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Kinostart
Vier Minuten

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Vier Minuten gibt Chris Kraus seinen Darstellerinnen in seinem zweiten Spielfilm. Dann ist alles entschieden.

Am Ende verlässt man das Kino tief betroffen, kann sich nicht lösen von der letzten Sequenz. Ist voller Musik. voller Gefühle, voller Sympathie für die beiden Hauptdarstellerinnen Hannah Herzsprung und Monica Bleibtreu.



Monica Bleibtreu spielt Traude Krüger, eine Pianistin kurz vor der Pensionierung, die in einem Frauenknast Klavierunterricht gibt. Hannah Herzsprung spielt Jenny von Loeben, eine knapp 20jährige Insassin, verurteilt wegen Mord. Die beiden begegnen sich bei einer Klavierstunde. Traude Krüger weigert sich, Jenny zu unterrichten. Benehmen und ungepflegte Hände gefallen der strengen Dame nicht. Jenny rastet aus, schlägt einen Wärter zusammen, und hämmert auf das Klavier ein, entlockt dem Instrument, das Schubert, Mozart und Schumann gewohnt ist, wilde Klänge. "Diese Negermusik will ich nie wieder hören", wird Traude Krüger ihr später sagen. "Das ist meins, das bin ich", wird Jenny ihr antworten.

Traude Krüger nimmt das musikalische Talent der jungen Insassin wahr, und da sie nichts mehr liebt als die Musik und ebenso der Ansicht ist, dass Jenny ihrer Gabe, die ihr gegeben wurde, verpflichtet sei, will sie der jungen Frau zur Teilnahme bei "Jugend musiziert" verhelfen. Und sie will, dass sie gewinnt. Jenny aber möchte nur Musik machen, erhofft sich ein Stück Freiheit durch das Spiel. Anfangs widersetzt sie sich den Wünschen der Lehrerin, zu viele negative Erfahrungen sind für sie an Konzerte gekoppelt, die sie als musikalisches Wunderkind in jungen Jahren schon geben musste. Doch um ihrer Freiheit ein Stück näher zu kommen, unterwirft sie sich dem harten und barschen Reglement der Älteren.

vie minuten 2In der Beziehung, die sich zwischen diesen beiden Frauen entwickelt, liegt die Stärke und das Potenzial des Filmes. Andere Figuren und Nebenhandlungen sind Beiwerk, kaum wichtig für die Entwicklung der Geschichte, die ihre eigene Dynamik entfaltet. Zwischen der rebellischen Jenny von Loeben und der verschlossenen Traude Krüger. Ähnlich sind sich die beiden in ihrer Unfähigkeit Nähe zu zulassen, Freude zu zeigen. Und in ihrer Ruppigkeit anderen gegenüber. Unbewältigte Erfahrungen in der Vergangenheit bestimmen ihr Verhalten in der Gegenwart und machen sie zu Verbündeten. Bei Jenny waren es Missbrauch, Kindesverlust und Verrat, bei Traude wirken die Folgen des Nationalsozialismus nach. Während des Krieges arbeitete sie als Sanitätskrankenschwester. Rückblenden erzählen von ihrer Liebe zu einer Kommunistin und vom Ende dieser Liebe durch Verrat und Tod.

Dass Monica Bleibtreu die Rolle dieser alten Frau gut spielen kann, wundert nicht. Noch zu gut hat man die 62-jährige Theater- und Filmschauspielerin im Gedächtnis, als sie eine 80-jährige Jüdin in dem Ein-Personen-Theaterstück von Martin Sherman "Rose" spielt und einen eindringlichen Monolog hält.
Eine wahre Überraschung ist Hannah Herzsprung, die in diesem Film ihre erste Hauptrolle spielt. Sie wollte die Rolle der Jenny unbedingt haben und hat sich mit einer saftigen Lüge im Gepäck ins Casting begeben. Bedingung für die Hauptdarstellerin war, Piano spielen zu können. Hannah Herzsprung behauptete sie könne spielen. Als es dann aber zum Vorspielen kam, brachte sie noch nicht einmal "Alle meine Entchen" zustande. Doch sie war die beste im Schauspiel. "Und beim Dreh hat sie schließlich perfekt die Sonaten spielen können", erzählt Regisseur Chris Kraus. "Sie hat mit unglaublichem Fleiß ein halbes Jahr Klavierunterricht genommen." Bis auf eine entscheidende Szene im Film, brauchte sie kein Double für keine Aufnahme. vier minuten 3Und diese entscheidende Szene verlangt so viel an Virtuosität am Klavier, das Hannah Herzsprung an dieser Stelle von der Pianistin Kae Shirati gedoubelt wurde. Das Stück, das Kae Shirati interpretiert, wurde von der Komponistin Annette Focks geschrieben. "Ein Wahnsinn, diese Frau", kommentiert Chris Kraus. Sowieso hat er sich gut auf sein vorwiegend weibliches Team verlassen können. "Die Kamerafrau Judith Kaufmann ist eine der besten ihres Fachs", sagt er. Das Publikum kennt sie aus ihrer Zusammenarbeit mit der Regisseurin Angelina Maccarone, deren Ideen sie beispielsweise für "Fremde Haut" bildlich umgesetzt hat. Für die Filmmontage zeigt sich Uta Schmidt (Almost Heaven, Roadmovie mit Heike Makatsch) verantwortlich. Und dass der Film, der ursprünglich mit Jeanne Moreau als alternde Klavierlehrerin besetzt werden sollte, letztendlich doch noch in die Kinos kam, ist dem Produzentinnenteam Kordes & Kordes zu verdanken. Denn als Jeanne Moreau absprang, weil ihr Terminkalender mit den Dreharbeiten unvereinbar war, kippte die Finanzierung des Films und die ursprünglich agierende Produktionsfirma konnte den Film mit dem verbleibenden Etat nicht mehr produzieren. Da sprangen die Frauen aus Berlin ein. "Kordes und Kordes sind unglaubliche Produzentinnen", sagt Chris Kraus. "Die haben ihre gesamte Existenz an die Sache gehängt. Und ihnen kam dann auch die Idee zu Monica Bleibtreu". Und so kamen die beiden Hauptdarstellerinnen, die beide für den deutschen Filmpreis vornominiert sind, zum Film-Team. Die eine durch eine gute Idee der Produktionsfirma und die andere durch eine geschickte Lüge, mit der sie sich ins Casting mogelte.
Dagmar Trüpschuch

Vier Minuten
BRD 2006
Regie: Chris Kraus
Kamera: Judith Kaufmann
Montage: Uta Schmidt

DarstellerInnen: Monica Bleibtreu, Hannah Herzsprung, Jasmin Tabatabai, Nadja Uhl, Richy Müller, Vadim Glowna
 

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