Gay Games 2006 ein Zwischenbericht  
  Am 25. Oktober 2001 scheint in Johannesburg bereits alles in trockenen Tüchern: Austragungsort der Gay Games VII soll Montréal werden aber: "Zwei Jahre später und dreizehn Vertragsversionen weiter erkennt Montréal 2006, dass ein grundlegendes Problem existiert", wie die Organisatoren von Montréal in einem offenen Brief zu verstehen geben. Die Vertragsunterzeichnung zwischen der Federation of Gay Games (FGG) und den Veranstaltern aus Montréal ist am 11. November in Chicago geplatzt. Doch was um Himmels Willen hat die Kanadier dazu bewegt, den Vertrag abzulehnen?

Im Wesentlichen scheint es, wie so häufig im Leben, an den Finanzen gescheitert zu sein. Während sich die FGG vor dem Hintergrund der bisherigen finanziell desaströsen Gay Games für eine geringere Teilnehmerzahl von insgesamt 12 000 Sportlern ausspricht, sind die Kanadier anderer Ansicht. Mindestens 16 000 Teilnehmer müssten zugelassen werden, um schwarze Zahlen zu schreiben denn: je größer ein Event, desto interessierter die Bevölkerung und demzufolge auch umso stärker das Interesse bei den Medien und last but not least bei einer Vielzahl an Sponsoren. Auch die Verwaltung der Gelder ist umstritten. Équipe Montréal ist nicht einverstanden, dass sämtliche Gelder in Fremdregie verwaltet werden, nämlich von der FGG. Schließlich sei es das eigene Land, das sich dazu bereit erklärt, die Spiele mit fünf Millionen kanadischen Dollar zu unterstützen. Zudem stelle die FGG, im Übrigen nicht nur aus Sicht von Equipe Montréal, keine repräsentative Vertretung der weltweiten schwulen, lesbischen, bisexuellen und Transgendergemeinschaft dar.
Die FGG ist da anderer Meinung: Montréal 2006 habe es ausschließlich auf die "Marke" Gay Games abgesehen, aber sei demgegenüber nicht bereit zu Kompromissen. In der homosexuellen Sportwelt ist Unruhe eingekehrt. Was nun? Keine Gay Games in 2006? Keinesfalls! Es ist davon auszugehen, dass uns das Jahr 2006 gleich zwei sportliche Spitzenevents bescheren wird. Zum einen die inoffiziellen Gay Games mit der Bezeichnung "Rendez-Vous Montréal 2006", die vom 29. Juli bis 5. August in der kanadischen Metropole stattfinden. Zum anderen die "offiziellen" Spiele. Nur bleibt abzuwarten, ob die Gay Games VII letztendlich in L.os Angeles oder Chicago ausgetragen werden. Der zweitplazierte Anwärter Atlanta hat seine Bewerbung nämlich im Zuge der gescheiterten Vertragsunterzeichnung zurückgezogen.
Mark Tewksbury18 Tage nach den geplatzten Verhandlungen wird ins Schöneberger Rathaus Berlin zu einer Pressekonferenz von Montréal 2006 geladen. Wider Erwarten gibt es jedoch kaum Erklärungen zu den Beweggründen für die Nichtunterzeichnung vielmehr wird das neue Programm von "Rendez-Vous Montréal 2006" vorgestellt. Mark Tewksbury, Sportler und Co-President von Montréal 2006, sei gerne bereit die Fragen der Anwesenden zu beantworten doch er "würde es bevorzugen, nicht ins Detail zu gehen", was die gescheiterten Vertragsverhandlungen angehe. Aha?! Waren wir denn nicht gerade darauf gespannt? Tewksbury erklärt, dass dies keine Kampagne von Montréal 2006 gegen die FGG werden solle. Die Zeit werde zeigen, was sich in der homosexuellen Sportwelt möglicherweise ändern wird und welche Rolle die FGG in der Zukunft spielen wird. Auch für Games Berlin e.V., die sich um die Gay Games 2010 beworben haben, ist Abwarten angesagt. Robert Kastl, kommissarischer Geschäftsführer von Games Berlin e.V., ist der Ansicht, dass sich weder Montréal noch die FGG einen Gefallen mit den gescheiterten Vertragsverhandlungen getan haben - "allerdings musste eine Entscheidung gefällt werden und da ist ein Ende mit Schrecken einem Schrecken ohne Ende sicher vorzuziehen". Die Entscheidungen irgendwelcher anderer Städteteams habe jedenfalls keine Auswirkungen auf die Bewerbung für 2010. Viel mehr sei abzuwarten, wie die Regeln der FGG für eine Bewerbung aussehen werden. "Es ist davon auszugehen, dass die Ereignisse rund um Montréal sich darin wieder finden werden und erst dann kann eine ernsthafte Beurteilung vorgenommen werden", so Kastl. Ende März werde jedenfalls entschieden, ob man der FGG auch weiterhin "treu" bleibt.
Wie umstritten die Rolle der FGG bei den Gay Games auch sein mag und sei sie ausschließlich auf die glückliche Position des Patentinhabers für die Bezeichnung Gay Games beschränkt, bleibt doch zu hinterfragen, wie die rosa-lila Sportwelt ohne die FGG aussähe. Zahlreiche Events über den gesamten Globus verstreut, ähnlich dem "Welche CSDs schaffe ich in diesem Sommer abzugrasen-Ansporn" würden vermutlich ein allgemeines Gay-Sport-Event-Hopping in der Community auslösen. Aber könnte es nicht sein, dass es gerade die Einmaligkeit ist, die den besonderen Reiz der Gay Games ausmacht? Mark Tewksbury ist jedenfalls der Ansicht, dass mittlerweile zehntausende Aktive innerhalb der GLBT-Sports-Gemeinde vereint sind, so dass nicht nur ein Event innerhalb von vier Jahren stattfinden sollte.


Nicole Behrens


Nützliche Internetadressen:
www.montreal2006.org
www.gaygames.com
www.chicago2006.org
www.gamesberlin.de

 
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