portrait

 

Cássia Eller

 
   
  Mit Cássia Eller ist eine große brasilianische Musikerin gestorben. Sie war 39 Jahre alt, hatte einen 8-jährigen Sohn und lebte mit ihrer Lebensgefährtin Maria Eugenia Martins seit 14 Jahren zusammen. Eller war ein "enfant terrible" der brasilianischen Rockmusik. Sie erschien jedes Jahr im neuen Outfit, mal als Punk mit Irokesenschnitt, mal als langhaariger Vamp. Für ihre letzte CD stieg sie mit Gitarre auf einen Barhocker und sang vor der mit Rosen bebilderten Kulisse in rauchiger Stimme "Non, je ne regrette rien". Ihr Sohn Francisco, liebevoll Chicao genannt, war nun endlich mit seiner Mutter zufrieden. Sie hatte vorher, so fand er, auf der Bühne mehr geschrieen als gesungen.
Cássia Eller gehörte zur neuen Musikgeneration Brasiliens, die zunächst die "musica popular brasileira" (MPB) verschmähte. MPB war in den 60er und 70er Jahren, den Jahren der Militärdiktatur, die Musik der Intellektuellen. Heute spielt diese anspruchsvollen Songs jeder Radiosender. Übrigens sind US-amerikanische oder englischsprachige Lieder in brasilianischen Radios weit seltener zu hören als hierzulande. MPB ist vielfältig und versucht alte, halbverschollene Musikrichtungen dieses musikalisch reichen Landes neu aufzubereiten. So könnte MPB als ein Mischmasch aus Samba, Bossa Nova, afro-brasilianischen Rhythmen und vielen anderen Stilen beschrieben werden. Brasilien hat seinen MusikliebhaberInnen, und eigentlich ist das fast die gesamte Bevölkerung von 170 Millionen, musikalisch Unmengen zu bieten. Selbst der schmalzigste Chansonier des Landes (Roberto Carlos) hat in den letzten 30 Jahren viele wunderschöne Texte und Melodien gesungen. Heute übernehmen sogar MPB-Stars von ihm immer wieder Lieder.

Cássia und viele andere brasilianische "rockeiros" grenzten sich von der populären MPB-Musik ab. Sie wollten rocken und die Gesellschaft vor den Kopf stoßen. So sind viele Texte dieser Rockstars unverschämt, gesellschaftskritisch und mit vielen Slang-Wörtern versetzt.
Cássia wusste schon mit 14 Jahren, als sie eine Gitarre bekam, dass sie Musikerin werden wollte. Sie versuchte sich an Liedern einiger Berühmtheiten, später u.a. auch an Liedern des legendären an Aids verstorbenen Cazuza. Seitdem tendiert ihre Musik auch in den Blues-Bereich, und nicht wenige nannten sie hinfort die brasilianische Bluesinterpretin. Dem harten Rock-Immage entkam sie also relativ schnell. In einer US-amerikanischen Lesbenzeitung wurde sie vor ein paar Jahren gar als Melissa Etheridge Südamerikas bezeichnet. Dabei, so gab sie in dieser Zeitung kund, kannte sie die Musik Etheridges kaum.

