen wunderbar!", denn so entstehen ihre Songs. Momentan übt Brauckmann sich im Aussitzen der abgeebten Frauenbewegung. "Ich warte auf die Retro. Ich habe Lust, da auch was anzustoßen." Weiter so, Carolina.
Katrin Jäger

Info:
Carolina Brauckmanns neue CD "Weil ich die Frauen liebe" kann per Internet über
www.tikala.de bestellt werden. Infos zu Konzertterminen gibt's unter www.carolinabrauckmann.de
 
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