Tod durch Schlusen  
 
Silvia hasste gerade Silvester mit Inbrunst. Sie konnte sich an kein einziges lustiges Silvesterfest in ihrem Leben erinnern, während sie als Kind doch einige schöne Weihnachtsfeste mit ihren Eltern verbracht hatte. Letztes Jahr war sie zu Silvester allein unterwegs gewesen und prompt einem lange-nicht-mehr-gesehenen Freund in die Arme gelaufen, der ihr von einer Lungenentzündung berichtete. Acht Monate später war er tot. Die Wunden waren noch so frisch, dass sich Silvia fragte, wie sie dieses Silvester überstehen sollte, ohne an diese Begegnung vor einem Jahr zu denken.

Gegen Mittag hielt sie die Anspannung nicht mehr aus und klingelte auf dem Rückweg vom Wochenmarkt bei Dagmar, die auch Gottseidank zuhause war. Und dann saß sie auch schon an Dagmars verwarztem Küchentisch und weinte sich die Augen aus dem Kopf. Dagmar wusste, wann sie still sein musste, und ließ sie gewähren, bis sie sich beruhigt hatte. "David?" fragte sie schließlich taktvoll. Silvia nickte mit verweinten Augen und rieb sich noch einmal mit den Fingerspitzen die Augenwinkel, um dann von neuem in Tränen auszubrechen.
Dagmar stand auf und kochte einen Kaffee. Selbst wenn nichts mehr funktionierte in ihrem Haushalt - Kaffee fand sich wie von Zauberhand immer. Darauf achtete sie ebenso sehr wie auf ihren Tabakvorrat. Schließlich hatte sich ihre Freundin am Küchentisch soweit beruhigt, um ansprechbar zu sein.
"Tja, ich weiß auch nicht", durchbrach Dagmar schließlich das Schweigen. "Gerade ist das große Männersterben. Ich will ja nicht dramatisch sein, und draußen scheint die Sonne, das Leben geht weiter, die unberührte Zukunft schreit, blubb bla, aber ich bin auch untröstlich, wie du. David war ein hübscher Kerl, und auch wenn er nur Unsinn im Kopf hatte - niemand hat es verdient, auf diese Art zu sterben. Ich vermisse ihn. Sehr."
Silvia zog fröstelnd die Schultern hoch.

"Ich will ja weiterleben, aber ich will auch nicht vergessen. Und während all seine Kumpel ständig an eine mögliche HIV-Infektion denken, selbst infiziert oder schon krank sind, stirbt dieser Trottel von Mario an einer Apfelsinenschluse."
"Wer ist Mario, und was zum Teufel ist eine Apfelsinenschluse?"
Dagmar war erleichtert, dass das Leben in ihre Freundin zurückkehrte, wenn auch in ruppiger Form, und sie antwortete: "Ein Freund von mir aus Paderborn, der nach Bonn gezogen war."
"Nicht mehr ganz so schwarz."
"Nein. Getauft war er auf «Reinhold-Maria'."
"Und was ist eine Schluse?"
"Na, diese kleinen Fruchtropfen, aus denen ein Apfelsinenschnitz besteht."
"Ein WAS?" fragte Silvia konsterniert.
"Ein Schnitz, eine Schnitte, hergottnochmal. Wenn du eine Apfelsine zerlegst - diese kleinen Schiffchen eben."

