| |
Meine Ängste waren das größte Hindernis.
Noch bis
vor wenigen Jahren wurden Homosexuelle nicht einmal zur psychoanalytischen Ausbildung
zugelassen und in manchen Ausbildungseinrichtungen ist es bis heute umstritten, Lesben
und Schwule zu PsychoanalytikerInnen auszubilden. Darüber hinaus gibt es auch
heute noch anerkannte Psychoanalytiker, die immer noch Lesben und Schwule diskriminieren,
so z. B. Rudolf Klussmann (München) in seinem neuaufgelegten Standardwerk "Psychotherapie"
(Springer-Verlag 2000), in dem Homosexualität im Kapitel "sonstige Persönlichkeitsstörungen"
als "Perversion" bezeichnet wird. Dass die Münchner Arbeitsgemeinschaft
für Psychoanalyse (MAP) e.V. mit Manuela Torelli eine offen lebende Lesbe in
den Vorstand wählt, spricht für die Fortschrittlichkeit des Instituts und
stellt eine Rehabilitierung für jahrelange Diskriminierung und Pathologisierung
dar.
Manuela Torelli (39), Dipl.-Psych., Psychoanalytikerin, neues Geschäftsführendes
Vorstandsmitglied der Münchner Arbeitsgemeinschaft für Psychoanalyse e.V.
(MAP) im Gespräch mit Dipl.-Psych. Walter Berger
WB Es ist
ja schon sensationell, dass eine offen lesbische Frau in den Vorstand eines alteingesessenen
Münchner psychoanalytischen Institutes gewählt worden ist.
MT Danke für das Kompliment. Aber so sensationell ist das meiner Meinung nach
gar nicht. Ich würde einmal annehmen, dass die Wahl auf mich gefallen ist, weil
mein Organisationstalent und meine Fähigkeit, ein analytisches Institut mitzuführen,
anerkannt worden ist. Ich denke, dass mein Lesbischsein keinerlei Hinderungsgrund
war, also bei der Entscheidung keine Rolle gespielt hat.
WB Aber es ist doch noch gar nicht so lange her, dass Lesben und Schwule überhaupt
zur Ausbildung zugelassen wurden?!
MT Die MAP ist ein Institut, das noch nie explizit Homosexuelle ausgeschlossen hat.
Sie hat sich als progressives, modernes Institut konstituiert. Besonderes Anliegen
war den Gründungsmitgliedern 1973, alle klassische 68er mit dem entsprechenden
Elan, auch PatientInnen in psychoanalytische Behandlung zu nehmen, die früher
ausgeschlossen waren: Frühgestörte PatientInnen, Suizidale, Unterschichtsklientel,
usw.. Dann waren diese Leute der Gruppenpsychoanalyse verbunden, die ein Stiefkind
der Psychoanalyse war. Sie wollten ein demokratisches, gesellschaftspolitisch offenes
und fachlich lebendiges Institut kreieren. Meiner Einschätzung nach ist dies
auch gelungen. Meine Entscheidung, zur MAP zu gehen und dort meine Ausbildung zu
beginnen, ist aus dieser Geschichte begründet und war wohlüberlegt. Mir
war klar, dass ich wenn, dann hier eine fachliche und wissenschaftliche Heimat finden
kann. Und ich wollte in diesem Verein auch mitmachen und mitgestalten, was mir ja
jetzt gelungen ist. Darüber bin ich sehr froh.
WB Wie war denn während deiner Ausbildung diese Fortschrittlichkeit und Offenheit
konkret spürbar?
MT Es gab ja ein Seminar: "Sucht, Delinquenz, Perversion". Da habe ich
vom aktuellen CSD die von mir geschossenen Fotos hin mitgebracht und ausgebreitet.
Das kannst du dir ja vorstellen: Nahaufnahmen von Transen, Drag Queens, Lederkerlen
und sich küssenden Lesben, gepierct hier und da... Und natürlich viel nackte
Haut. Ich stellte dann die rhetorische Frage an meine SeminarkollegInnen und den
Dozenten: "Ist denn das pervers?!" Ja, und dann entstand eigentlich eine
ganz gute Diskussion, dass das natürlich erstmal nicht pervers ist und meine
Provokation verlief ziemlich schnell im Sande. Vielmehr diskutierten wir die neuesten
Theorien zur Perversion: dass eine isolierte sexuelle Handlung, oder ein isoliertes
bizarres sexuelles oder erotisches Outfit nicht als pervers zu verstehen ist. Der
Beziehungsmodus allein kann als pervers definiert werden, wenn ein großes Maß
an Entmenschlichung, Verobjektivierung und eine Entmischung von Sexualität und
Aggression stattfindet. Damit war mir der Wind aus den Segeln genommen und ich habe
noch etwas gelernt.
