Die Gefühlstonleiter rauf und runter  
  Mit Akkordeon und Saxophon verleihen "die Taktlosen" Klezmer-Kängen Flügel.  
 

"Meine Urgroßmutter hat Operetten gesungen, damals noch auf Schellackplatte aufgezeichnet, meine Großmutter hat Theater gespielt und meine Mutter spielt Theater. Ich wusste schon früh: Das will ich nicht", schmunzelt Daniela Lorenz. Nun, die Familientradition hat sie eingeholt, zum Glück. Seit zehn Jahren eilt sie von Konzert zu Konzert, füllt die Bühne mit unausweichlicher Präsenz. Mit geblähten Backen bläst sie in ihr Sopransaxophon, windet den Oberkörper zu den Klängen ihres Instrumentes, scheint mit ihm verwachsen. Ab und zu setzt sie es vom Mund ab, lässt es einfach am Hals baumeln, singt. Vom Mezzosopran bis in höchste Kopftöne, das zweigestrichene g nimmt Lorenz mit Leichtigkeit. An ihrer Seite gibt Musikpartnerin Susanna Gusso den Takt an. Die Finger ihrer rechten Hand fliegen über die Tasten des Akkordeons, während die Linke mit kurzem, präzisem Druck auf die Bässknöpfe den Rhythmus hält.

Die Taktlosen

Lorenz, Gusso und ihre Instrumente produzieren nicht nur Musik. Sie schaffen Stimmung, oder besser: Stimmungen. Mit seiner Klezmermusik schickt das Duo sein Publikum auf ausgedehnte Reisen in das Land der Empfindungen, von Trauer und Leid bis hin zum höchsten Glück und erotischer Extase. Dabei handelt es sich stets um Liebeslieder, in all den Variationen, die das Thema der Themen zu bieten hat. Natürlich schöpft Lorenz beim Texten aus dem Schatz eigener Erlebnisse, achtet aber darauf, keine Namen zu nennen, denn sonst, "ist das Lied völlig unbrauchbar, wenn die Geliebte mich verlassen hat. Schon beim Gedanken an ihren Namen kommen mir Tränen in die Augen, es schnürt mir die Kehle zu, dann vergesse ich zu singen."

In der Regel covern die Musikerinnen Melodien und verpassen ihnen eigene Texte. Verliebt hat sich das Duo vor Jahren in die skurrile italienische Musik von Nino Rota in den Filmen von Federico Fellini. Über sie kamen die Musikerinnen zum Klezmer. Seitdem kommen sie davon nicht mehr los. "Klezmermusik erlaubt alles. Das ganze Gefühlsspektrum. Für mich liegt darin eine Möglichkeit, das auszudrücken, was ich fühle", betont Gusso. "Und sie passt sehr gut zu meinem Akkordeon." Die jüdische Orthodoxie untersagt Frauen zwar, Instrumente zu spielen. Aber bislang haben Lorenz und Gusso bei Auftritten keinerlei Probleme gehabt. Im Gegenteil, "wir hatten immer positive Resonanz. Wir haben auf einer hetero Hochzeit gespielt, wo eine Jüdin geheiratet hat. Es war super," so Lorenz. Auf den gemischt geschlechtlichen Veranstaltungen outen sich die Musikerinnen in der Regel nicht. "Auf hetero Hochzeiten singe ich nicht unbedingt lesbische Liebeslieder. Dann spielen wir mehr instrumental," erklärt sie. Auf lesbischen Hochzeiten schmettert Lorenz selbstverständlich ihre lesbischen Texte, nicht nur auf der Feier, sondern überall, wo das Brautpaar es wünscht oder - Überraschung, Überraschung - überhaupt nicht erwartet. "Wir stehen auch unvermittelt vor dem Standesamt oder spielen auf der fahrenden Hochzeitskutsche," so die Saxophonistin. Das Hochzeitsentertainment geht sogar weiter. Auf Wunsch bringen Gusso und Lorenz den GästInnen die Grundschritte diverser Standard- und Kreistänze bei. Zum Ausprobieren gibt es die ganze Feier über Gelegenheit. Lorenz findet es "wunderschön, wenn die Menschen tanzen zu unserer Musik".

Konzerte geben "die Taktlosen" zugegebener Maßen lieber auf gemischten als auf reinen Lesbenveranstaltungen. "Auf Lesbenveranstaltungen gibt es tausend verschiedene Gruppierungen: vegane Lesben, Motorradlesben, Politlesben. Da kommt man manchmal auf die Bühne, hustet, sagt guten Abend - und hat schon was falsch gemacht. Oder man darf nicht man sagen", so die Erfahrungen des Duos. "Darunter leide ich schon. Es ist so schwer unter einen Hut zu kriegen", beklagt Lorenz. Gemischtes Publikum ist in der Regel unkritischer. "Toll. Frauen, können Musik machen und sehen gut aus", bekommen die beiden oft als Feed back. Trotzdem arbeiten sie daran, eine Lesben-Kult-Band zu werden. "Das war von Anfang an mein Traum", so die Sängerin.

Arbeiten, das heißt selbstverständlich nicht nur bundesweit auftreten und auf Hochzeiten spielen. Arbeiten heißt vor allem proben. Das können Lorenz und Gusso Tag und Nacht. In ihrem großen Haus im Wendland stört sie keiner und sie stören niemanden. "Das ist sehr gut. Unser ganzes Leben ist der Musik gewidmet. Ich könnte nicht in der Stadt in einer normalen Wohnung wohnen. Weil es mich immer wieder auf einmal packt, dann lasse ich alles stehen und liegen, und spiele halt mal Schlagzeug," erklärt Lorenz. "Oder Kontrabass." Diese beiden Instrumente eignet sie sich jetzt an, um dem Band - Sound zukünftig noch mehr Volumen und Vielfalt zu verleihen. Vor allem aber "weil ich dann spielen und gleichzeitig singen kann."

Zusammen brachte die beiden Vollblutmusikerinnen vor rund zehn Jahren die Liebe. Als erstes gemeinsames Projekt haben sie eine Operette für Kinder geschrieben. Damit und mit einem anderthalb Tonnen Stahlgerüst sind sie in einem Bauwagen durch Deutschland getourt. "Wenn zwischendurch Zeit war, haben wir ein bisschen auf der Straße gespielt, hier und da. Und das wuchs dann. Ganz von selbst", sagt Lorenz. So haben "die Taktlosen" jetzt zwar andere Partnerinnen, doch sie sind zu einem Langzeit - Wohn- und Musikteam gereift. Ihre CD mit dem Titel "Musik ist nichts für Faule" eigne sich besonders gut zum Auto Fahren, haben sie sich sagen lassen.

Über die mobile Telefonnummer 0177 - 346 21 26 können "die Taktlosen" für Feiern und Veranstaltungen gebucht, die CD "Musik ist nichts für Faule" bestellt und Konzerttermine erfragt werden

Katrin Jäger

 
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