Die Farbe der Lüge

 
  Chantal Akerman verfilmt "Die Gefangene" von Marcel Proust  
  "Doch überall war die Ungewißheit darüber, was sie tat, die gleiche, die Möglichkeit, daß es etwas Unrechtes sei, überall gleich groß, die Überwachung noch schwieriger"

Die Gefangene Was für ein Leben: Sich nirgendwo hin begeben zu können, ohne permanent beobachtet und verfolgt zu werden. Doch Ariane (Sylvie Testud) wehrt sich nicht gegen die permanente Kontrolle ihres Lebensgefährten Simon (Stanislas Merhar), in dessen Pariser Wohnung sie lebt. Sie behält ihre Gedanken für sich, sagt nicht immer die Wahrheit und schafft sich auf diese Weise Freiräume. Was die junge Frau denkt und fühlt, ob sie tatsächlich ˝ wie Simon befürchtet ˝ Liebesaffären mit Frauen hat, bleibt jedoch Spekulation. Im Roman wie in Chantal Akermans gleichnamigem Film. Die Regisseurin übernimmt in ihrer modernen Adaption von Marcel Prousts Roman "Die Gefangene" (Band 8 "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit") die Perspektive des Erzählers.
Zwar verlagert sie die Geschichte aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert in die Gegenwart und verzichtet auf jegliche komplexe Nebenstränge. Aber was ihre Heldin denkt und fühlt, überlässt sie der Fantasie ihrer Zuschauerinnen. Es bleibt bei subtilen Hinweisen für Arianes (im Buch heißt sie Albertine) Bisexualität.

"Ich mochte noch so sehr forschen, ich selbst gab mir die Antwort und erfuhr nichts darüber hinaus. Aus einem neuen Verdacht geboren, war auch der Anfall von Eifersucht, an dem ich krankte, neu oder vielmehr die Fortsetzungm die Ausweitung eben jenes Verdachts;... sein Gegenstand waren die Freundinnen, deren eine oder andere vermutlich an jenem Tage mit Albertine zusammengewesen war, vielleicht eine gewisse Elisabeth, oder auch die beiden jungen Mädchen, welche Albertine im Spiegel des Kasinos betrachtet hatte, als sie so tat, als sähe sie sie nicht."

Mehr erfahren wir über die Gefühlszustände und Gedanken des Mannes. Seine Leidenschaft für Ariane hat längst krankhafte Züge angenommen. Aus Liebe ist neurotische Besitzgier geworden. Obwohl Simon keinen Anlass hat, an Arianes Treue zu zweifeln, sucht er wie besessen nach Anhaltspunkten und Beweisen für heimliche Liebschaften. Dass Ariane auf seine ständigen Verhöre mit größter Gelassenheit reagiert und ihm entgegnet, was er hören will, macht den Eifersüchtigen nur noch nervöser und unruhiger. Die permanente Ungewissheit macht ihn schier verrückt.

"Jedesmal freilich, wenn ich sie gefragt hatte, ob sie auch gern bei mir sei, hatte sie mir geantwortet, sie wisse nicht, wo sie je sich glücklicher fühlen könne. Oft aber wurden diese Worte durch einen Anschein von Heimweh und nervöser Müdigkeit widerlegt. Gewiß, wenn sie jene Neigungen besaß, die ich bei ihr vermutete, mußte auch die ständige Behindrung, ihnen zu genügen, ebenso quälend für sie sein wie beruhigend für mich."

Die GefangeneNatürlich kommen da auch typische Männerängste hoch, vor allem die quälende Frage, was eine Frau in den Armen einer anderen Frau sucht, wo sie doch scheinbar in einer glücklichen heterosexuellen Beziehung lebt. Aber diesen Konflikt streift die Regisseurin nur am Rande. Es geht ihr nicht darum, Simon als Schwanz fixierten Hetero zu entlarven. Vielmehr geht es um den gegenseitig (gewollten?) Leidensdruck. Er macht Roman und Film spannend. Dabei kommt das Drehbuch mit wenigen Dialogen aus. Skeptische oder hilflose Blicke und Gesten verraten mehr als Worte. Sie ersetzen die vielen inneren Monologe des Erzählers.