WB Ging die Fortschrittlichkeit denn auch so weit, dass spezifische Belange von
Lesben und Schwulen in der Psychoanalyse Thema der Ausbildung waren?
MT Auf der offiziellen Literaturliste steht Morgenthalers: "Homosexualität,
Heterosexualität, Perversion", was ja der einzige Versuch eines Analytikers
ist, eine geschlossene Theorie zur "gesunden" Entwicklung von Homosexualität
zu kreieren. Die sollten wir lesen und haben wir auch diskutiert. Diese Theorie ist
leider ziemlich kompliziert und hilft ó bis auf einige Aspekte ó nicht viel in der
alltäglichen Behandlung. Ich war halt immer diejenige, die auf diese Aspekte
hingewiesen hat oder ó wenn denn vor Unkenntnis und Naivität strotzende Aussagen
gemacht wurden ó auch da ihren Senf dazu gegeben hat. Das war oft schon sehr anstrengend.
Man kann sich das etwa so vorstellen, dass man in einer recht aufgeklärten,
um viel Toleranz und Offenheit bemühten intellektuellen Gruppierung ist. Aber
die haben ja auch ihre Grenzen; können sie ja auch. Es war in gewisser Weise
eine Ernüchterung, manchmal eine Enttäuschung zu erleben, dass die Spezialisten
für Sexualität und Psyche selber Berührungsängste haben, Angst
haben, etwas falsch zu machen, nicht einfach neugierig fragen oder ganz normal mit
einem umgehen. Aber als Kandidatin idealisiert man halt die Psychoanalyse und das
Institut, und derweil sind halt alle Menschen, mit ihren Fehlern und Stärken.
WB Hast du Pläne, in deiner neuen Position als Vorstandsmitglied etwas zu
ändern?
MT Ja. Erstmal habe ich alle lesbisch-schwulen psychosozialen Adressen in den Werbe-
und Versandverteiler aufnehmen lassen. Die kriegen alle Post und werden zur nächsten
Informationsveranstaltung für die neue Ausbildung eingeladen. Dann gehe ich
in den Vorstandssitzungen mit dem Thema so offen um, wie es geht. Ich werde mich
nun einarbeiten und sobald ich Einfluss auf das Seminarprogramm haben kann, werde
ich anregen, dass lesbisch-schwule Themen in die Ausbildung aufgenommen werden. Ich
habe auf einer MAP-internen Tagung im letzten Jahr auch schon einen Workshop zur
speziellen Behandlungstechnik von Lesben und Schwulen gehalten. Da war überhaupt
kein Widerstand, sondern freudige Aufnahme. Ich bin mit einem schwulen Kollegen auch
schon mal aufgefordert worden, dazu doch endlich mal etwas anzubieten. Also bei uns
rennt man da offene Türen ein. Ich war eher durch meine eigenen Ängste
behindert, muss ich jetzt im Nachhinein sagen.
WB Was ist dein Aufgabengebiet im neu gewählten Vorstand?
MT Ich bin Geschäftsführendes Vorstandsmitglied, d.h. ich leite die Geschäftsstelle
mit 2 Mitarbeiterinnen und einem Zivi. Der gesamte organisatorische Ablauf des Instituts
geht über meinen Schreibtisch, von Werbung über Versicherungen, über
wer hat welchen Schlüssel, bis hin zu Tagungsorganisation und Mitgestaltung
des inhaltlichen Programms. Wir sind acht gleichberechtige Vorstandsmitglieder, das
läuft alles sehr demokratisch.
WB Herzlichen Glückwunsch noch mal und vielen Dank für das Gespräch.
Mit freundlicher Genehmigung des VLSP (Verband lesbischer Psychologinnen und schwuler
Psychologen in Deutschland) e.V. Kontakt: VLSP. Postfach 140667, 80456 München.
Tel.: 0700/VLSPVLSP, e-mail: vlsp@gay-web.de
|
|