Unter Schiffchen konnte sich Silvia etwas vorstellen. "Ich habe mir einfach noch nie Gedanken darüber gemacht, wie diese Dinger heißen", murmelte sie. Nachdem sie einen weiteren Moment überlegt hatte, wandte sie jedoch stirnrunzelnd ein: "Daran stirbt doch keiner. An einer, «Schluse'?."
"Mario schon. Das Schicksal hatte einen echt bösartigen Humor: Mario war ein Ex-Junkie, der zeitweilig auf den Strich gegangen war. Er hatte nie den Mut aufgebracht, sich testen zu lassen, und praktizierte dann mit seinem Freund, den er später hatte, nur Safer Sex, in der Hoffnung, dass das ausreichte als Schutz."
Silvia nahm einen zögerlichen Schluck aus ihrer Kaffeetasse. "War er allein in der Wohnung? Hat ihm denn niemand auf den Rücken klopfen können?"
"Doch. Hans, sein Freund, hat ihm sofort kräftig auf den Rücken geschlagen, als er merkte, daß Mario sich nicht bloß einfach verschluckt hatte, sondern dass es ernster war. Doch er hat ihm nicht helfen können. Mario ist vom Stuhl geglitten, hat keine Luft mehr bekommen, Hans hat ihm sofort im Rachen herumgepopelt, um den Fremd körper zu entfernen, und alles hat nichts genützt. Mario lief bläulich an und verlor das Bewußtsein. Hans hat dann sofort nach einem Krankenwagen telefoniert, sich wieder neben Mario gekniet und alles mögliche versucht, was ihm an Erste-Hilfe-Maßnahmen noch einfiel. Als der Krankenwagen eintraf, hat Mario nicht mehr geatmet."

"Ich weiß nicht, ob ich das gerade hören muss", sagte Silvia und verhärtete sich.
"Ach komm, wenn du einmal klar und deutlich siehst, wie zufällig und zerbrechlich das Leben sein kann, kannst du es auch wieder mehr genießen und David besser gehen lassen, auch wenn du untröstlich bist."
"Ich weiß nicht."
Dagmar zündete sich eine Zigarette an, nahm einen tiefen Zug und fuhr dann fort: "Die Geschichte wird noch irrer. Am nächsten Tag sind dann Marios Eltern aus Paderborn aufgekreuzt und haben sich den Leichnam unter die Finger gerissen, um ihn in der Provinz verschwinden zu lassen."
"Das klingt ekelig, wie du das erzählst."
"War es auch. Du kennst doch diese Eltern, die ihren längst entfremdeten, toten, schwulen Sohn nach Schwäbisch Gmünd entführen, froh, daß er ihnen keine Schande mehr bereiten kann, Klappe zu/ Affe tot, und die gegenüber der Verwandtschaft behaupten, es sei ein Autounfall gewesen. Oder Krebs, das klingt auch weniger nach schwuler Sau."
"Davids Eltern waren anders."

"Das freut mich. Marios Eltern jedenfalls sind grauenvoll. Ich kenne sie ja von kleinauf. Hans sagte, sie seien nur deshalb ganz leidlich zu ihm gewesen, weil sie doch überrascht waren, dass Mario an so etwas Banalem wie einer Apfelsinenschluse gestorben war. Sie hatten nie gedacht, dass er auch nur dreißig werden würde, aber natürlich hatten ihnen bei der möglichen Todesursache eher Messerstechereien in nächtlichen Gassen und ähnliches vorgeschwebt. Die offensichtliche Unschuld seines Todes muss sie umgehauen haben. Auf jeden Fall durfte Hans alles in der Wohnung behalten, unter der Bedingung, daß sie ihn nie wieder sehen mussten."
"Hrrrg." Silvia stand mühsam auf und begann, im Kreis herumzustaksen, um ihr eingeschlafenes Bein wieder mit Blut zu versorgen. "Ich bin mir nicht sicher, ob ich diese Geschichten wieder und wieder hören will."
"Es wird aber noch lustig."
"Okay."

Dagmar aschte auf eine schmutzige Untertasse und lehnte sich genüsslich zurück. "Da Hans ja nicht zur Beerdigung gehen durfte und in diesen Tagen viel zu zerstört und mit seiner Trauer beschäftigt war, um sich dem Befehl der Eltern zu widersetzen (er ist ja auch erst Anfang zwanzig, glaube ich), hat er den Rest der Geschichte von Marios Schwester erfahren, mit der er sich ganz gut versteht."

