Bienenkorbfrisur, dunkel geschminkte Augen und eine begnadete Stimme
- die "White Lady of Soul"

 
  Dusty Springfield  
  Vielen gilt die britische Sängerin Dusty Springfield noch heute als die einzige weiße "Queen of Soul", deren Stimme diese Auszeichnung verdient. Schon zu Anfang ihrer großen Karriere landete sie mit "You don't have to say you love me und "Son of a Preacherman" zwei Welthits. Aber nur wenigen ist bekannt, dass Dusty sich nicht nur zu Männern hingezogen fühlte...

Als Mary Isobel Catherine Bernadette O'Brian kam Dusty Springfield wenige Monate vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in London zur Welt. Wie viele andere Kriegskinder hatte sie die Folgen von Entbehrung und Bombengefahr zu ertragen, doch am meisten litt die kleine Mary unter dem mangelnden Interesse ihrer Eltern. Manchmal legte sie, wie Dusty später erzählte, ihre Hände auf einen glühend-heißen Boiler, damit ihre Mutter ihr wenigstens einen Moment lang Aufmerksamkeit schenkte. Erst mit zwölf - Mary besuchte eine konfessionelle Schule - fand sie ein Mittel, das ihr die gewünschte Aufmerksamkeit und Zuneigung garantierte: ihre herausragende Gesangsstimme. Im Schulchor fiel deren dunkles Timbre auf, das Mary zu Platten von Ella Fitzgerald und Peggy Lee trainiert hatte. Und schon bald wurde klar, das Mary wie kaum eine andere weiße Sängerin Tonlage und Wesensart der schwarzen Musik zum Ausdruck bringen konnte.
Mitte der 50er Jahre begannen erste professionelle Auftritte.

Durch eine Zeitungsannonce war sie zum Teil eines rein weiblichen Gesangstrios geworden. "The Lana Sisters", so der Bandname, waren sogar zu Gast in einigen Fernsehshows, traten jedoch vor allem auf britischen- und US-amerikanischen Luftwaffenstützpunkten in Europa auf. Eine Band mit mehr Perspektive musste gefunden bzw. gegründet werden: Aus Mary wurde "Dusty", aus Marys Bruder Dion "Tom", und ein neu gewählter Familienname wurde zum Namen der Band: "The Springfields". Die Gruppe fand im Bereich der kommerziellen Folk-Musik eine Marktlücke und war nicht nur in Großbritannien erfolgreich. Als erste britische Band schafften die Springfields es in die US-amerikanischen Charts. Nach nur drei Jahren hatte Dusty es jedoch über, seichte Unterhaltungsmusik "für Leute, die Spaß haben und hopsen wollen" zu produzieren. Die Springfields waren für sie "pseudo-everything" - Dusty wollte zurück zu ihren "schwarzen" Wurzeln im Jazz und Soul. Für ihre erste Solo-Single "I only want to be with you erhielt sie auf Anhieb eine Goldene Schallplatte und trat damit in der aller ersten Folge der britischen Erfolgs-Musiksendung "Top of the Pops" auf. Mit noch etwa einem Dutzend weiterer Stücke gelang ihr der Einzug in die Charts; ihr britischer Nummer-Eins-Hit war 1966 die Ballade "You don't have to say you love me".


Anfang der 70 Jahre wurde es auf einmal still um die Frau, deren Look mit bienenkorbgroßen Frisurentürmen und tiefschwarzem Augen-Make-Up von einer ganzen Generation von Teenies und Frauen kopiert wurde. Dusty - künstlerisch ausgebrannt und desillusioniert - wechselte erst einmal die Tapeten: Sie übersiedelte in die USA, engagierte sich stark im Tierschutz und verbrachte viel Zeit mit guten Freundinnen wie der Tennisspielerin Billie Jean King. 1975 platzte überraschend und sehr öffentlichkeitswirksam eine Nachrichten-Bombe: In einem Interview mit dem Londoner "Evening Standard" gab Dusty zu, sich sowohl von Männern als auch von Frauen angezogen zu fühlen! Die noch Jahre andauernde öffentliche Diskussion über ihr Liebesleben hatte sie so jedoch nicht erwartet und hielt sich fortan eher bedeckt, wenn es um Privates ging. In einem Interview mit dem britischen Schwulenmagazin "Gay News" im Jahr 1978 stellte sie lakonisch fest, die Leute würden ohnehin immer denken, was sie wollten, unabhängig von Bekenntnissen oder Dementis. "Wenn Sie wollen, können sie meinetwegen auch drucken, ich hätte eine Dreiecksgeschichte mit Prinzessin Anne und einem ihrer Pferde." Erst nach ihrem Tod sollten Biographen feststellen, dass Dusty tatsächlich alle ihre Langzeit- und den Großteil ihrer Kurzzeitbeziehungen mit Frauen geführt hatte.


