Frida bebt, tanzt, lebt - und malt  
 

Das Leben der mexikanischen Malerin Frida Kahlo kommt in die Kinos. Ästhetisch ist der Film ein Kunstwerk, inhaltlich lässt er einiges zu wünschen übrig.

Für diese Szene lohnt sich der Kinobesuch. Nämlich die, als die Malerin Frida Kahlo (Salma Hayek) mit Tina Modotti (Ashley Judd) die erotischste aller mexikanischen Rumbas hinlegt. Das alles wegen einer Wette. Tina will Fridas hitzköpfigen Gatten Diego Rivera (Alfred Molina) vor einer Schlägerei bewahren, indem sie ihn und den zweiten Streithahn auffordert, so viel Tequila wie möglich in einem Zug zu trinken. Der Gewinner dürfe mit ihr tanzen. Riviera setzt die Flasche an, sein Gegenüber macht einen Witz, er lacht und prustet. Der Wettgegner schafft nur ein winziges Schlückchen. Plötzlich greift aus dem Hinterhalt Frida nach dem hochprozentigen Zeug, trinkt, trinkt, und trinkt. Dann raunt sie "komm!", greift sich Tina, verschmilzt mit ihrer Freundin und bricht dabei der Zuschauerin das Herz vor lauter Kühnheit, Zärtlichkeit und Eleganz.

Mehr allerdings soll das Publikum von der Beziehung zwischen der mexikanischen Malerin und der Fotografin nicht erfahren. Nichts von dem leidenschaftlichen Band zwischen den beiden Künstlerinnen. Im wirklichen Leben hat Frida Kahlo Tina Modotti bewundert, wegen ihr ist sie der kommunistischen Partei Mexikos beigetreten. Das alles zeigt Regisseurin Julie Taymor in ihrer Künstlerinnenbiografie nicht. Der Tanz, die Erotik zwischen Frida und Tina könnte in ihrem Spielfilm "Frida" auch als Rache zu verstehen sein. Rache dafür, dass Gatte Rivera wieder mal nicht an sich halten konnte und mit Modotti im Bett war.

Taymor spannt ihre Geschichte von Frida Kahlo an den Eckpunkten Krankheit, Malerei und Ehe auf. Im Mittelpunkt die Liebesgeschichte zu Diego Rivera. Leidenschaftlich, wie sie wirklich war, und ebenso zerstörerisch. Denn Riviera hüpft mit diversen Frauen durch die Betten, während Frida leidet. Und Konsequenzen zieht. Sie lässt sich von Rivera scheiden und schneidet ihre Haare. In dieser Zeit entsteht das berühmte "Selbstbildnis mit abgeschnittenem Haar". Einerseits zeigt sie dem Ex so, dass sie mit ihm fertig ist. Denn er liebt gerade ihr langes Haar über alles. Andererseits bezeichnet Frida den Tod als "Pelona", als Kahlköpfige. Dieser Tod, der sie Zeit ihres Lebens begleitet, seit dem schrecklichen Unfall als junge Frau mit der Straßenbahn, als sie sich mehrfach Beine und Wirbelsäule bricht. Drei Monate liegt sie im Bett, eingehüllt in einen Ganzkörpergips. Dort beginnt sie zu malen. Lässt sich über ihrem Bett einen Spiegel anbringen, um das Bild beser sehen zu können. Bemalt auch ihren Gips, mit Hammer und Sichel. Schon in jungen Jahren ist sie eine glühende Verehrerin der kommunistischen Revolution in Mexiko.