Ellers tiefe Stimme hebt sich von den klaren, oftmals extrem hohen Stimmen brasilianischer SängerInnen wie Gal Costa, Marisa Monte, Leila Pinheiro, Edson Cordeiro ab, wobei tiefe Stimmen in Brasilien bei Sängerinnen nicht ungewöhnlich sind (Simone, Marina, Zélia Duncan, Ana Carolina, Maria Bethania).
Aber Cássias Stimme war anders, ein wenig rauchig vielleicht. Ungewöhnlich war auch, wie sie an dieser Stimme seit ihrer ersten CD herumfeilte. Sie schien nun, nach elf Jahren Karriere, ihre ideal-Musik in der zu ihr passenden Stimmlage getroffen zu haben. Sie hat dem Publikum acht CDs geliefert, die insgesamt bis zu ihrem Tod 700.000 Male verkauft wurden. Die letzte, jene mit dem Barhocker, war bis zum Tag ihres Todes, am 29. Dezember 2001, 400.000 Male über den Tresen gegangen. Am 31.12 hätte Eller in einer der größten Konzerthallen Rios eine Show gegeben. Nicht, dass sie in Rio nicht schon öfters vor ihrem Publikum gestanden hätte. Rio war ihre Geburtsstadt und ihr Wohnort und Rio war auch der Ort, an dem sie starb.
Ihr Tod bleibt in Nebel gehüllt, wie es sich für eine flippige Rocksängerin gehört, könnte frau meinen. Sie hätte am Morgen ihres Todes eine Freundin, die Percussionistin ihrer Band, mit der sie angeblich gerade eine Affäre hatte, angerufen. Sie soll aufgelöst gewesen sein, verzweifelt, depressiv. Die Percussionistin brachte sie in ein Krankenhaus, wo Eller Beruhigungsmedikamente bekam. Die Percussionistin hatte den Eindruck, Eller hätte getrunken und Kokain genommen. Beides wurde aber später bei der Autopsie nicht bestätigt. Eller versuchte seit zwei Jahren vom Alkohol und Kokain wegzukommen. Beim Alkohol war ihr das aber noch nicht gelungen. Sie hatte in der Nacht vor ihrem Tod viel getrunken und die nächste Nacht dann nicht schlafen können und in ihrer Wohnung gewütet. Sie soll ihre Möbel traktiert haben und sich dabei einige Verletzungen zugezogen haben. Inzwischen wird vermutet, dass der falsche Eindruck, sie hätte Drogen genommen, zu einer falschen Dosierung der Beruhigungsmedikamente geführt haben könnte. Es kann auch sein, dass sie ein Medikament bekam, auf das sie allergisch reagierte. Als sie abends noch einmal ins Krankenhaus kam, war es bereits zu spät. Sie erlag einem Herzinfarkt und starb im Krankenhaus.
Die Medien beschäftigten sich in den nächsten Tagen nicht nur mit der Frage der Todesursache. Sehr intensiv und positiv wurde die Frage erörtert, wer nun für den Sohn Cássia Ellers sorgen sollte. Die Co-Mutter Eugenia, die von Chicao seit Jahren "Mutter" genannt wurde? Cássia hatte in einem Interview einst gesagt, sie hätte das Kind auf die Welt gebracht, aufgezogen würde es aber nun weit mehr von der Co-Mutter Eugenia.
Das brasilianische Recht, das noch keine Homoehe etabliert hat, sieht vor, dass die nächsten Verwandten der Verstorbenen das Sorgerecht bekommen. Das wäre also Cássias Vater, oder die Mutter. Und nun passierte etwas für brasilianische Verhältnisse Spektakuläres: Einhellige Meinung der LeserInnenschaft, das belegen mehrer Zeitungs- und Internetumfragen, war, dass Eugenia das Sorgerecht bekommen sollte. Nun meldete sich aber der Vater Cássias, Altair Eller, zu Wort. Er ist 66 Jahre alt, war Militärangehöriger, und hatte in zweiter Ehe im Norden des Landes eine 30 Jahre jüngere Frau geheiratet. Eugenia würde ihn nicht zu dem Jungen lassen, behauptete er. Daher wolle er das Sorgerecht für seinen Enkel gerichtlich erstreiten. Doch er verlor. Zunächst bekam Eugenia acht Tage nach dem Tod ihrer Lebensgefährtin das vorläufige Sorgerecht und diese Entscheidung wurde Ende Januar noch einmal gerichtlich bestätigt. Erst in einigen Monaten wird endgültig über das Sorgerecht entschieden, aber alle Prognosen sagen, dass der ungewöhnliche Beschluss bestehen bleibt. Zum Wohle des Kindes. Und das scheint wirklich sinnvoll zu sein, denn der Großvater war, nach Eugenias kargen Worten in der Presse, ein stets abwesender Großvater. Warum erscheint Eugenia aber in der Presse nicht, der Großvater Eller gibt dagegen exklusive Interviews? Darin betont er, dass er Cássia in diesem Jahr auf ihre internationalen Tourneen begleitet hätte. Nun vermuten einige böse Zungen, dass Altair Eller über den Enkel an Geld und den Nachlass Cássias herankommen will. Kein Wunder, dass er die Dollarzeichen vor seinen Augen rotieren sieht: Die letzte CD Ellers hat inzwischen die 700.000er Verkaufszahl erreicht. Apropos böse Zungen: Altair ist es, der das Gerücht streut, Cássia wäre gestorben, weil sie in einer gefährlichen Dreiecksgeschichte steckte.

Es ist sinnlos über die Gründe von Cássias Tod zu spekulieren. Eins bleibt offensichtlich: Sie litt unter dem zunehmenden Stress der Berühmtheit. Sie war überarbeitet. Sie hatte im Jahr 2001 innerhalb von sieben Monaten 100 Konzerte gegeben. Sie gab zu, dass Berühmtheit und Erfolg einen hohen Preis forderte.
Die Lesben- und Schwulenszene Brasiliens trauert um Cássia Eller. Obwohl sie extrem schüchtern gewesen sein soll, war sie, gerade was ihr Lesbischsein anging, außerordentlich offen. Sie stand immer zu ihrer Homosexualität und zu ihrer Beziehung mit Eugenia. Sie erklärte öffentlich, sie sei ein "sapatao" (großer Schuh, negativer Ausdruck für Lesbe in Brasilien). Sie gab in der Lesben- und Schwulenpresse Interviews, genauso wie sie auch in den mainstream Medien kein Blatt vor den Mund nahm. Um die Öffentlichkeit zu schockieren, hob sie bei unzähligen Konzerten ihr T-Shirt und zeigte ihre Brüste. Und das ist in dem prüden Brasilien, wo weibliche nackte Oberkörper an den Stränden polizeilich verfolgt werden, ein Skandal. Und trotzdem wirkte diese Geste bei ihr natürlich.
Eine einzige gute Seite hat dieser frühe Tod der Sängerin Cássia Eller: In Brasilien kam in den letzten Monaten eine Diskussion über die Rechte von Lesben und Schwulen in Gang, die sogar zu Unterschriftslisten für das Sorgerecht für die Lebensgefährtin Cássias führte. Auch berühmte PolitikerInnen unterschrieben diese Liste. Vielleicht ist der Zeitpunkt jetzt gekommen, das in einer Schublade liegende brasilianische Partnerschaftsgesetz für Lesben und Schwule wieder hervor zu holen, das auf Druck der Kirche immer wieder in der Versenkung verschwand.

Gudrun Fischer

Internetseiten:
http://www.mpbnet.com.br/musicos/cassia.eller/index.html
http://www.musicalango.com.br/cassia_eller.htm
http://ireicham.tripod.com.br/cassiaeller/index.html
http://www.item.com.br/uol/CassiaEller2001.htm

Cássia Ellers Musikverlag: Polygram/Universal
 
     
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