"In der Form von Verdachtsmomenten nimmt man schließlich täglich enorme Mengen des Argwohns zu sich, man sei betrogen worden, von dem eine sehr schwache Dosis bereits tödlich wäre, wenn sie durch den Stich eines herzzerreißenden Wortes einem zugeführt würde. Deswegen zweifellos und aus einem Rest von Selbsterhaltungstrieb zögert der Eifersüchtige zwar nicht, sich auf Grund von unschuldigen Tatsachen grausame Argwohnsideen zu bilden, unter der Bedingung jedoch, daß er sich beim ersten Beweis, den man ihm bringt, dem Augenschein verschließt."

Was aber mag nur in dieser verschlossenen Frau vorgehen ? Ist sie wirklich ein so harmloses, zerbrechliches und schüchternes Wesen, wie sie Sylvie Testud zeichnet? Vielleicht hat sie es ja faustdick hinter den Ohren und genießt es, ihren Lebensgefährten eifersüchtig zu machen. Stille Wasser sind bekanntlich tief.
Die GefangeneAn latenter Homoerotik im Film mangelt es nicht: Ariane singt am offenen Fenster mit einer Nachbarin Liebesduette aus einer Mozartoper. Eine andere lesbische berühmten Sängerin schaut Ariane verliebt an. Nicht zu vergessen die vielen gemeinsamen Unternehmungen von Ariane und ihrer besten Freundin Andrée (Olivia Bonamy), die sich bisweilen hinter verschlossener Tür amüsieren und Kleider anprobieren.
Ein rein platonisches Vergnügen? Ein indiskreter Blick durchs Schlüsselloch verbietet sich der prüden Bourgeoisie. Eben jener Gesellschaft, in der Homosexualität tabu war. Entsprechend treten in Prousts großem, autobiografisch gefärbten Roman mit Ausnahme des exzentrischen Baron Charlus keine schwulen Männer auf. Kraft Imagination dagegen schon. So analysierte Prousts Biograph Edmund White scharfsichtig, dass sich hinter Odette, Albertine und Gilberte ˝ den drei großen Frauengestalten seines Romans - eigentlich männliche Charaktere verbergen, denen Proust nur zur Tarnung weibliche Namen lieh. So gelesen wäre Simon beunruhigt darüber, dass es seinen Freund zum anderen Geschlecht hinziehen könnte. Die zermürbende Angst des Protagonisten gelte demnach einem heterosexuellen-, nicht einem homosexuellen Begehren.
Der mysteriöse, eines Hitchcock würdige Schluss weicht vom Buch ab: Ariane treibt es mitten in der Nacht ins Meer. Das kann nicht gut gehen. Simon wartet vergeblich mit dem Essen auf sie. Wollte sie sich auf diese Weise aus "ihrem Gefängnis" befreien ?

Kirsten Liese
 
     
  Interview mit Chantal Akerman  
  Chantal Akerman, Foto: Propaganda B GbR
Bislang haben Sie Ihre Drehbücher in der Regel selbst geschrieben. Was hat Sie daran gereizt, Prousts Roman zu adaptieren ?

Akerman: An der ýGefangenenţ hat mich vor allem die Dynamik zwischen den Personen gereizt: Die Obsessionen des Mannes und die Art der Frau, damit umzugehen. Die große Herausforderung bestand vor allem darin, ein Drama in Szene zu setzen, das sich im Buch überwiegend in den Köpfen abspielt.

Wie konnten Sie als Frau damit umgehen, Ihre weibliche Heldin in keinster Weise zu erforschen? Wollten Sie nicht dahinter kommen, warum sie sich bereitwillig in ihr ýGefängnisţ fügt?