Rivera auch, und so kommen die Schülerin und der wesentlich ältere angesehene Revolutionsmaler zusammen. Sie, die Feministin, er der Weiberheld. Regisseurin Taymor konzentriert sich von nun an mehr auf den Ehemann als auf die Titelheldin selbst: Seine Arbeit, seine Frauen, seine Karriere. Frida zieht eben mit. Wütend wegen der vielen Seitensprünge, liebend, weil sie nicht anders kann, bleibt sie in seinem Schatten. Ihre Gemälde entstehen im Verborgenen, vornehmlich Selbstporträts mit und ohne Affe. Im Mittelpunkt ihrer Auseinandersetzung mit dem Tod, die lebenslangen Schmerzen von zig Operationen, das pralle Leben in leuchtenden Farben. Was der Film auslässt: In Wirklichkeit war Frida Kahlo schon früh eine in der Öffentlichkeit angesehene Künstlerin und hat 1938 mit ihrer ersten Einzelausstellung in New York großen Erfolg gefeiert. Ein Jahr später, im Alter von 32 Jahren verkauft sie dem Louvre in Paris als erste Mexikanische KünstlerIn überhaupt ein Bild: "der Rahmen". Ihre Ausstellung in Paris gerät zwar zum Flop, weil die Pariser Gesellschaft sich kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges nicht besonders für mexikanische Bilder interessiert. Die Pariser Surrealisten hingegen empfangen Frida Kahlo begeistert. Von da an stellt Kahlo immer wieder aus und erhält diverse Preise. Was der Film von alledem zeigt: Fridas Aufenthalt in Paris, interpretiert als Emanzipation vom Gatten. Was der Film an dieser Stelle gestattet: Einen One-Night-Stand mit einer Sängerin in ihrem Pariser Hotel.

Davon abgesehen, dass ihre lesbische Seite und Frida Kahlos Karriere zu kurz kommen, gibt der Film allerdings eine grandios ästhetische Einführung in ihr Werk. Nicht in seine Vermarktung, die fällt flach, aber in die Umstände der Entstehung einzelner Bildnisse. Nehmen wir das Selbstporträt "die zwei Fridas". Da sitzt die Malerin vor ihrer Staffelei und hat gerade den letzten Pinselstrich getan. Die Kamera zoomt ganz nah heran, so dass das Porträt die Filmleinwand ausfüllt. Und dann fängt sich die eine gemalte Frida an zu bewegen, steht auf, schält sich als echter Mensch aus dem Bild heraus und geht hinüber in die nächste Filmszene. Das ist schön. Sehr schön. Einer der ästhetischsten Momente des Films. Selbst die schwierige Ästhetisierung des Straßenbahnunfalls gelingt. Scherben fliegen durch die Luft, ebenso Goldstücke, die ein Passant eben ausgepackt hat, die Menschen kugeln durcheinander. Alles in Zeitlupe. Im Krankenhaus nimmt Frida, und aus ihrer Perspektive auch das Publikum, die Ärzte und Schwestern surreal als Comic-Skelette wahr, mit riesigen Spritzen. Blut fließt. Das Krankenhauspersonal spricht wie durch einen halb durchsichtigen, blechernen Vorhang. In anderen Szenen bestechen die Farben, zum Beispiel ganz am Anfang, als die Kamera durch den Innenhof des elterlichen Hauses in Mexico City fährt. Bunt, lebendig, prall. Blumen, Tiere. So wie Kahlo später immer wieder gemalt hat: intensiv.

Regisseurin Taymor versteht es, den surrealistischen Stil Kahlos als ästhetisches Mittel in die Filmbilder einfließen zu lassen. Rivieras Ruf nach New York, um das Rockefeller Center zu bemalen beispielsweise, indem Kahlo und Rivera durch eine Wolkenkratzerlandschaft aus grauem Pappmachee spazieren. Wie eine lebendige Collage. Die Kunst im Film und der Film als Kunst. Die Bilder sind phantastisch, lohnen sich und beeindrucken. Sie bewegen sich jenseits jeden Hollywood-Klischees. Auch wenn die Handlung geradezu zur Tranendrüsen-Interpretation einlädt, rutscht die Inszenierung nicht ins Klischee, als die schwer kranke Kahlo kurz vor ihrem Tod in ihrem Himmelbett zur Vernissage ihrer Einzelausstellung in Mexiko City erscheint. Das liegt zum großen Teil an der Kameraführung, die keine Sehgewohnheiten bedient. Aber auch Frida-Mimin Salma Hayek versteht es, trotz aller Dramatik, nicht in Gefühlsduselei abzugleiten. Sie bietet dem Publikum nicht die Chance, zum Taschentuch zu greifen.