Auch beruflich standen der charismatische Sängerin weiter schwierige Zeiten bevor: Nach einigen weniger bedeutenden Platten in den frühen 70ern verkaufte sich die 1978 produzierte LP mit den programmatischen Titel "It begins again" erstaunlich gut, jedoch nicht gut genug für die Plattenfirma. Nachdem das Folgealbum floppte, verschwand Dusty aus dem Licht der Öffentlichkeit und suchte Trost bei Alkohol und Drogen. Selbstzweifel und Versagensängste quälten sie und ihr geringes Selbstwertgefühl verlangte nach Liebe und Bestätigung, die ihr aber nun beruflich versagt blieben. Nach einem Suizidversuch kam die Sängerin zum ersten Mal in Kontakt mit der Psychatrie. Die Diagnose "manisch-depressiv" führte sie danach so oft in Spezialkrankenhäuser, dass sie später einmal scherzhaft bemerkte, sie kenne jeden einzelnen Angestellten des "Cedar Sinai Hospital" in Los Angeles beim Vornamen.


Erst 1987 ging es wieder aufwärts: Sie lernte die "Pet Shop Boys" kennen, und ausgerechnet diese beiden schwulen Popmusiker holten Dusty Springfield zurück ins Musikbusiness: Sie lieh den beiden für die Hitsingle "What have I done to deserve this" ihre Stimme; die Boys bedankten sich mit zwei eigens für sie geschriebenen Titeln: "Nothing has been proved" und vor allem "In Private" verschafften Dusty endlich eine ganz neue, jugendliche Käuferschicht. Unglücklicherweise folgte nichts nach, und die in den 60ern dreimal hintereinander zur besten Sängerin Gewählte verschwand erneut aus dem Bewußtsein der Öffentlichkeit ... nur um einige Jahre später genau dorthin zurückzufinden, ohne überhaupt eine neue Platte eingespielt zu haben: Quentin Tarantino hatte den 1968er Hit "Son of a Preacherman" in seinen Gangster-Streifen "Pulp Fiction" eingebaut, woraufhin auch ihre alten Alben zu neuer Beliebtheit gelangten.
Im selben Jahr wurde bei Dusty Springfield Brustkrebs diagnostiziert. Sie wurde operiert und chemo-therapiert und erholte sich für fünf Jahre, ehe der Krebs zuletzt doch zurückkehrte, um sie zu besiegen. Kurz vor ihrem Tod im Alter von 59 Jahren am 2. März 1999 brachte ihre Managerin und Freundin Vicki ("I'm gay, by the way") Wickham ein besonderes Präsent mit ins Krankenhaus: den "Order of the British Empire", an Dusty Springfield verliehen durch die Queen höchstpersönlich.

Sabine König/Anne-K. Jung

Literatur:
Penny Valentine/Vicki Wickham: Dancing with Demons. The Authorized Biography of Dusty Springfield, 306 S., Preise von 15,25 bis 35 EUR


Internet:
www.dustyspringfield.co.uk

Film:
Internet-Gerüchten zufolge planen Madonna und Regisseur-Ehemann Guy Ritchie eine Verfilmung von Dusty Springfields Leben.

Discography:

1964: A Girl called Dusty
1965: Everything's Coming Up Dusty
1967: Where am I going?
1968: Dusty Definitily
1969: Dusty in Memphis
1970: From Dusty With Love (A Brand You me)
1972: See all her Faces
1973: Cameo
1974: Dusty sings Burt Bacharach and Carole King
1978: It begins again
1979: Living without your love
1982: White Heat
1990: Reputation
1995: A very fine Love
1997: Reputation and Rarities
1998: Songbooks
 
  zurueck zum Inhalt  

www.lespress.de
© 2003: lespress-Verlag, Dyroffstr. 12, 53113 Bonn