Mit blanken Busen gegen Krieg ů Lesben im Mardi Gras  
  Von Michael Lenz, Sydney (Text + Photos)  
  Mit Glanz und Gloria zog am 1. März die 25. Mardi-Gras-Parade durch Sydney. Der Schock durch die Pleite der Mardi-Gras-Organisation im vergangenen Jahr war heilsam. Weniger glückselige Selbstbespieglung, dafür mehr politischer Witz und beißende Satire auf gesellschaftliche Umstände kennzeichneten die Geburtstagsparade der australischen Lesben- und Schwulenbewegung.

Zum 15. Mal wurde die Parade von den "Dykes on Bikes" eröffnet. Im nächtlichen Sydney donnerten die barbusige Lederlesben, butche Frauen in Holzfällerhemden und aufgedonnerte "Lipstick Girls" auf ihren Harleys und Hondas unter dem Jubel der 250 000 Besucher die Oxford Strasse hinauf. Die erstmalige Teilnahme eines kleinen Kontingents schwuler Motorradfahrer nahmen die Lesben solidarisch und selbstbewusst. "Das war lange überfällig. Aber wir kennen unseren Platz. Wir sind die ersten und wir sind glücklich, die Zuschauer anheizen zu dürfen", sagte "Dykes on BikesÓ-Präsidentin Janet Parkins. Don Quirk, Vorsitzender der schwulen "Roadrunner" betonte respektvoll, sie hätten lange gezögert, an der Parade teilzunehmen. "Wir wollten der Tradition der "Dykes on Bikes' nie Konkurrenz machen." Jedoch sei der Neubeginn des Mardi Gras Anlass gewesen, doch in der Parade mitzufahren.

Lesben mit Kind, Kegel und Gummipuppe waren in der Parade sichtbar wie selten zuvor. Der "Neue Mardi Gras" war dominiert von schwul-lesbischen Organisationen und nicht mehr diktiert von Sponsoreninteressen und dem Drang nach selbstgefälligem Glitter und Glamour des "Alten Mardi Gras". Kaum eine der 140 Gruppen in der Parade war einem Geschlecht alleine vorbehalten. Selbst bei "Leather Pride" marschierten ledrige und gummige lesbische und bisexuelle Frauen mit und ein in Zellophan verpackter schwuler Mann auf dem Wagen der Fetischliebhaber ließ sich zur schaurigen Freude der Zuschauer von einer Frau auspeitschen.

Fast am Ende der Parade sorgten die "Dykes on Pushbikes" in Kittelkleidern mit ihren Fahrrädern für einen Kontrapunkt zu ihren röhrenden Geschlechtsgenossinnen an der Spitze des Zuges. Auch die unvermeidlichen, aufgedonnerten Drag Queens mit falschen Atombusen bekamen Konkurrenz: nicht wenige Lesben zogen blank und tanzten fröhlich "Oben ohne" durch die kühle Nacht.

Völlig unanhängig von Geschlecht und sexueller Orientierung war die klare Botschaft des 25. Mardi Gras gegen einen Krieg gegen den Irak. Einen Riesenapplaus erhielt die Truppe "Madam Saddam und ihre Waffen der Massenverführungen". Einem Saddam-Hussein-Darsteller im Elvis-Kostüm folgten Scheichs und ein Pappmaché-Panzer mit einer überaus fröhlichen Drag Queen als Kommandantin. Aber auch sehr viele Einzelpersonen in der Parade hatten ihre Kostüme mit Anti-Kriegs-Statements versehen. Und wenn das "Kostüm" nur aus einem knappen Höschen bestand, war das "No War" mit Schminke und Lippenstift halt auf den nackten Körper gemalt.

Die kontroverseste Gruppe waren die "Raelian"-Sekte, die unter dem Motto "Haltet die Gene in der Familie" für menschliches Klonen warben. Völlig unpolitisch aber überaus witzig waren die Frauengruppe "Die falsche Nase der Nicole Kidman". Die für ihre Rolle als Virginia Woolf in "The Hours" für einen Oskar nominierte und von "Ich-bin-nicht-schwul" Tom Cruise schnöde verlassene australische Schauspielerin ist die Säulenheilige der Presse in Sydney. So war es kein Wunder, dass die Zeitungen am nächsten Tag ihre Mardi-Gras-Berichterstattung mit Fotos der Pappnasen aufmachten. Sicher zum Ärger mancher Drag Queens in schrillen Fummeln, die sich in der Hoffnung auf flüchtigen Ruhm schamlos vor jede Kamera warfen.

 
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