Mit der spektakulären Transportszene beginnt der Film. Die Kamera blickt von oben auf die liegende Frida herab. Nimmt ihr Gesicht ganz nah, ein schmerzverzerrtes Gesicht, von dem Gerüttel auf dem Wagen. Mit dem Himmelbett mitten in der Ausstellung endet der Film. In Echtzeit eine halbe Stunde später, in Filmzeit liegt ein genzes Künstlerinnenleben dazwischen. Frida greift glücklich zum Tequilaglas. Gleichzeitig verspricht sie ihrem Arzt, von nun an nicht mehr zu trinken. "Das ist ein Wort", schmunzelt er. Wissend, dass die Malerin sowieso nur noch eine kurze Zeit zu leben hat. Ein still schweigendes Einverständnis zwischen den beiden. Im Jahr nach der Ausstellung, 1954, stirbt Frida Kahlo 47-jährig im Schlaf. Das deutet Regisseurin Taymor nur an, mit einer filmischen Collage auf der Grundlage des kahloschen Selbstbildnisses "Der Traum oder Das Bett": Frida schläft in ihrem Himmelbett, der Tod als Skelett ruht über ihr auf dem Baldachin. Das Bett schwebt, aber es trägt mit sich dornige Pflanzen, die die schlafende Frida halb würgend, halb zärtlich umschlingen. So weit zur Künstlerin Frida Kahlo.

Was die politische Aktivistin Frida Kahlo betrifft, so sei an dieser Stelle erwähnt, dass sie sich weit mehr für die kommunistische Revoloution in Mexiko engagiert hat als der Film ihr zugesteht. Breit tritt der die kurze Affäre mit Leo Trotzki, der mit seiner Frau Natalia bei dem Ehepaar Kahlo-Rivera Asyl genießt, als Stalin ihn verfolgt. Dabei ist Kahlo mehr als nur die Liebhaberin eines alternden kommunistischen Intellektuellen gewesen. Überzeugt von den marxschen Schriften trat sie öffentlich für die Rechte der Armen und für trotzkistische Ideale ein. Noch kurz von ihrem Tod, gerade von einer Lungentzüngune genesen und ein halbes Jahr nach der Amputation eines Beines, nahm sie an einer Demonstration gegen den Sturz der guatemaltekanischen Regierung teil. Unerwähnt lässt die Filmbiografie auch, dass Kahlo ab 1943 als Dozentin an der Maler- und Bildhauerakadmie in Mexico City arbeitete. Kahlo entwickelt dort ihren eigenen Lehrstil. Ihr kommt es darauf an, den Studierenden ihre Liebe zur Alltagswirklichkeit zu vermitteln: Ihre Neugier auf das Alltägliche, die Kunst, sich beeindrucken zu lassen. Diese sinnliche Identifikation mit der mexikanischen Kultur, den Sitten und Bräuchen, den Lebensumständen war für Kahlo die Voraussetzung für den Griff zum Pinsel. Sie verband ihr politisches Engagement mit ihrer Lehrtätigkeit unter anderem dadurch, dass sie auf Ausflügen mit den Studierenden mexikanische Revolutionslieder sang. Mit einer kleinen Gruppe Studierender, den "Los Fridos" pflegte sie über den Unterricht hinaus Kontakt. Sie aßen zusammen, sie diskutierten miteinander und gingen gemeinsam ins Kino.

Für die Filmbiografie "Frida" ins Kino zu gehen lohnt sich vor allem wegen der ästhetischen Elemente, der Farben, der Collagen, der Kamerablicke. Salma Hayek glänzt in ihrer Rolle. Zu Hause bleiben sollte, wer mehr von Frida Kahlo erfahren möchte, als dass sie schön, unerschütterlich und in erster Linie die Frau von Diego Rivera war.
Katrin Jäger


"Frida" startet am 6. März in den bundesdeutschen Kinos.
Photos: Peter Sorel, Miramax

 
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