Akerman: Wenn ich das Innenleben Arianes hätte ergründen wollen, hätte das die ganze Spannung des Filmes zunichte gemacht. Wir sollen uns ja gerade in den emotionalen Strudel Simons begeben und ebenso neugierig auf jede Geste, jede Bewegung achten, die Arianes Bisexualität vielleicht verraten könnte.

Dennoch: In den meisten Ihrer bisherigen Filme haben Sie sich mit Problemen und Sichtweisen von Frauen beschäftigt. Fiel es Ihnen als Feministin nicht schwer, diesmal so ganz die Perspektive eines Mannes einzunehmen und sich von der Frau so gar kein Bild machen zu können?

Akerman: Inwieweit ich bestimmte Handlungsweisen von Frauen interpretiere hängt ganz vom Buch ab. In dem Fall ist es entscheidend, dass wir als Zuschauerinnen von Ariane sehr wenig wissen. Ich will da auch unterscheiden: Als Privatperson bin ich Feministin, als Filmregisseurin habe ich keine feministische Mission.

Inwieweit hat Sie die Theorie von Prousts Biografen Edmund White beeinflusst, dass Ariane ˇ im Buch heißt sie ja Albertine ˇ eigentlich ein homosexueller Mann ist?

Akerman: Das halte ich für abwegig. Proust hat soviel über Homosexualität geschrieben, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass er sich seines Schwulseins geschämt hätte. Aber natürlich ist die ýSuche nach der verlorenen Zeitţ keine reine Autobiografie. In einer Person hat er gleich mehrere Figuren aus seinem eigenen Leben verankert, sowohl Frauen als auch Männer.
Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass Proust gesellschaftliche Tabus respektiert haben sollte.

Sie haben sich nicht in allen Einzelheiten an die Vorlage gehalten. Einige Figuren kommen im Film nicht vor. Sie haben die Namen geändert und die Geschichte aus seinem historischen Kontext gelöst...

Akerman: Ich erhebe auch nicht den Anspruch auf eine getreue Adaption. Mein Film wurde eigentlich nur durch das Buch inspiriert. Die Handlung ist so zeitlos, dass sie im Grunde jederzeit spielen könnte, 1950, 1990 oder 2000. Ich wollte nur keinen Kostümfilm machen. So aufwendige Ausstattungen sind nicht meine Sache
Abgesehen davon, erscheint es mir nahezu unmöglich, ein Buch eins zu eins in einen Film zu übersetzen. Letztlich liefert ein Roman den Stoff für zehn Filme.

Wie sind Sie an das Drehbuch herangegangen?

Akerman: Als ich anfing, das Manuskript zu schreiben, versuchte ich die Geschichte aus der Erinnerung zu erfassen. In der Regel bleibt ja das Wichtigste im Gedächtnis haften, also gewissermaßen das Herz des Romans. Das war die Beziehung zwischen Simon und Ariane, die ganz im Zentrum steht.

Wie haben Sie Sylvie Testud entdeckt?

Akerman: Ich sah sie im Theater in Goethes Stella und war total begeistert. Schon seit 20 Jahren hatte ich keine so gute Schauspielerin mehr auf der Bühne erlebt.

Und wie gestalteten sich die Dreharbeiten mit Sylvie?

Akerman: Ich habe ihr psychologisch nicht viel erklären müssen. Wir sind den Text bei mir zu Hause durchgegangen und am Set brauchte ich mich um sie nicht viel zu kümmern. Sie hat die Rolle ganz in meinem Sinne gestaltet.

Sie haben einmal gesagt, dass in allen Ihren Filmen auch etwas Autobiografisches von Ihnen steckt. Gibt es auch Parallelen zu Ariane?

Akerman: So leben wie sie könnte ich nicht. Über meine privaten Beziehungen zu Frauen und Männern möchte ich mich nicht äußern.

Interview: Kirsten Liese
 
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