Lespress - Mai 2006  
  stadtlandfluss
Multikulti und blanke Brüste - Mardi Gras in Sydney
Mit einem lauten Röhren wurde in Sydney die weltweite CSD-Saison eröffnet. Wie jedes Jahr war es das Privileg der "Dykes on Bikes" den schrill-bunten Umzug zu eröffnen. Über dreihundert Maschinen mit fast doppelt so vielen Frauen - die meisten hatten natürlich die Liebste, die beste Freundin oder ihre Gespielin auf dem Rücksitz - donnerten Sydneys lesbisch-schwule Oxford Straße hinauf. Selbst Mardi-Gras-Veteranen wie dem Autor dieser Zeilen (acht Mardi Gras seit 1997) läuft immer noch ein Schauer über den Rücken, wenn die Dykes ihre Maschinen aufheulen lassen, die Scheinwerfer in Regenbogenfarben einschalten, Gas geben und losdonnern.

Manche der Damen saßen in gewöhnlicher Motorradkluft auf ihren Maschinen. Andere outeten sich als barbusige Leder-Dominas und bedienten die Peitsche ebenso virtuos wie die Gangschaltung. In einem rosa Cadillac folgte den "Dykes on Bikes" die Opernsängerin Deborah Cheetham, die zusammen mit ihrer Lebenspartnerin Martine Kohler und deren 14-jähriger Tochter Tamara unterwegs war. Für ihre "Verdienste um die Gay Community" war Cheetham in diesem Jahr zur "Ehren-Zug-Leiterin" ernannt worden.

Deborah Cheetham ist eine Aborigine. Aufgewachsen aber ist die Sopranistin in einer weißen Mittelstandsfamilie in Sydney. "Ich bin eine Angehörige der Gestohlenen Generationen'", sagt die im Jahr 1969 geborene Künstlerin. So werden die Zehntausende von Aborigines bezeichnet, die gleich nach ihrer Geburt ihren Familien weggenommen wurden, um in Missionsschulen oder weißen Familien zu "weißen Werten" erzogen zu werden, Das war zwischen 1900 und etwa 1970 die gängige Praxis im Rahmen der "Australien nur für Weiße"-Politik. "Meine Eltern konnten mein Lesbischsein nicht akzeptieren", sagt Cheetham und fügt hinzu: "Zum endgültigen Bruch kam es aber, als ich mich auch noch als Aborigine identifizierte."

Das "blütenweiße" Australien ist längst passe. In Sydney leben Menschen aller Hautfarben aus 180 Ländern und sprechen 140 verschiedene Sprachen. Diese multikulturelle Vielfalt spiegelte die 28. Mardi- Gras-Parade wie kaum eine ihrer Vorgängerinnen wieder. Frauen aus Deutschland, Thailand, Griechenland, Laos, Japan, China und natürlich weibliche Aborigines zogen in der Parade mit. Nicht immer war Lesbe drin wo Frau draufstand. Jane von der Aboriginal-Gruppe "Willkommen in unserem Land" zum Beispiel sagt lachend: "Ich bin heterosexuell. Aber wir Aborigines müssen zusammenstehen und zeigen, dass wir stolz auf unserer schwarze Haut sind." Natürlich war in Sydney Heimat von der Wüstenkönigin "Priscilla"- auch nicht überall Frau drin wo Frau drauf stand. Drag Queens waren in der Parade so zahlreich wie Kängurus im australischen Outback.

Die 28. Mardi Gras Parade wartete aber auch mit einem neuen Trend auf. Gemischtgeschlechtliche Marching Groups. Das sind grundsätzlich Gruppen, deren einziger Zweck es ist, mit möglichst wenig Kleidung an möglichst schönen Körpern möglichst gut auszusehen und in einer Art Cheerleader-Choreographie tanzend in der Mardi Gras Parade mitzuziehen. Das waren einstmals ausschließlich Männergruppen. Vor einigen Jahren tauchten die ersten Marching Girls auf. In diesem Jahr waren in den Männergruppen auch Frauen zu sehen. Wie zum Beispiel eine in Neuseeland geborene Chinesin bei den Asian Marching Boys (sic!). "Warum nicht", lacht die junge Frau, "es macht einfach Spaß." Sahan, ein in Sydney lebender Malaye aus Singapur und Initiator der Asian Marching Boys, sagt: "Hey, Mardi Gras ist für Schwule und Lesben und unsere Freunde. Wir feiern zusammen."

Die Parade bildete der Höhe- und Schlusspunkt des vierwöchigen Mardi-Gras-Festivals mit allerlei Kulturveranstaltungen, Parties und Sportevents. Eines der lesbischen Highlights war das Finale von "Dikes on Mikes", Lesben am Mikrofon. Ursprünglich hieß die sieben Monate dauernde Veranstaltungsserie "Lesbian Idol", aber die Produktionsfirma der Show "Australian Idol", der australischen Version von "Superstar", fand das gar nicht lustig und drängten auf eine Namensänderung. Zum großen Finale im "@Newtown" rangen sieben Finalistinnen um die Gunst der Jurorinnen, der 700 Frauen und einiger versprengter Männer. Die Veranstalterinnen waren über die Anwesenheit der Weltpresse (Lespress, natürlich) so begeistert, dass sie diesem Umstand einen ganzen Absatz in der Würdigung des Finales auf ihrer Webseite widmeten: http://dikesonmikes.com.au/final.html.

Viel gute Laune und reichlich Bier gab es bei der Party der "Dykes on Bykes" an einem sonnigen Sonntagnachmittag in einer ur-australischen Kneipe. Für Kurzweil sorgten allerlei Wettbewerbe wie "Best Naked Bike" oder "Das Beste Tatoo". Letzteres wurde in verschiedenen Kategorien ermittelt wie Rücken, Beine, Arme. Am populärsten war allerdings die "Der schönste tätowierte Busen"-Kategorie. Unter den Juroren war Jay, ein Mann aus der schwulen Lederszene. "Ich habe viele lesbische Freundinnen und als die mich gefragt haben, ob ich einer der Juroren sein möchte, habe ich spontan Ja gesagt."

Die Mardi Gras Parade stand auch ganz im Zeichen von Brokeback Mountain. In der Parade ritten Cowboys auf falschen Bullen, Cowboy/Cowgirl-Tanzgruppen tanzten "Square Dance" und Mädels von den "Dykes on Bikes" hatten ihre Böcke als Kuh verkleidet. Unter Spaß und Satire, Glitter und Glamour war es aber auch ernst. "Machen wir uns nichts vor. Nur weil unsere Präsenz im Fernsehen besser geworden ist es für den sechzehnjährigen Jungen oder sechzehnjährige Mädchen mitnichten leichter geworden, zu den Eltern zu sagen: Mama, Papa ich bin schwul oder lesbisch", betont Cheetham und fügte hinzu: "Gesellschaftliche Einstellungen ändern sich nur sehr langsam. Deshalb brauchen wir Veranstaltungen wie den Mardi Gras."

Michael Lenz, Sydney





 

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