Sie blies einen Rauchring in die Luft und sah ihm nach.
"Also, das Paderborner Beerdigungsinstitut muss sich eine Heidenmühe gemacht haben, Mario für die Aufbahrung herzurichten. Ihm waren wohl Adern im Gesicht geplatzt, und Glotzaugen sind auch nicht so schön. Aber die Ackermanns wollten ihn unbedingt zuhause aufbahren, irgendeine obskure Familientradition aus der Zeit, als sie noch reich und mächtig waren."
Sie drückte die Zigarette aus, stand auf und ging ans Fenster. Während sie in den sonnigen Wintermorgen hinausschaute, erzählte sie weiter.
"Auf jeden Fall schlugen bei Frau Ackermann im Angesicht ihres toten Sohnes wohl die puren Mutterinstinkte durch; schwul hin oder her, das war plötzlich alles belanglos. Als Mario noch lebte, hatte sie ihm im Kielwasser ihres Mannes das Leben zur Hölle gemacht mit Ansprüchen wie «Willst du nicht doch noch studieren?' - gerade nachdem der gerade seinen vierten Entzug überstanden und diesmal auch durchgehalten hatte. Aber plötzlich «Mein Baby, mein Baby! Er war doch mein Baby!' Ich hatte so meine Zweifel, als ich davon hörte. Irgendwie beruhigend, dass ihre Menschlichkeit doch noch funktionierte, aber schauderhaft, dass sie das erst aus sicherer Entfernung tat."
"Ich weiß was du meinst", sagte Silvia und trat zu ihrer Freundin ans Fenster. Sie sahen gemeinsam hinaus.

"Die Ackermanns waren immer sehr katholisch, wenn ich mich recht erinnere, und die fassungslos schluchzende Mutter kam also auf die Idee, den kunstvoll hergerichteten Leichnam in die Arme nehmen zu wollen. Da hat sie vermutlich an die Pièta-Gruppen in Kirchen gedacht, aber ihre Kräfte überschätzt. Auf jeden Fall ist sie bei dem Versuch, Mario aus dem Sarg zu heben, samt Sohn und Sarg hintenüber gekippt und hat sich, als ihr Hinterkopf aufs Fensterbrett knallte, eine Gehirnerschütterung zugefügt."

"Ha!" kommentierte Silvia zufrieden und musste das erste Mal an diesem Tag lächeln.
"Außerdem haben noch zwei Leute einen Schock erlitten: Ihr Mann, als er aufgrund des Krachs unten ins Wohnzimmer stürzte und seine Frau bewusstlos inmitten des ganzen lila Satins liegen sah, auf sich den toten Sohn. Der Sarg war vom Podest gestürzt und hatte den gläsernen Couchtisch zertrümmert. Mario wiederum war ins Rotweinglas seiner Mutter gefallen und hatte sich das Gesicht zerschnitten, was wohl gespenstisch ausgesehen haben muß."
"Das ist ja subversiv", sagte Silvia lächelnd und nahm geistesabwesend einen staubigen Socken vom Fenstergriff.

Dagmar drehte sich zu ihrer Freundin herum. "Na, um es kurz zu machen: Wie du dir vorstellen kannst, hat nicht nur Vater Ackermann, sondern auch der Beerdigungsunternehmer eine Attacke bekommen, als er die Bescherung sah. Beim zweiten Mal - all der Schmerz konnte Vater Ackermann nicht davon abhalten, den geschundenen Leichnam in der Kapelle noch ein zweites Mal aufzubahren - muss er das Make-up spachtelweise aufgetragen haben."
Sie legte ihre Finger auf die Heizung, um sie zu wärmen. "Marios Mutter kam eine Woche nach der Beerdigung wieder aus dem Krankenhaus der Bernhardinerinnen, weil die Gehirnerschütterung wohl doch ziemlich schwer war, dazu die Trauer und so. Da war sie erstmal kleinlaut, mindestens ein Jahr lang, sagte die Schwester. Und Marios Vater konnte sich aufgrund all dieser Erschütterungen endlich dazu durchringen, zu den Anonymen Alkoholikern zu gehen."

Silvia zog den Kopf ihrer Freundin zu sich heran und küsste sie lange und vorsichtig auf die Wange. "Es gibt also Gerechtigkeit?" fragte sie Dagmar, als sie sich schließlich voneinander lösten. "Hoffen wir's", entgegnete diese mit einem Funkeln in den Augen.

Stephanie Sellier
 
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